Wo an der Donau kein mobiler Hochwasserschutz bestand (wie hier in Ottensheim), muss jetzt eine dicke Schlammschicht entfernt werden.

© APA/RUBRA

Nach sieben Tagen sinken die Pegel

Nach sieben Tagen sinken die Pegel

Das Hochwasser befindet sich auf dem Rückzug. In weiten Teilen des Landes wird aufgeräumt und in den betroffenen Regionen über den Ausbau des Hochwasserschutzes diskutiert.

von Michael Jäger, Wolfgang Atzenhofer, Johannes Weichhart, Christian Willim

06/07/2013, 09:56 AM

Am Tag fünf nach Beginn der Hochwasserkatastrophe zeigte sich der Donaustrom von zwei Seiten. Westlich der Bundeshauptstadt Wien sank am Donnerstag der Pegel.

Dort, wo keine mobilen Hochwasserwände die Jahrhundertflut zurückgehalten hat, wurde das dramatische Ausmaß des Schadens sichtbar. Feuerwehren, Bundesheer und Freiwillige begannen in den meisten Ortschaften mit den Aufräumungsarbeiten. Häuser, Plätze und Gärten wurden vom Schlamm gereinigt. In Richtung Slowakei allerdings erreichte die Donau einen Höchststand (siehe Bericht unten).

Besonders verzweifelt sind die Bewohner in jenen Donau-Gemeinden, die es dieses Mal wieder besonders hart erwischt hat. „Was wir in nächster Zeit dringend brauchen, sind Trocknungsgeräte“, sagt Bürgermeister Johannes Pressl aus Ardagger.

Kneipe gesunken

Rätsel gibt in der Nachbargemeinde Neustadtl das Verschwinden eines schwimmenden Gastronomiebetriebs auf. Die bei Radtouristen beliebte „Piratenkneipe“ ist spurlos verschwunden. Auch in Wallsee wurden gestern aufgeräumt. Im Wassersportzentrum, in dem Österreichs Elite im Barfuß-Wasserski trainiert, halfen die jungen Sportler beim Reinigen des Donau-Altarmes. Ein Trainingscamp mit dem US-Barfuß-Weltmeister David Small musste wegen des Hochwassers abgesagt werden.

Bilder: Das große Aufräumen nach der Flut

Geputzt wurde auch in der Melker Altstadt. Allerdings brannte es dort auch in einem überfluteten Haus. Das Wasser hatte in einem Zählerkasten einen Kurzschluss mit enormer Rauchentwicklung ausgelöst.Die Feuerwehr musste mehrere Bewohner über Leitern retten. Fünf Menschen erlitten leichte Verletzungen.

Pilotprojekt Wachau

Beim nächsten Jahrhundert-Hochwasser sollen die Donau-Orte von der Flut verschont bleiben. Als Vorbild gilt dabei die Wachau, wo sich die großen Tourismusorte mit ihren mobilen Hochwasserschutz-Anlagen erstmals erfolgreich gegen die Katastrophe stemmen konnten. „Ich hatte feuchte Augen, als ich über die Wachau geflogen bin, und gesehen habe, dass die Orte trocken geblieben sind“, sagte Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll bei einem Besuch der Einsatzkräfte in Weißenkirchen. Er habe noch gut in Erinnerung, wie im Jahr 2002 Hunderte Häuser untergingen und die Verzweiflung bei der Bevölkerung groß war.

Dieses Mal hatte in dem Wachauort eine bestens auf dieses Ereignis vorbereitete Truppe von 150 Feuerwehrleuten, Soldaten und örtlichen Freiwilligen die Lage vom ersten Tag an im Griff. Gestern, Donnerstag, wurde mit dem Abbau des Hochwasserschutzes begonnen. Die Schüler des Maturajahrgangs der HTL-Hollabrunn hatten zeitgerecht eine selbst konstruierte Waschanlage für die Elemente des Flutschutzes geliefert.

