Mödling sagt der Kinderarmut den Kampf an
Bürgermeisterin Silvia Drechsler, Sozialstadtrat Stephan Schimanowa, Volkshilfe-Geschäftsführer Erich Fenninger und Vizebürgermeister Rainer Praschak (v.l.)
Die Zahl ist alarmierend: Jedes vierte Kind in Österreich ist armutsgefährdet. Noch alarmierender: Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl um 65.000 auf insgesamt 395.000 Kinder angestiegen. Alleine in Niederösterreich gibt es rund 35.000 Betroffene im Alter von 0 bis 14 Jahren.
„Mödling ist hier leider keine Ausnahme“, weiß Sozialstadtrat Stephan Schimanowa (SPÖ). Die Stadtgemeinde werde daher nun die Aktion der Volkshilfe gegen Kinderarmut aktiv unterstützen. Ein Maßnahmenpaket wurde bereits im Stadtrat beschlossen.
- Es umfasst Schulungen für pädagogische Fachkräfte in Kindergärten, Schulen oder Betreuungseinrichtungen und Mitarbeiter der Stadt, um Kinderarmut frühzeitig erkennen und entsprechend handeln zu können.
- Eine Kinderbuch-Aktion der Gemeinde soll „Lesearmut“ bekämpfen, so Schimanowa. Alle Kinder der 1. Klassen in Mödling erhalten je zwei Bücher kostenlos. Ausgesucht werden diese mit den Volksschulen, die sie dann auch im Unterricht verwenden werden.
- All jenen, die sich aus finanziellen Gründen nicht leisten können, Kindergeburtstage zu feiern, werden im Volksheim/Grätzl-Treff Räumlichkeiten dafür gratis zur Verfügung gestellt. Die Maßnahme ziele auf Familien ab, die „aufgrund von beengten Wohnverhältnissen keine Feiern in den eigenen vier Wänden durchführen können“. Denn: „Gerade ein Kindergeburtstag ist eine der ersten und wichtigsten Gelegenheiten, um Freundschaften zu knüpfen. Wer es sich nicht leisten kann, einzuladen, wird sehr wahrscheinlich auch selbst nicht mehr eingeladen und verliert den gesellschaftlichen Anschluss schon sehr früh“, so Schimanowa.
- Im Rahmen eines „Sportpasses Mödling“ übernimmt das Sozialreferat der Stadt je einen Mitgliedsbeitrag für benachteiligte Kinder bis 14 Jahre, um diesen die Teilnahme an Sportangeboten zu ermöglichen. Ein erstes „sehr positives Treffen mit den Sportvereinen“ habe bereits stattgefunden.
- Sozialtarife: Zusätzlich gibt es bereits soziale Tarife für unterschiedliche Angebote der Stadt. „Wir werden auch heuer das Angebot der Hobby Lobby mit ihren vielfältigen kostenlosen Sportangeboten unterstützen. Weiters fördert die Gemeinde musikbegeisterte Kinder in der Musikschule, in Tagesheimen oder im Hort. Auch ein eigenes Kinder-Kultur-Programm soll benachteiligten Kindern niederschwellig das Erleben qualitativ hochwertiger Produktionen ermöglichen“, zählt Bürgermeisterin Silvia Drechsler (SPÖ) auf.
Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich, appelliert: „Armutsgefährdete Kinder können nicht an mit Kosten verbundenen Freizeitaktivitäten teilnehmen oder haben beengte Wohnverhältnisse. Das hat oft Ausgrenzung zur Folge und wichtige Entwicklungsimpulse gehen durch sozialen Rückzug verloren. Kinderarmut ist kein individuelles Versagen. Sie ist das Ergebnis politischer Entscheidungen. Umso schöner zu sehen, dass die Politiker in Mödling Akzente setzen. Jedes Kind soll die gleichen Möglichkeiten haben.“
Studien zeigen, dass armutsgefährdete Kinder tendenziell auch später von Arbeitslosigkeit betroffen seien, so Fenninger.
Volkshilfe Mödling wird Anlaufstelle
Die organisatorische Abwicklung in Mödling werde hauptsächlich von der Volkshilfe übernommen. „Die Unterstützung für betroffene Familien und Kinder soll möglichst niederschwellig erfolgen. Der Erstkontakt kann also beispielsweise über entsprechend geschultes und aufmerksames Personal in Kindergärten, Schulen oder Horten erfolgen“, erklärt Schimanowa.
„In Niederösterreich ist jedes siebente Kind armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Das bedeutet häufig Benachteiligungen in Bildung, Freizeit und persönlicher Entwicklung. Betrachtet man nur die Gruppe der 0 bis 14-Jährigen, sind das 35.000 Kinder“, sieht Vizebürgermeister Rainer Praschak (Grüne) Handlungsbedarf. „Arme Kinder werden gerade in einer sehr wohlhabenden Gesellschaft wie in Mödling noch rascher und dramatischer gesellschaftlich ‚unsichtbar‘ und verlieren noch schneller den Anschluss an die Gesellschaft.“
Und er betont: „Wir definieren uns als Stadt dadurch, wie wir mit den Schwächsten in unserer Gesellschaft umgehen. Diese Aktion ist mir also ein besonderes Anliegen.“
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