© Miriam Steiner

Porträt
07/15/2021

Gleichberechtigung im Weinbau: "Sind noch lange nicht am Ziel"

Den Betrieb stellte sie früh auf Bio um, das Amt als Weinkönigin legte sie freiwillig nieder: Winzerin Ilse Maier ging andere Wege.

von Miriam Steiner

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Ilse Maier absolvierte ein Praktikum in Argentinien, als klar wurde, dass sie nun bald den Hof ihrer Eltern im Kremstal übernehmen würde. Das war in den 1980ern, Ilse Maier war Mitte 20 und schrieb ihre Diplomarbeit über argentinischen Weinbau, sie reiste durch Peru und Bolivien. Es war ein kleines Abenteuer, ehe der Ernst des Lebens beginnen sollte.

Doch Ilses Vater wurde krank und für die Studentin wurde es Zeit heimzukehren. Dass sie den sogenannten Geyerhof in Oberfucha eines Tages übernehmen würde, war keine Überraschung – obwohl sie die jüngste von drei Töchtern war. Ihre älteste Schwester hatte früh geheiratet und war weggezogen, die andere hatte Kunstgeschichte studiert. Doch Ilse Maier hatte sich schon immer für den Weinbau interessiert. Für die Übernahme des Hofes stellte sie nur eine einzige Bedingung: Der Betrieb sollte auf Bio umgestellt werden.

Waghalsige Idee auf Bio-Wein umzustellen

Zu dieser Zeit war das noch eine waghalsige Idee, in den Augen vieler gar eine verrückte. Bio-Wein hatte einen schlechten Ruf und sei nicht selten als qualitativ minderwertig abgestempelt worden, erinnert sich Ilse Maier. Für sie kam allerdings schlichtweg nichts anderes infrage: „Unter uns Studierenden war Umweltschutz damals schon ein Thema, kurz davor hatten wir uns etwa für den Erhalt der Hainburger Auen eingesetzt“, erzählt sie. „Nur Bio-Landwirtschaft konnte ich mit mir selbst und meinen Prinzipien vereinbaren.“

Die Eltern willigten ein, Ilse Maier übernahm 1986 die sechs Hektar Weinreben und stellte innerhalb von zwei Jahren den gesamten Betrieb auf Bio um – ein Schritt, der ihr später den Ruf als Bio-Pionierin einbrachte. Ihrer Kundschaft kommunizierte Maier das in den ersten Jahren aber noch nicht. Das Image des Weines sollte nicht darunter leiden. „Ich war eine junge Frau und mein Wein war Bio – damals hätte eigentlich einer dieser Aspekte für sich schon ausgereicht, um in der Branche nicht ernstgenommen zu werden“, erzählt die Winzerin schmunzelnd.

Selbstbewusste Hoferbinnen

Dabei haben starke Frauen am Geyerhof Tradition. In den insgesamt 14 zurückreichenden Generationen waren es immer mal wieder die Töchter, die den Betrieb übernahmen, meint Ilse Maier und erzählt von der jüngsten Familiengeschichte: „Mein Urgroßvater verstarb in jungen Jahren, daher zog meine Urgroßmutter ihre fünf Töchter alleine groß.“ Es überrascht also wenig, dass aus den Mädchen später sehr selbstbewusste Frauen wurden: „Eine davon war meine Großmutter. Meine Mutter wiederum war ihre einzige Tochter und damit auch die Hoferbin“, erzählt Maier. „Natürlich wirtschaftete sie gemeinsam mit meinem Vater – aber meine Mutter war diejenige, die den Betrieb nach außen hin repräsentierte.“

So tat es dann auch Ilse Maier. Ihren Mann Sepp lernte sie erst nach der Hofübernahme kennen. Wichtige Entscheidungen wurden dann zwar stets gemeinsam getroffen, doch die Winzerin trug die Verantwortung für den Weinbaubetrieb. Trotzdem sei es immer wieder vorgekommen, dass jemand „den Chef“ verlangte, erzählt Ilse Maier: „Als Winzerin wurde man auch gefragt, ob man denn selber am Traktor sitze und die Geräte bedienen könne. Einen Mann fragt das kein Mensch“, sagt die Winzerin.

Leider nehmen nach wie vor viele weiterhin an, dass hier der Mann allein entscheidet. Und solange das so ist, sind wir noch nicht am Ziel angekommen.

„Mich hat das damals schon auf die Palme gebracht und obwohl es mittlerweile ganz normal ist, dass auch Töchter die Betriebe übernehmen, befürchte ich, dass wir uns einiges schönreden – es gibt noch viel zu tun“, ist sich Maier sicher und erzählt von der nächsten Generation.