Auch diese Botschaft überraschte und freute Pröll sehr. Am Wochenende kann in der Wachau das Tourismusgeschäft wieder losgehen. Die Familie Holzapfel, Betreiber des Prandtauerhofs in Joching, erzählten ihm: „Bei uns findet am Samstag eine Hochzeit statt“. 2002 war der an der Donau situierte Wachauer Top-Betrieb bis zur Decke überflutet worden. Dieses Mal gab es „nur“ Grundwasser im Keller.

Hochwasserschutzplan

Von den in der Wachau gewonnen Erfahrungen werden auch die anderen Donau-Gemeinden profitieren. In den kommenden zehn Jahren , so Pröll, werden zahlreiche weitere Orte einen Flutschutz (siehe Bericht unten) erhalten und auch zusätzliche Überflutungszonen geschaffen.

Manchen verzweifelten Bürgermeistern geht das nicht rasch genug. Aus Marbach setzte es am Mittwoch Kritik, weil die Gemeinde noch keinen Flutschutz hat. Pröll konterte hart: „Marbach hat im Dezember 2012 das Projekt beantragt. Hier hat der Bürgermeister versagt.“

Weitere Todesopfer

Abseits der Donau gibt es auch Menschenleben zu beklagen. In Vorarlberg, das im Zuge der Überschwemmungen vergleichsweise glimpflich davongekommen ist, wurden am Mittwoch zwei Wasserleichen entdeckt.

In einer Unterführung in Hörbranz (Bezirk Bregenz), die nach den starken Regenfällen am Wochenende tagelang überflutet war, lag ein 55-Jähriger im Wasser. Vor Gaißau barg die Feuerwehr einen Toten aus dem Bodensee. Vermisstenmeldungen gab es keine.

Der 55-Jährige aus Hörbranz dürfte niemandem abgegangen sein. Er war alleinstehend und galt als eigenbrötlerisch. Wie die Obduktion gestern ergab, war er zum Zeitpunkt des Todes stark alkoholisiert. Die Leiche vom Bodensee konnte bisher nicht identifiziert werden. Ob der Tod im Zusammenhang mit dem Hochwasser steht, war ebenfalls nicht klar.

Bereits Anfang der Woche wurde in Vorarlberg ein 58-jähriger Familienvater tot aufgefunden. Er war am Samstagabend von einer Geburtstagsfeier nicht mehr nach Hause gekommen. Der Mechaniker aus Götzis stürzte am Heimweg in den Koblacher Kanal in Mäder (Bezirk Feldkirch) und ertrank im Hochwasser. Somit forderte das Hochwasser insgesamt vier Tote, zwei Personen werden vermisst.

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An der March bangen noch Tausende Bewohner

Bei 8,76 Metern Pegelstand wurde in Wildungsmauer (Bezirk Bruck/Leitha) Donnerstagfrüh der vorläufige Höchststand erreicht. Die Messstelle, die auf halbem Weg zwischen Schwechat und Bratislava liegt, gilt als maßgeblich für die Bezirke Bruck und Gänserndorf. Dort hieß es weiter zittern. „Wir haben den Bahndamm noch einmal mit Schotter verstärkt“, schildert der Hainburger Feuerwehrkommandant Christian Edlinger. Die Donau drückt das Wasser unter dem Damm durch. „Die Lage ist stabil, wir patrouillieren ständig“, sagt Edlinger. 50 Zentimeter Spielraum bis zur Dammkrone bleiben noch. Michaela Gansterer-Zaminer betreibt an der Donaulände ein Hotel. „Wir bleiben hier, bei uns läuft alles normal weiter“, sagt sie.

Von einer Entwarnung kann man noch nicht sprechen. Die Donau "beruhigte" sich, die Pegel waren allmählich im Sinken begriffen. "Es erfolgt zwar sehr langsam, aber es geht zurück", hieß es beim hydrografischen Dienst laut ORF. Der Pegel bei Wildungsmauer lag Freitagvormittag gegen 9.00 Uhr bei 8,10 Meter. Um ein Uhr morgens waren es noch 8,37 Meter.

