Glockentöne, fast wie aus der Ewigkeit

Mathias Mehofer mit dem  Röntgenfluoreszenzgerät an der Friedensglocke.
Die Friedensglocke aus dem Jahr 1200 erklingt in St. Martin am Ybbsfelde nur an besonderen Tagen. Forscher erkunden nun ihre Herkunft und die mittelalterliche Bronzegießkunst.

Es ist ein satter, reiner Glockenton, den die Bewohner von St. Martin am Ybbsfelde in der heutigen Christnacht und an anderen wichtigen Festtagen zu hören bekommen. Jeder Schlag des Glockenklöppels im Turm der dortigen Pfarrkirche entführt die Zuhörer indirekt ins tiefste Mittelalter.

Denn der im Jahr 1200 gegossene Klangkörper aus der Babenbergerzeit ist in seiner Art fast einzigartig und weltweit eine Berühmtheit.

Geheimnisse

Nun sollen die Geheimnisse der von faszinierenden Geschichten und Legenden umrankten Glocke im Rahmen eines Forschungsprojekts gelüftet werden.

Lediglich zu Weihnachten, zu Silvester und zu Ostern wird die älteste Oktavglocke der Welt in St. Martin geläutet. „Wir sind stolz, dass wir da einen Schatz im Kirchturm hängen haben, die Gemeinde identifiziert sich sehr stark mit der Friedensglocke“, sagt Karl Redl, der Obmann des Pfarrkirchenrats.

Wappen der Gemeinde

Seit mehr als 40 Jahren ziert die Glocke, die in einem vollen a-Moll-Akkord erklingt, als Silhouette das Wappen der Gemeinde St. Martin-Karlsbach. Wegen ihres aufgeprägten Friedensspruchs (siehe auch unten) wird sie als „Friedensglocke“ bezeichnet.

Die Routine um das edle Geläut im Jahresablauf wird heuer um eine neue Geschichte bereichert. Denn es hat sich herumgesprochen, dass der Materialwissenschaftler Mathias Mehofer, Dozent an der Universität Wien, dem genauen Ursprung der Glocke mit modernsten wissenschaftlichen Methoden auf den Grund gehen wird.

Einzigartige Glocke

Die St. Martiner Oktav-Glocke ist einzigartig. 

Mehofer ist ein internationaler Spezialist für Archäometallurgie. Kürzlich erklomm er gemeinsam mit Karl Redl die knapp 90 Stufen bis zur Glockenstube der St. Martiner Pfarrkirche. Mit im Gepäck hatte er unter anderem ein transportables Röntgenfluoreszenzgerät, mit dessen Hilfe er sich in mühsamer Kleinarbeit ins tiefe Mittelalter zurückversetzen will.

Fingerabdruck

„Ich möchte den geochemischen Fingerabdruck ermitteln“, so Mehofer. Mithilfe der Analyse der chemischen Zusammensetzung und der Bleiisotopenverhältnisse gehe es vorrangig darum, herauszufinden, wo sich die Lagerstätte für das Kupfer, das für den Guss der Friedensglocke verwendet wurde, befand. Derartige Lagerstätten finden sich in Deutschland, im alpinen Bereich des heutigen Österreichs oder in Norditalien. Mit diesem Wissen könne man dann eventuell eruieren, wo die Glocke hergestellt wurde, hofft der Forscher.

Er hat bereits bei vielen Projekten geforscht. Unter anderem nahm er rund 2.800 Jahre alte Fundstücke aus dem Hallstätter Salzbergbau oder die sagenumwobene Heilige Lanze, die um das Jahr 800 geschmiedet wurde und Teil der Reichsreliquien der Kaiserlichen Schatzkammer in Wien ist, unter die Lupe.

Großes Interesse

In St. Martin ist man an Mehofers Arbeit sehr interessiert. „Natürlich wäre es eine Sensation, wenn wir wissen könnten, wo unsere Glocke gegossen wurde“, sagt Karl Redl. Neue Partnerschaften, neue Geschichten und ein weiterer Puzzleteil der Kulturgeschichte würden sich daraus ergeben.

Die Glocke mit 600 Kilo Gewicht und dem perfekten Klang sei ein Meisterwerk, „es ist spannend zu wissen, wer damals im Stande war, so ein Stück zu gießen“, so Mehofer.

Agnes-Leuchter

Dabei ist die Oktavglocke nur eine wissenschaftliche Zuwaage und Informationsquelle für das eigentliche Forschungsprojekt, das mit dem Land Niederösterreich als Fördergeber im nächsten Jahr startet. Im Fokus steht dabei die Erforschung des berühmten Agnes-Leuchters im Stift Klosterneuburg, der als Paradebeispiel mittelalterlicher Metallkunst gilt.

Der 4,3 Meter hohe Kandelaber wurde, so wird vermutet, in Verona gefertigt, und um 1130 n. Chr. dem Stift gespendet. Mit der Stiftungsgeschichte rund um den Babenberger Leopold III. und seine Frau Agnes ist das Thema sehr geschichtsträchtig geladen. Ein interdisziplinäres Team aus Natur- wie auch Geisteswissenschaftern um Mehofer arbeitet hier zusammen, um diese Fragen zu klären.

Wildschweine fanden Glocke wieder

Die St. Martiner Glocke gilt als älteste Oktavglocke der Welt.  Sie wird von einer  Schriftprägung umfangen. Der Text lautet „O REX GLORIAE VENI CU(M) PACE MCC“ – (O König der Herrlichkeit, komm mit Frieden 1200). Deshalb wird sie Friedensglocke genannt.

Wo sie gegossen wurde, ist nicht urkundlich belegt. Vermutet wird,  dass die Glocke ein Geschenk in Wien für die babenbergische Martinskirche gewesen sein könnte. Die in dieser Zeit als gute  Glockengießer bekannten Benediktiner könnten auch diese Glocke gegossen haben. 

Vor Türken gerettet

Die Friedensglocke ist 75 Zentimeter hoch und wiegt 600 Kilo. Auf der Außenseite zeigen sich zwei rissartige Wölbungen, die nicht zur Innenseite durchdringen. Das Bronzematerial, dessen Reinheit den Klang prägt,  besteht aus 78 % Kupfer und 22 % Zinn

Die Belagerungen der Türken hat die Glocke überstanden, weil sie vergraben wurde. Man fand sie dann nicht mehr. Wildschweine sollen sie ausgescharrt haben und so das Wiederauffinden ermöglicht haben.

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