Sie selbst übergab den Betrieb in diesem Jahr an ihren Sohn Josef und ihre Schwiegertochter Maria, und damit würde die Geschichte der starken Frauen weitergeschrieben werden, meint sie: „Maria ist eine selbstbewusste, gut ausgebildete Winzerin und führt den Betrieb gleichberechtigt mit meinem Sohn.“ Trotzdem würden beispielsweise Mails immer wieder lediglich an den „sehr geehrten Herrn Maier“ adressiert werden: „Leider nehmen nach wie vor viele weiterhin an, dass hier der Mann allein entscheidet. Und solange das so ist, sind wir noch nicht am Ziel angekommen.“

Kritik an Weinköniginnen

Das System der Weinköniginnen sei Maier zufolge Teil des Problems. Dabei war sie selbst in jungen Jahren eine: „Natürlich war das damals auch lustig und ich habe viel gelernt. Aber ich habe mich gegen Ende meiner Amtszeit nicht mehr damit identifizieren können und deshalb frühzeitig abgebrochen“, erzählt sie. „Denn bei Weinköniginnen steht nicht die Kompetenz, sondern das Aussehen im Vordergrund, das Nette, der Charme. Ich kann das gar nicht mehr hören, dass eine Winzerin charmant sei. Niemand sagt das über einen Winzer“, sagt Maier und betont: „Mädels mit Kronen am Kopf haben meiner Meinung nach vor 40 Jahren schon ein verfälschtes Frauenbild repräsentiert – und tun es heute umso mehr. Ich finde das entsetzlich, das ist nicht gut für die Emanzipation.“

Ilse Maier ist heute 63 Jahre alt. Am Geyerhof lebt sie gemeinsam mit ihrem Mann, ihrem Sohn, der Schwiegertochter, den kleinen Enkeln und einer freundlichen Hündin mit Schlappohren, die als Wachhund fungieren soll, sich aber von Gästen stattdessen lieber am Bauch kraulen lässt. An Sommertagen wie heute wirkt der Hof wie eine Oase.

Über dem Örtchen Oberfucha thronend wird er umgeben von Weinreben, aber auch unberührten Hecken, Blumenwiesen und Naturschutzflächen: Rückzugsfläche für Vögel und Insekten, welche letztlich auch dem Wein zugutekomme: „Wir wissen mittlerweile, dass eine Monokultur wie der Weinbau widerstandsfähiger ist, wenn er von artenreichen Hecken umgeben ist. Die Reben kommen dann mit klimatischen Veränderungen wie Dürreperioden besser zurecht.“

Kreislaufwirtschaft mit Wein, Rindern und Bienen

Familie Maier hat in den vergangenen 35 Jahren Froschtümpel ausgebaggert und an die 100 Obstbäume und eine Lindenallee gepflanzt, Ilse Maier hat auch ein Buch über Bio-Weinbau geschrieben. Aus den anfänglichen sechs Hektar wurden über die Jahre 23, hinzukommen 27 Hektar landwirtschaftliche Flächen – allesamt Land, das Maiers Eltern bereits besaßen, aber an andere verpachteten. Jetzt bewirtschaftet es die Familie selbst: Im Sinne einer Kreislaufwirtschaft findet man dort Rinder, Pferde, Bienenstöcke und Ackerfrüchte.

Zwischen den Betriebs- und Wohngebäuden spendet eine große Linde Schatten, darunter sitzt Ilse Maier nun an einem Holztisch und leert Wasser aus einem Krug in ihr Glas. Ihren eigenen Weg gegangen zu sein, habe sie nie bereut, sagt die Winzerin, spricht aber dennoch von „jugendlichem Leichtsinn“, wenn sie an die Anfangsjahre denkt. Eine Eigenschaft, die sie der nächsten Generation nicht attestiert: „Die wissen genau, was sie tun. Maria und Josef sind am neuesten Stand der Wissenschaft und bestens vernetzt“, sagt sie. Innerhalb der Familie halte man an denselben Prinzipien fest und wenn die Jungen neue Ideen haben, dann unterstütze sie das.

Eine Ausweitung der Weinflächen stehe aber vorerst nicht am Plan: „Wenn wir wollten, könnten wir auf der Stelle 15 weitere Hektar Weinreben aussetzen. Aber wozu denn? Es geht uns ja gut, der Betrieb läuft rund und erwirtschaftet ausreichend Einnahmen, um notwendige Investitionen zu tätigen, die Belegschaft zu entlohnen und den Familienmitgliedern ein schönes Leben zu ermöglichen“, sagt Ilse Maier und blickt hinauf in die dichte Baumkrone, wo die Vögel lauter zwitschern als sie spricht. „Mehr brauchen wir nicht“, sagt sie gelassen.

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