Seitenstettens Abt Petrus Pilsinger

© Atzenhofer Wolfgang

Chronik Niederösterreich
04/03/2021

Tolle Knolle feiert 400-Jahr-Jubiläum

Im Stift Seitenstetten wurden 1621 die ersten „Papas“ geerntet und schmackhaft verkocht. Der damalige Abt schrieb die Rezepte auf. Im Mai startet eine Sonderausstellung.

von Wolfgang Atzenhofer

Der Erdäpfelabsatz in Supermärkten und Ab Hof-Läden ist im ersten Corona-Krisenjahr um bis zu 20 Prozent gestiegen. 400 Jahre nach dem erstmaligen Anbau als Nahrungsmittel im Garten des Stifts Seitenstetten hat die mehlige Ackerfrucht ihren Ruf als Krisenknolle einmal mehr bestätigt. Im Verkaufserlös für die Bauern schlägt sich diese Wertschätzung freilich nicht so ganz nieder.

Der vor 25 Jahre als Ausflugshit reaktivierte barocke Stiftsgarten sollte heuer Kulisse für das denkwürdige Erdäpfel-Jubiläum werden. Corona lasse aber wenig zu, berichtet Benediktinerabt Petrus Pilsinger. In Erinnerung an seinen Vorgänger Kaspar Plautz, der in seinem 1621 veröffentlichen Buch „Nova Typis Navigatio“ erstmals über die blaublühende Erdäpfelstaude aus der Neuen Welt als Speisefrucht berichtete, wird es in den Stifträumen eine Sonderausstellung geben.

"Baracas-Salat"

Abt Kaspar gab in dem Werk neben einem Rezept für einen Kartoffelkuchen auch erstmals die Rezeptur für einen Erdäpfelsalat, fein geschnitten mit Essig, Öl, Salz oder Zucker, preis. Also mussten die Mönche in der Stiftsküche schon in den Jahren davor mit den Erdfrüchten, die „Papas“ oder „Bacaras“ genannt wurden, experimentiert haben.

Als Blütenpflanze seien die Erdäpfel schon um 1600 in Wien bekannt gewesen, berichtete der Biologe Mathias Weis in seiner Diplomarbeit über den Seitenstettener Hofgarten. Er stellt auch die Ausstellung zusammen. Darin wird viel Wissenswertes über den Weg der Erdäpfel zum Grundnahrungsmittel zu erfahren sein. Plautz, der sein Buch über die Entdeckungsreise zum amerikanischen Kontinent unter dem Pseudonym Honorius Philoponus schrieb, sah sich selbst als Pionier. Im Buch lobte er den Seitenstettener Abt, also sich selbst, für den Anbau der Erdäpfel. Später erkannte bekanntlich Maria Theresia das Potenzial der Feldfrucht. Sie ließ um etwa 1740 die ersten Kartoffeln in der Ortschaft Pyhrabruck im Waldviertel aussetzen. Sie erkannte im Erdäpfelanbau eine Möglichkeit, den Hunger des Volks zu bekämpfen.

Erdäpfelbier

„Sofern es möglich ist, werden wir ab 1. Mai eröffnen. Der Besuch wird nur mit Führung möglich sein“, kündigt Abt Petrus an. Einer alten Klostertradition folgend, soll rund um die Schau auch das erste Erdäpfelbier präsentiert werden.

Zu diesem Zeitpunkt werden in Hunderten nö. Gärten bereits die Triebe aus den Erdäpfelpyramiden blinzeln. Über 5.000 Pakete mit Saatkartoffeln und Bauanleitungen für die Kastenbeete wurden von „So schmeckt NÖ“ versendet. Die beliebte Aktion trägt dazu bei, den Wert landwirtschaftlicher Produkte mehr schätzen zu lernen.

Wirte fehlen

Mit knapp 20.000 Hektar Anbaufläche produzieren niederösterreichische Bauern über 80 Prozent der österreichischen Erdäpfelernte. Über 5.000 Landwirte haben im Vorjahr mit rund 722.000 Tonnen eine überdurchschnittliche gute Ernte eingefahren, berichtet Franz Wanzenböck, der Obmann der Interessensgemeinschaft Erdäpfelbau.

Wie medial bereits mehrfach behandelt, hat den Erdäpfelbauern die Corona-Krise die Freude über die vorjährige gute Ernte verdorben.  „Der Ausfall der Gastronomie  ist einfach nicht wettzumachen“, sagt Wanzenböck. In den Supermärkten und auch in den Hofläden der Bauern habe sich  die Krise zwar wirtschaftlich sogar positiv auf die Branche ausgewirkt.  Der Absatz sei  dort um 15 bis 20 Prozent gestiegen. Doch damit lasse sich der sonst übliche Bedarf der Gastronomie an Pommes frites und anderen Speiseerdäpfeln nicht ausgleichen.

Restbestände

Und wenn Ende Mai die ersten heimischen Heurigen von den Äckern in die Verkaufsläden kommen, werden  sich bei zahlreichen Bauern noch beträchtliche Mengen an Alterdäpfeln in den Lagern befinden. „Es wird heuer nicht ausbleiben, dass Reste der Vorjahresernte auf den Äckern landen“, schildert der Sprecher der Erdäpfelbauern. Zwar wurden auch beträchtliche Mengen an Speisekartoffeln zur  industriellen Stärkegewinnung oder an Biogasanlagen abgegeben, doch „das ist ein Nullsummenspiel“, so Wanzenböck.  „Die ein oder zwei Cent für’s Kilo reichen gerade für die Transportkosten“.

Nicht überbewerten will Wanzenböck, den aktuellen Konkurrenzdruck durch Importkartoffeln. Die meisten Handelsketten würden nur heimische Erdäpfel führen, „und in normalen Jahren sind auch wir froh, wenn wir exportieren können“.

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