Maximilian Koren (li.) und Heimleiter Hannes Zebrakovsky (re.) mit Asylwerbern im "Haus am Semmering".

© KURIER/Patrick Wammerl

Zwischenbilanz
10/02/2016

Flüchtlingsheime: Angst und Hysterie waren umsonst

Ob in Steinhaus am Semmering oder in Wien: Die Aufregung über Asyl-Großquartiere ist verebbt.

von Patrick Wammerl, Bernhard Ichner

"Hort des Verbrechens" hatte eine Regionalzeitung getitelt. Gemeint war das Heim für unbegleitete minderjährige Asylwerber in Steinhaus am Semmering. Auch der Aufschrei in der Bevölkerung war riesengroß, als 2015 mehr Flüchtlinge als Hauptwohnsitzer in dem Dorf am Fuße des Stuhleck in einem ehemaligen Skihotel untergebracht wurden. So groß Aufregung und Ablehnung auch waren, so rasch sind sie wieder verflogen. Die befürchteten Belagerungszustände des Wintersportortes durch Syrer, Afghanen oder Somalier sind ausgeblieben.

Steinhaus ist ein Beispiel dafür, dass auch Asyl-Großquartiere funktionieren können, wenn es entsprechend strenge Regeln und eine harte Hand gibt. Diese harte Hand hat ein Polizist. Hannes Zebrakovsky ist Leiter der Sonderbetreuungsstelle.

Beim KURIER-Lokalaugenschein sind nur noch 36 junge Männer in dem Hotel untergebracht, 220 waren es immerhin zu Spitzenzeiten. "Das Wichtigste ist Beschäftigung. Stellen sie sich vor, sie sperren 200 Gymnasiasten für ein paar Wochen in ein Heim ohne Betätigung. Dann wird es dort auch brodeln wie in einem Druckkochtopf", sagt Zebrakovsky.

Deshalb ist der Tagesablauf klar geregelt. Standeskontrolle ist um 7 Uhr, danach gibt es Frühstück und anschließend müssen die Asylwerber jeden Tag das Haus putzen. Nach dem Mittagessen werden Deutschkurse und Workshops abgehalten. "Es muss ihnen sehr viel erklärt werden. In ihren Ländern waren sie gewohnt, den Müll einfach vor die Türe zu schmeißen. In Österreich herrschen andere Regeln und Gesetze, das bringen wir ihnen bei", erklärt der Heimleiter.

Testosteron

Um den Testosteronspiegel der Burschen abzubauen und damit Eskalationen vorzubeugen, wird viel Sport getrieben – Cricket, Tischtennis, Fuß- und Beachvolleyball. Eines dieser Fußballspiele hat das Asylheim in die Schlagzeilen gebracht, nachdem Afghanen und Somalier aufeinander losgegangen waren. "In den Medien ist gestanden mit Zaunlatten, tatsächlich waren es Haselnuss-Stöcke. Es ist um eine Verlegung gegangen", schildert Zebrakovsky.

Wie aus einer Anfragebeantwortung des Innenministeriums hervorgeht, war die Polizei insgesamt 37-mal im Heim. "Da sind aber alle behördlichen Dinge dabei oder Einvernahmen zu irgend welchen Ereignissen in anderen Bundesländern", erklärt Maximilian Koren vom Innenministerium.

Zebrakovsky verrät sein Geheimnis, wie er die Burschen im Griff hat: "Das Wichtigste ist, Distanz zu wahren. Wenn sich wer danebenbenimmt, gibt es Gelbe und Rote Karten wie beim Fußball. Das versteht jeder."

Beruhigte Ziedlergasse

Groß war die Aufregung auch im Wiener Bezirk Liesing, als Anfang des Jahres bekannt wurde, dass ein ehemaliges Bürogebäude in der Ziedlergasse zu einem Quartier für maximal 750 Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak umfunktioniert werden sollte. Die FPÖ organisierte eine Protest-Demo, Anrainerin Doris Cuchy sammelte mit freiheitlicher Unterstützung 6800 Unterschriften für eine Petition gegen die Asylwerber-Unterkunft. Etliche Nachbarn fürchteten Einbrüche, Belästigungen und Schlimmeres.

Passiert ist seit der Eröffnung im März so gut wie nichts. Laut Heimleiter Herbert Sinkovits von den Johannitern (die das Quartier gemeinsam mit dem Arbeitersamariterbund betreuen) gab es seither gerade einmal neun Polizeieinsätze. Meist wegen Streitereien unter den Flüchtlingen. Ein Mal beschädigte ein Ex-Bewohner ein Auto.

Die Regeln seien streng, sagt Sinkovits. Die aktuell 318 Asylwerber müssen das Quartier selbst putzen und auch in der Nachbarschaft Ordnung halten. Zudem sieht ein Securitydienst im Haus nach dem Rechten. Wer sich nicht an die Regeln halte, werde verwarnt und im Wiederholungsfall der Unterkunft verwiesen.

Selbst Anrainer, die im Frühjahr höchst besorgt waren, bestätigen, dass ihre Befürchtungen nicht eingetreten sind (siehe links).

Anrainer gewöhnten sich an die Asylwerber

Alfred Königshofer, Steinhaus

„Am Anfang waren wir natürlich skeptisch. Im Supermarkt hat es einen Einbruch gegeben, bei dem Zigaretten gestohlen wurde. Aber sonst gab es keine Zwischenfälle. Die Burschen sieht man nur selten im Ort.“

K. Riss und S. Lautschan, Steinhaus

„Mehr Asylwerber als Einwohner war natürlich eine Horrorvorstellung. Aber man muss sagen, dass man hier in der Ortschaft wenig davon mitbekommt. Wenn es Probleme gab, dann hat sich das im Heim abgespielt.“

Karl Haberl, Obmann des Siedlervereins Rosenhügel

„Nichts ist passiert: keine Einbrüche, keine Belästigungen. Die Gegend ist dieselbe geblieben. Das hätte niemand gedacht – ich auch nicht. Bei uns im Kleingartenverein ist die Ziedlergasse kein Thema mehr.“

Doris Cuchy, Liesing

„Gott sei Dank haben sich nicht alle Befürchtungen bewahrheitet. Es gibt aber Lärmbelästigungen. Die Frauen sind immer noch beunruhigt, wenn sie abends das Haus verlassen. Die meisten haben immer einen Pfefferspray dabei.“
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