© Berger Markus

Reportage
11/22/2020

Leben im Lockdown: Nach 106 Jahren kam die Pandemie

Harter Lockdown: Wie geht es den Menschen in diesen Wochen? Ein Besuch beim ältesten Bewohner St. Pöltens.

von Johannes Weichhart

Franz Wielander hat zwei Weltkriege und die anschließende Gefangenschaft in Sibirien überlebt. Auch drei Herzinfarkte, ein Schlaganfall und eine Schrumpfniere konnten ihn nicht niederstrecken. In seinem Kiefer steckt noch immer ein Granatsplitter, manchmal greift er sich deshalb beim Sprechen an die Wange. Und jetzt auch noch der harte Lockdown und diese verdammte Pandemie. „Corona? Kann ich wirklich nicht brauchen“, sagt er und lacht.

Wielander ist St. Pöltens ältester Einwohner. 106 Jahre hat er bereits auf diesem Planeten verbracht. Als er am 21. Jänner Geburtstag feierte, kam der Bürgermeister vorbei, um zu gratulieren. Es wurden Fotos gemacht, die später auch in Zeitungen erschienen. Jetzt hängen die Bilder in seinem Wohnzimmer. Er freut sich über diese Begegnungen. Das sind die Momente, an die sich der hochbetagte Pensionist gerne erinnert.

Als ihn der KURIER besucht, strahlt die Sonne. Es ist einer der wenigen Tage in diesen Wochen, an denen keine Wolke am Himmel zu sehen ist. Wielander beugt sich aus dem Fenster, genießt die überraschende Wärme. Er blickt zufrieden auf seinen Goldfischteich, wird aber stutzig, weil keine Fische zu sehen sind.

„Die müssen sich versteckt haben“, erklärt er.

„Ich sage zu ihm immer, dass er jeden Moment genießen soll“, hört man eine Stimme aus dem Hintergrund. Es ist sein Sohn Rudolf, immerhin auch schon 71 Jahre alt. Gemeinsam mit seiner Frau sorgt er sich rührend um seinen Vater.

Belastung

Rudolf Wielander weiß, dass er sich in Zeiten wie diesen ganz besonders um seinen Vater kümmern und auf ihn aufpassen muss. „Wir müssen zusammenhalten“, sagt der 71-Jährige. „Hier bei uns im Haus, aber auch draußen, die gesamte Gesellschaft. Es hilft ja nix, jammern bringt null.“

Denn das Corona-Virus hat uns fest im Griff. Zuerst schleichend, dann immer rasanter hat es um sich gegriffen. Vor allem alte Menschen leiden unter den scharfen Restriktionen, die die Pandemie bändigen sollen.

So hat die Med-Uni Graz bereits im Mai die Auswirkungen der Covid-19-Maßnahmen auf Menschen im Alter 60 plus erheben lassen. Das Resultat: Bereits den ersten Lockdown hat die Mehrheit der Befragten als erhebliche Belastung empfunden. Die Angst, Kinder oder Enkelkinder nicht mehr sehen zu können, führten zu einer geringen Lebenszufriedenheit und verstärkten depressive Symptome.

Spitzbübisch

Ein bisschen genießt es Franz Wielander, dass er an diesem Tag im November im Mittelpunkt steht, dass Besuch da ist. Abwechslung im öden Lockdown-Leben. Als der KURIER-Fotograf die Kamera auf ihn richtet und es im Stakkato blitzt, kommt das Spitzbübische durch. „So schön bin ich ja auch wieder nicht“, sagt er und grinst. Schon kommt Sohn Rudolf mit einem Kamm herbeigeeilt und frisiert ihn.

Dann erzählt er aus seinem Leben, sein Sohn muss manchmal ein wenig nachhelfen, weil Papa schon recht schlecht hört.

Bald nach der Schule war der Niederösterreicher als Knecht tätig. „Eine harte Arbeit, keine einfache Zeit“, erinnert sich der 106-Jährige. Danach arbeitete er als Maurer, ein einfaches Leben, auf das er trotzdem zufrieden zurückblickt. Mit seiner mittlerweile verstorbenen Frau war Wielander mehr als 75 Jahre verheiratet. Sogar die Kronjuwelen-Hochzeit haben sie gemeinsam geschafft.

Heute schläft Wielander viel. Früher hat er sich gern ein Bier aufgemacht, jetzt trinkt er gar keinen Alkohol mehr. Das Essen sei wichtig, sagt die Frau im Haus, Schwiegertochter Katalin Wielander. Gemeinsame Zeit verbringen, wenn auch Besuche unmöglich sind.

Geheimnis des Alters

Bleibt natürlich noch die Frage, die man als Reporter jedem Menschen stellt, der älter als 100 Jahre geworden ist. Wie haben Sie das nur geschafft? „Ich hatte nur eine Frau in meinem Leben“, sagt Wielander, der sich wieder ein Grinsen nicht verkneifen kann. Auch das Rauchen habe er bald wieder eingestellt, erzählt er. Mit 30 Jahren zog er an seiner letzten Zigarette.

Das war vor 76 Jahren.

Mehr als 1.000 100-Jährige
Insgesamt 1.193 Menschen (174 Männer und 1.019 Frauen) waren am 1. Jänner 2020 in Österreich mindestens 100 Jahre alt, berichtet die Statistik Austria.

Bevölkerungsprognose
Ab dem nächsten Jahr leben in Österreich mehr Seniorinnen und Senioren über 65 Jahre als Kinder und Jugendliche unter 20. Das ergab die Bevölkerungsprognose, die am Donnerstag vorgestellt wurde. Die Generation 65+ wird laut Statistik Austria weiterhin zahlen- und anteilsmäßig stark zulegen.

Älteste Menschen der Welt
Es gibt unterschiedliche Angaben. Als ältester Mensch der Welt gilt Jeanne Calment. Die Französin wurde 122 Jahre und 164 Tage alt. Ältester lebender Mensch ist Kane Tanaka. Die Japanerin ist am 2. Jänner 1903 geboren und somit 117 Jahre alt.

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