© Fotowerkstatt Johannes Seidl

Chronik Niederösterreich
10/19/2018

Michael Strasser: „Gedanken ans Aufgeben gab es nie“

Michael Strasser im Interview über die mentalen und körperlichen Strapazen während seiner Weltrekordjagd.

von Lisa Rieger

84 Tage, elf Stunden und 50 Minuten – so schnell ist noch nie jemand auf dem Fahrrad von Alaska bis nach Patagonien gefahren. Damit wurde der bisherige Weltrekord um 15 Tage unterboten. Wie war die letzte Etappe?

Michael Strasser: Es war absolut krass. Ich wusste, dass ich die fehlenden 460 Kilometer quasi durchfahren muss ohne Nachtstopp, weil wir dank meiner Freundin Kerstin, die unsere Wind- und Wetterstrategin war, wussten, dass wir sonst in eine Schlechtwetterfront kommen. Nach der ersten halben Stunde Fahrt hat es aber schon zu regnen begonnen. Nach zwei Stunden war ich waschlnass. Es hatte um die null Grad und als der Wind auch noch so stark ging, fror man einfach ab. In der Nacht (nach 24 Stunden durchgehender Fahrt, Anm.) mussten wir noch einen Berg überqueren, wo es geschneit hat.

Sie haben 22.642 Kilometer bewältigt. Was war der schwierigste Moment?

Das war sicher der absolut zermürbende Gegenwind in Peru. Wir hatten wahnsinnigen Gegensturm und keine Aussicht auf Besserung. Wir wussten, die nächsten 3000 Kilometer wird sich nichts ändern.

Wie seid ihr damit umgegangen?

Wir haben Unterschiedliches ausprobiert. Zum Beispiel, dass wir nur in der Nacht fahren, weil da der Wind weniger stark ist. Aber das habe ich mental nicht ausgehalten, um Mitternacht wegzufahren und die ganze Nacht durchzuradeln. Das war wahnsinnig zach. Oft mussten wir dann zwei bis drei Mal am Tag abbrechen und warten, bis man wieder fahren kann.

Gab es da Gedanken ans Aufgeben?

Ich glaube nie wirklich. Aber irgendwie bin ich fast an meinem eigenen Kopf gescheitert. Ich bin mit einem persönlichen Zeitziel in das Projekt gestartet. In Peru bin ich draufgekommen, dass ich das nicht erreichen kann. Daran bin ich fast zerbrochen, das muss ich gestehen.

Haben Sie den Start der „Ice2Ice“-Challenge prinzipiell auch einmal bereut?

Ich hab mir schon oft gedacht: „Hätt’ ich den Schas nie angefangen, dann müsste ich das jetzt nicht ausbaden.“ Aber das ist immer so, dass es Phasen gibt, wo der Druck wahnsinnig groß ist. Ich glaube, so was ist immer eine Mischung aus positiven und negativen Eindrücken. Aber wenn man ein paar Tage, Wochen, Monate, Jahre vergehen lässt, dann werden mit großer Wahrscheinlichkeit, die positiven Erinnerungen überwiegen.

Sie halten derzeit drei Langstreckenrekorde auf dem Fahrrad. Zuletzt sind Sie in 34,5 Tagen von Kairo nach Kapstadt gefahren. Welche Unterschiede gab es?

Ich bin jetzt aufgebrochen, um mir zu beweisen, dass nach Afrika eine Steigerung möglich ist. Afrika hatte andere Schwierigkeiten. Es ist schwer zu vergleichen. In Afrika habe ich unter der fehlenden Hygiene gelitten. Ich hatte Probleme beim Sitzen am Sattel, weil ich krasse Entzündungen hatte. Dieses Mal waren wir viel besser darauf vorbereitet. Es gab immer die Möglichkeit, sich zu duschen, weil wir einen Camper dabei hatten. Die größte Challenge in Amerika waren die Witterungen – der brutale Wind, die Höhe der Berge, der Regen, der Schnee, das Eis.

Sie haben unter anderem 168.000 Höhenmeter überwunden, das entspricht dem 120-maligen Hinauffahren auf den Großglockner. Werden Sie körperliche Schäden davontragen?

Nichts was nicht üblich wäre. Die Sehnen und Bänder sind natürlich angeschlagen. Aber ich hatte große Angst vor Überlastungsbrüchen (wiederholte Überlastung kann Knochen zusetzen, bis sie brechen, Anm.). Eine Stressfraktur kann ein Abbruchkriterium sein. Ich bin froh, dass es nicht dazu gekommen ist. Alle Verletzungen und Beeinträchtigungen können auskuriert werden. Die Hüften und Knie tun weh, die Schulter hatte schon vorher geschmerzt. Auch mein Sturz (der Schürfwunden, Blessuren und Prellungen zur Folge hatte, Anm.) in Chile war nicht förderlich.

Was haben Sie gegessen?

Hauptsächlich Reis, Nudeln, Bohnen, Eier und Kartoffeln. In Mittelamerika war es sehr zach, weil man an lauter Essensständen vorbeifährt, wo auf Kohlegrills gekocht wird und es riecht extremst gut. Aber ich durfte nichts davon essen, weil ich eine Lebensmittelvergiftung oder zwei Tage Durchfall nicht riskieren wollte.

Woher nahmen Sie die Motivation nie aufzugeben?

Meine Mitbewohnerin, die an ALS, einer unheilbaren degenerativen Krankheit, leidet und für die ich die Spenden gesammelt habe, war meine Motivation. Und es gab keinen Plan B. Ich wollte mir diesen Lebenstraum erfüllen.

Worauf freuen Sie sich zu Hause am meisten?

Auf ein frisches Brot mit Butter und auf Ruhe mit Familie und Freunden.

Info:

„Ice2Ice“-Challenge: Michael Strasser aus Trautmannsdorf (Bezirk Bruck an der Leitha), der für den LTC Seewinkel im Burgenland fährt, ist mit dem Rad von Prudhoe Bay in Alaska (USA) bis nach Ushuaia in Patagonien (Argentinien)  gefahren.  Mit dem Projekt „Ice2Ice“ wollte er Aufmerksamkeit für die seltene Krankheit ALS (amyotrophe Lateralsklerose) generieren, an der seine Mitbewohnerin Sarah erkrankt ist, und Spenden dafür sammeln. Sein Ziel waren 23.000 Euro, aktuell sind es 45.000 Euro. Alle Infos unter strassermichael.at

Reaktionen:

Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner: „Herzliche Gratulation an Michael Strasser zu dieser unglaublichen Leistung und zum neuen Weltrekord!“

Strasser wurde als erster Radfahrer eingeladen, als Teil einer neuen Kampagne des Umweltprogrammes der Vereinten Nationen namens „Mountain Heroes“ zu fahren. Erik Solheim, Exekutivdirektor des UN-Umweltprogrammes twitterte: „Eine unglaubliche Errungenschaft, die uns alle inspiriert,  niemals aufzugeben, den Klimawandel zu bekämpfen!“

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