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Chronik Niederösterreich
03/19/2021

Erni Mangold: „Ich bin froh, wenn ich meine Ruh’ hab“

Im Interview spricht die 94-jährige Schauspielerin über Jugend, die man nicht nachholen kann, und Freiheit als das höchste Gut.

von Marlene Penz

Der KURIER hat Erni Mangold in ihrem Haus in St. Leonhard am Hornerwald getroffen, wo sie seit 27 Jahren lebt, der Himmel so schön und jeden Tag anders ist, die Luft frisch und die Wälder Entspannung bringen, wie sie selbst erzählt.

KURIER: Wie geht es Ihnen?

Erni Mangold: Gut, das sehen Sie ja.

Stimmt. Und wie geht es Ihnen mit dieser Zeit?

Wenn man so alt ist wie ich, kommt man wahnsinnig gut damit zurecht, das haben schon sehr viele andere alte Leute auch gesagt, weil man sehr viel spazieren geht. Wenn man am Land ist, hat man sowieso alles, was man braucht, also man hat keine Nöte und fürchtet sich auch nicht, weil es sind ja auch nicht so viele Leute unterwegs wie in Wien, also ist bei uns alles ok. Ich habe, was ich brauche, einsam bin ich auch nicht, also ich leide nicht darunter.

Aber?

Junge Leute tun mir wahnsinnig leid, das ist eine Katastrophe.

Die können das alles nicht mehr nachholen – man kann Jugend nicht mehr nachholen, das ist das Schreckliche. Man kann auch die Liebe nicht nachholen, man kann auch Zärtlichkeit schwer nachholen.

Einige Jahre haben Sie aber selbst versucht, Ihre Jugend nachzuholen, wie Sie in mehreren Interviews erzählt haben.

Das war die Freiheit nach dem Krieg liebes Kind – das weiß keiner von euch. Jetzt wisst ihr wenigstens, wie das ist, wenn man keine Freiheit hat. Das ist ganz gut, wenn manche merken, dass Freiheit das höchste Gut ist. Sie geht meiner Meinung nach über die Gesundheit. Freiheit ist das Wichtigste und trotzdem streben die Leute leicht zur Diktatur hin, weil sie immer nur einen Leader wollen, weil sie immer nur einen wollen, der ihnen mitteilt, was sie tun sollen. Ich hoffe, das wird sich auch einmal ändern, aber ich weiß es nicht. Ich muss ehrlich sagen, mich hat eigentlich die Geschichte eingeholt, ich habe das alles schon in ziemlich arger Weise erlebt.

Gehen Sie deshalb auch demonstrieren? Sie waren beim Künstler-Schweigemarsch im Juli dabei.

Das war für die Künstler, die überhaupt nix bekommen haben, die gehungert haben. Bei der Demo waren eh wahnsinnig wenige Schauspieler dort – auch eine Schande, aber da kann man nix machen. Dann hat der Herr Blümel ein bissl was rüberwachsen lassen. Aber die Kultur steht momentan sowieso auf dem Abstellgleis. Die Leute lechzen danach, Musik zu hören, Literatur zu hören, nicht nur zu leben, und hier wird eine Öffnung immer wieder hinten angestellt. Dabei passieren im Theater die wenigsten Ansteckungen. Es ist schade, dass es so eine kulturlose Politik ist, nur die Wirtschaft zählt und da auch nur die Reichen.

Gehen Sie dann sofort ins Theater, wenn es wieder möglich ist?

Na, entschuldigen Sie, ich bin nicht mehr so flexibel, dass ich da nach Wien fahre und ins Theater geh. Das interessiert mich persönlich mit fast 95 nicht mehr. Wenn man das über 70 Jahre lang gemacht hat, glauben S’, da sitzt man drin und ist glücklich? Nein, wirklich nicht, ich bin froh, wenn ich meine Ruh hab, wenn ich daheim bin, wenn ich spazieren gehen kann und wenns mir gut geht, aber ich bin doch nicht mehr gierig, in dem Alter ist man das nicht mehr. Ich bin ja keine 90 mehr. Und ich mache das Kraut nicht fett, wenn ich nicht mehr ins Theater gehe, ich habe in meinem Leben genug für die Kultur getan.

Sie halten nach wie vor Präsentationen und Lesungen, spielen in Film und Fernsehen mit. Aber dem Theater haben Sie den Rücken gekehrt, warum?

Das ist zu anstrengend und enervierend. Es geht da nicht um die körperliche Kraft und nicht um den Text – es geht auch nicht ums Theaterspielen, sondern um die Konzentration, und die ist bei mir 6 bis 7 Stunden da und das hat mich mit der Zeit irrsinnige Energie und Kraft gekostet. Da mit 91 Jahren jeden Tag oder jeden dritten auf der Bühne die Konzentration haben, geht nicht. Werden Sie einmal so alt, dann werden Sie’s wissen.

Am 5. Oktober 2021 erscheint im Molden Verlag eine Hommage an Erni Mangolds Leben mit zahlreichen Fotos aus ihrem Privatfundus.

Schauspielerin Erni Mangold wurde als Ernestine Goldman am 26. Jänner 1927 in Großweikersdorf im Weinviertel geboren. Schon als 15-Jährige bewarb sie sich 1942 am Max Reinhardt Seminar,  später  kehrte sie als Lehrerin zurück. Bis 1995 war Mangold zudem Professorin an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Erni Mangold ist in über sechzig Filmen und über zwanzig TV-Produktionen zu sehen. Zuletzt in Schönes Schlamassel (2020)

 

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