Chronik | Wien
10.12.2017

Extremsportler: Zuerst der Weltrekord, dann das Tief

Michael Strasser hat mit dem Rad Afrika durchquert. Nach einem mentalen Loch gibt es ein neues Projekt.

Er hat etwas geschafft, was noch nie jemand vor ihm geschafft hat und fiel danach in ein tiefes Loch. "Ich habe viele Wochen extrem gelitten, um mein Ziel zu erreichen. Dazu habe ich nicht nur den Körper gebraucht, sondern auch den Kopf. Das brannte extrem aus", erzählt der Extremsportler Michael Strasser. "Man hat das große Ziel so vor Augen und blendet alles andere aus. Und dann schafft man es. Das Hoch, das man dann erlebt, ist irrsinnig", sagt Strasser, der mit dem Rad in 34,5 Tagen von Kairo bis nach Kapstadt gefahren ist – 10.665 Kilometer. Das hat keiner vor ihm geschafft.

Mittlerweile ist der Erfolg eineinhalb Jahre her. "Nachdem das Hoch vorüber war, war ich mental am Boden", erinnert sich Strasser. Auch sein Körper war am Limit. Sprung-, Hand-, Fußgelenke und Sehnen waren fast ein Jahr lang entzündet. Trotzdem hat er weiterhin jeden Tag Sport gemacht.

Die Freude musste aber erst wieder gefunden werden. "Das Feuer begann erst ein dreiviertel Jahr nach meiner Rückkehr wieder zu lodern", sagt der Radler. Die Frage war nur: Was kann jetzt noch kommen? "Zwei Mal um den Neusiedler See zu fahren, reicht jetzt nicht mehr", sagt der 34-Jährige. Daher die neue Herausforderung: Von Alaska bis nach Patagonien. "Mit 23.000 Kilometern ist es die längste durchfahrbare Querung der Welt. Außerdem zählt sie zu den gebirgigsten Strecken weltweit", erklärt der Wiener. Der derzeitige Weltrekord, den er unterbieten möchte, liegt bei 117 Tagen.

Frage nach dem Warum

Doch warum möchte er sich so etwas noch einmal antun und dieses Mal – schließlich ist die Strecke deutlich länger und anspruchsvoller – noch weiter gehen? "Die Frage nach dem Warum beschäftigt mich sehr intensiv", sagt Strasser und wird ganz still. Er denkt einige Minuten nach, bevor er antwortet: "Auf der einen Seite sehe ich es als enormes Glück, dass ich gesund bin und mein Körper so etwas aushält. Auf der anderen Seite gibt es dieses Mal einen weiteren Ansporn."

Seine Mitbewohnerin ist an ALS (eine seltene degenerative Erkrankung des Nervensystems) erkrankt. "Während mein Leben in den letzten Jahren immer schneller wurde, wurde ihres immer langsamer. Ihre Krankheit zeigt mir, wie wenig selbstverständlich mein Leben und meine Gesundheit sind", sagt der studierte Architekt. Mit seinem neuen Projekt möchte er sie unterstützen.

Wie in Afrika will er nur mit zwei Begleitern und einem Minibus unterwegs sein, in dem sie auch schlafen. "Vier Stunden Schlaf pro Nacht müssen reichen. Gegessen wird nur während dem Fahren, Zeit ist kostbar", sagt Strasser. 12.000 Kalorien nimmt er währenddessen täglich zu sich. "Ich werde pro Tag 350 Kilometer fahren, also eine Strecke von Wien bis nach Klagenfurt", erklärt der Extremsportler, der derzeit 30 Stunden pro Woche trainiert. "Man muss sich alles gedanklich in kleine Portionen aufteilen, sonst schafft man es nicht", fährt er fort. War bei der Afrika-Challenge die Einnahme einer Malaria-Prophylaxe eine zusätzliche Herausforderung, sind es dieses Mal die verschiedenen Klimazonen. "In Alaska beim Start wird es arschkalt", sagt er, lächelt aber dabei. Seine Entscheidung, sich nach dem Studium ganz dem Leistungssport zu widmen, hat er jedenfalls nie bereut.