In Bad Deutsch-Altenburg laufen acht Großpumpen auf Hochtouren. „Beim Hochwasser 2002 sind wir noch mit der Hälfte ausgekommen“, so Feuerwehr-Bezirkskommandant-Stellvertreter Walter Panzer. „Die Situation ist kritischer als vor elf Jahren.“ Über Nacht sind die Sandsack-Barrieren noch einmal um 50 Zentimeter erhöht worden, um ein Altersheim und das Kurhaus zu schützen.

Bedrohliche Ausmaße nahm das Hochwasser auch in der March an. In der Nacht auf Donnerstag stieg der Pegel in Marchegg auf 7,44 Meter. Zum Vergleich: 2002 waren es 7,28 Meter. Doch der Damm, der nach dem verheerenden Hochwasser in Dürnkrut 2006 neu gebaut wurde, scheint sein Steuergeld wert zu sein. „Wir haben sogar noch etwas Luft“, sagt Bürgermeister Gernot Haupt. Problematisch ist die Lage hingegen vor der Donau-Einmündung. Die Pumpen, die das Wasser aus den Drainagen pumpen sollen, laufen auf Hochtouren. „Wir sind am Limit“, sagt ein Feuerwehrmann aus Engelhartstetten. Aufgeweicht sind die Dämme des Russbaches. Die Böschungen lecken an Dutzenden Stellen; Hunderte Feuerwehrmänner stopfen die porösen Stellen mit Vlies und Abertausenden Sandsäcken zu.

An der Einmündung wird mit einem Bagger eine Notmaßnahme vorbereitet. Sollte der Damm brechen, wird der Bach mit Wurfsteinen zugeschüttet. Sonst droht eine großflächige Überflutung der Region.

Sämtliche Passagiere des in Wien-Nussdorf gestrandeten Donau-Kreuzfahrtschiffes "Filia Rheni" sind am Donnerstagabend wohlbehalten von Bord gebracht worden. Für die "Evakuierung" wurde am Nachmittag von der Feuerwehr eine Pontonbrücke errichtet. Am Schiff befanden sich rund 160 Personen - 130 davon gehörten zu einer britischen Seniorenreisegruppe.

Am Strom wird kräftig investiert

In Niederösterreich stehen von 2017 bis 2023 15 Hochwasserschutz-Teilprojekte entlang der Donau an. Alle Gemeinden sollen damit vor Fluten eines 100-jährlichen Hochwassers (plus 30 cm Sicherheit) geschützt sein. Die Maßnahmen kosten insgesamt mehr als 156 Millionen Euro.

Knapp 12 Millionen Euro kostet der Flutschutz in St. Pantaleon (fertig bis 2019). Mehr als 5,4 Millionen Euro fließen in zwei Bauabschnitte in Ybbs (bis 2021). Der Schutzbau in Marbach kostet rund 20 Millionen Euro (bis 2019). Mehr als 22 Millionen werden gleich nebenan in Emmersdorf investiert (bis 2020). In Aggsbach Markt und Aggsbach Dorf werden Schutzbauten um knapp 60 Millionen Euro errichtet (bis 2023). 23,2 Millionen Euro kostet das Großprojekt Rossatz-Arnsdorf (bis 2023). In Krems-Stein wird der bestehende Schutz um 3 Millionen Euro angepasst (2017). Korneuburg bekommt einen Schutz um 5,5 Millionen Euro (2017). Sechs Millionen werden in Bad Deutsch-Altenburg investiert (bis 2023).

Auch die Bundeshauptstadt und Oberösterreich wollen bis 2023 beim Hochwasserschutz nachbessern. Wien investiert dafür knapp 31,2 Millionen Euro. In OÖ werden in der St. Georgener Bucht, Enns und im Machland Nord knapp 68 Millionen Euro in Flutschutzmaßnahmen fließen.

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