Die weiße Brühe fließt in die Schwarza

© Wammerl Patrick

Chronik | Niederösterreich
07/10/2019

Schlamm aus dem Basistunnel: ÖBB massiv unter Druck

Politik und Anrainer verlangen nach Vorfall mit verdrecktem Tunnelwasser rasch Klarheit.

Auch die Behörde dürfte von der Dimension des Ereignisses überrascht worden sein. Die weiße Schlammbrühe aus dem Semmering-Basistunnel, die seit Tagen die Fischereigewässer und Gebirgsbäche im Bezirk Neunkirchen verdreckt, hat weit schlimmere Auswirkungen auf die Umwelt als angenommen.

Wie ein Lokalaugenschein zeigt, sind alle Lebewesen in den betroffenen Gewässern arg in Mitleidenschaft gezogen. An den Ufern und im Flussbett hat sich eine klebrige Schicht aus Sedimenten gebildet, teilweise treiben verendete Fische im Wasser.

Am Dienstag hat sich nach einem Bericht des KURIER auch die Politik in den Fall eingeschalten. Niederösterreichs Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf (ÖVP) sieht die ÖBB „gefordert, schnellstmöglich für Klarheit zu sorgen und die Verunreinigung der Gewässer zu stoppen“.

Während des Tunnelvortriebs im Bereich von Göstritz am Semmering sind die Mineure auf starkes Bergwasser getroffen. Laut Angaben der ÖBB schießen derzeit pro Sekunde 60 Liter stark sedimenthaltiges Wasser mit feinen Gesteinspartikeln aus dem Berg – zusätzlich zu 40 Sekundenlitern an reinem Wasser. Die Filter- und Gewässerschutzanlagen in den Auffangbecken der Tunnelbaustelle Göstritz können den Sand aufgrund der großen Menge nicht mehr filtern. „Für das ist die Anlage einfach nicht ausgerichtet“, erklärt dazu ÖBB-Sprecher Karl Leitner.

Mehr als fünf Millionen Liter der weißen Flüssigkeit laufen damit täglich ungefiltert in den Göstritzbach und die Schwarza.

Für den Tunnelabschnitt waren bereits im Zuge der Erstellung des Naturschutzbescheides 300 Sekundenliter prognostiziert. „Wenn man die 60 Liter pro Sekunde nicht im Griff hat, was ist dann, wenn wirklich die Prognosen voll eintreten?“, fragt sich der ehemalige Tourismusdirektor und Fischereiberechtigte, Erich Schabus. Seine Fischzuchtanlagen bei Schottwien wurden durch das weiße Rinnsal bereits vernichtet.

Die talwärts fließende Wassermenge ist derzeit so hoch, dass der Auebach in Gloggnitz bereits das Wasser in das historische Gebäude der alten Kunstmühle drückt.

Scharfe Kritik

Was die Gloggnitzer Bürgermeisterin, Irene Gölles (Bürgerliste), und der nö. Landtagsabgeordnete Hermann Hauer (ÖVP) verurteilen, ist der mangelnde Informationsfluss vonseiten der ÖBB. „Da fließt drei Tage lang die weiße Brühe durch den Bezirk und niemand hält es für notwendig, die Öffentlichkeit zu informieren. Das ist doch ein Witz“, sagt Hauer.

Bei den Bundesbahnen heißt es, dass man bereits bei einer Infoveranstaltung am 3. Juni vor einer „möglichen Schaumbildung im Göstritzbach“ gewarnt habe. „Das was jetzt passiert ist, hat aber eine andere Dimension“, kritisiert Hauer.

Gesundheit

Leitner will betont wissen, dass für Menschen keine Gesundheitsgefährdung besteht. „Man braucht aber kein Experte zu sein um zu wissen, dass diese Situation für die Fische auf Dauer natürlich nicht gut ist“, so der ÖBB-Sprecher.

Man arbeite seit Tagen im Tunnel mit Hochdruck daran, mit Beton-Injektionen den Austritt des getrübten Wassers zu stoppen. „Es kommt eine Art Betondeckel darüber. Wir versuchen es rasch in den Griff zu bekommen. Es sollte in ein bis zwei Wochen erledigt sein“, verspricht Leitner.

Die Gewässeraufsicht des Landes führt laufend Kontrollen und Messungen durch. „Wir sind sicher eine der strengst geprüften Baustellen in Österreich“, sagt Leitner.