© Paul Feuersänger

Interview
08/10/2020

Thomas Sautner: „Es ist ein Paradies, wir müssen nur eintreten“

Der Schriftsteller im KURIER-Interview über Literatur als Fels in der Brandung, wie sie zum Leben erweckt wird und darüber, dass das Leben gelebt werden will.

von Marlene Penz

Der Schriftsteller Thomas Sautner (50) ist in Gmünd aufgewachsen und lebt auch heute noch im Waldviertel – in einigen seiner Bücher führt er auch seine Leserinnen und Leser dorthin. Der KURIER hat ihn zum Interview in einem Wirtshaus getroffen, er ist hungrig, sein Tag dauerte schon um einiges länger als gedacht.

KURIER: Sie haben sich die Nacht um die Ohren geschlagen, warum?

Thomas Sautner: Oft wache ich spät nachts auf und anstatt mich im Bett zu wälzen, nutze ich die Gelegenheit, um zu arbeiten. Senile Bettflucht hat also auch ihre Vorteile. Frühmorgens ist der Geist noch frisch, die Ideen noch klar und unverstellt. Heute Nacht war es der neue Roman, an dem ich geschrieben habe.

Worum wird es im neuen Buch gehen?

Wie immer ums Leben, ums Kleinste und Größte darin. Genaueres getraue ich mich noch nicht zu sagen. Sie wissen ja: ungelegte Eier. Zu ungewiss, zu zerbrechlich.

Wie lange schreiben Sie an einem Roman?

Für gewöhnlich um die zwei Jahre. Ich hoffe, dass der neue Roman kommendes Jahr erscheinen kann und trotz Corona Lesungen möglich sind und wir generell unser Leben wieder frei und erfüllend leben können.

Ist es nicht auch stressig, wenn man ein neues Buch herausbringt und eine Lesung die nächste jagt?

Zwei Jahre Arbeit am Buch, das reicht dann auch an Rückzug, danach freue ich mich auf die Lesungen. Ich empfinde sie als immens wichtigen Teil der literarischen Arbeit. Sie sind Teil des Genusses, löschen manche Hemmschwelle beim Publikum und oft sind sie der Impuls, der die Menschen zum Lesen führt, was das Entscheidende ist. Denn geschaffen wird Literatur zwar von uns Autoren, belebt aber erst von den Menschen, die sie lesen. Mit jeder Leserin, jedem Leser erhält ein Roman neuen Atem. Nur wenn ein Buch immer wieder von jemandem zur Hand genommen wird, lebt es fort.

Ihr erster Roman „Fuchserde“ erschien 2006 und wird noch immer gelesen. Seither haben Sie acht weitere Bücher veröffentlicht. Zuletzt erschien im Vorjahr „Großmutters Haus“ (Picus Verlag 2019). Welches ihrer Bücher ist gesellschaftspolitisch am aktuellsten?

Ich hoffe alle, denn in allen geht es um die zeitlosen Themen der Literatur, um Leben und Lebenssinn, um das Drama und die Komödie, Mensch zu sein. Ich denke, gute Literatur ist immer aktuell, wenn man sie im Kontext der Zeit zu lesen versteht. Deshalb sind so unterschiedliche Klassiker wie Tolstoi, Kafka und Proust, wie Karl Kraus, Joseph Roth oder Ingeborg Bachmann derart gegenwärtig. Literatur hat kein Ablaufdatum. Literatur kann uns alles sein, der Fels in der Brandung während turbulenter Zeiten und der Schiffsbug, der uns anzeigt, wohin die Reise geht.

Sie haben einmal erzählt, dass Sie ihren ersten Roman weggeschmissen haben.

Ja, zum Glück. Der war schrecklich. Damals, kurz nach der Fertigstellung, dachte ich selbstverliebt, er sei großartig, aber tatsächlich war er grottenschlecht. Ich bin allen Verlagen dankbar, die ihn damals abgelehnt haben. Aber das gehört beim Schreiben auch dazu, das Wegschmeißen und Ausmisten. Es gibt schon genug Unsinn und Belanglosigkeit in der Welt, man muss derlei nicht auch noch zwischen Buchdeckeln pressen.

Sie haben sich von der damaligen Niederlage aber nicht entmutigen lassen.

Weil für mich das Lesen und das Schreiben das Leben erst komplett machen. Auf Literatur zu verzichten, hieße für mich, auf einen entscheidenden Bildausschnitt zu verzichten. Der Blick auf die Welt würde schlicht unvollständig bleiben. Es ist mir ein Rätsel, warum so viele Menschen freiwillig diesen Verzicht in Kauf nehmen. In der Literatur und der Kunst generell heben wir uns über unsere Banalität hinweg. Kunst lässt uns unser Höchstes sehen. Und wenn sie uns unser Tiefstes sehen lässt, rettet sie uns davor für diesen Moment. Das Großartige ist, dass es in Österreich und gerade auch in Niederösterreich so viele kulturelle Angebote gibt, es ist ein Paradies, wir müssen nur eintreten.

Wird uns Corona womöglich von diesem Paradies aussperren?

Corona nicht. Wenn, dann tun wir das selbst. Ich habe Respekt vor allen Menschen, die sich um ihre Gesundheit sorgen, aber wir sollten nicht nochmals in lähmende Angst und Agonie verfallen. Corona darf uns nicht zu verzagten, unmündigen Menschlein machen. Das Leben ist so wertvoll und rar, es will gelebt werden.

Schreibseminare mit dem Autor: 19. & 20. September, Waldviertler Sommerakademie; 4. & 5. Oktober, Wander-Schreibseminar (www.thomas-sautner.at)

Der Schriftsteller und Essayist wurde 1970 in Gmünd geboren. Er lebt in seiner Heimat, dem nördlichen Waldviertel, sowie in Wien. Neben zahlreichen Erzählungen erschienen von ihm u. a. die Romane „Fuchserde“, „Fremdes Land“, „Die Älteste“, „Das Mädchen an der Grenze“ und zuletzt „Großmutters Haus“. Auch ein Kinderbuch zählt zu seinen Werken    
 

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