Chronik | Niederösterreich
20.11.2016

Ein Wein ohne Extras

Rückbesinnung in der Weinproduktion aufs Ursprüngliche und Wesentliche.

Michael Gindl und Nanu sind ein starkes Team. Gemeinsam pflügen sie den herbstlichen Boden des Weingartens, um ihn vor dem kommenden Frost zu schützen. Bereits seit einem Jahr verzichtet der Weinviertler nun schon auf einen Traktor und setzt stattdessen sein Pferd Nanu als Arbeitstier ein.

Reduzierte und naturnahe Bewirtschaftung zeichnen den Weinanbau von Michael Gindl in Hohenruppersdorf aus. Das beschränkt sich nicht nur auf den Weingarten. Auch im Keller setzt sich diese Philosophie fort. Gindl geht noch einen Schritt weiter als herkömmliche Bio-Weinbauern: Er keltert Naturweine.

Kaum Zusatzstoffe

Für Naturweine gibt es keine allgemeinen Richtlinien oder festgesetzte Kriterien. Aber: "Naturwein heißt, dass im Weingarten mindestens biologisch angebaut wird und im Keller soweit wie möglich auf Zusatzstoffe und Eingriffe verzichtet wird", erklärt Weinhändler Florian Ehn. Er ist als Naturwein-Importeur noch recht einsam am österreichischen Markt. Er handelt größtenteils mit Ware aus Frankreich, Italien, Georgien und Slowenien. Neben Privatkunden beliefert er Gastronomen im höheren Segment. In Ybbs an der Donau hat Florian Ehn letztes Jahr eine Naturweinbar eröffnet. Winzer Gindl lebt für seine Rebensäfte. Seine Vorgehensweise beschreibt er so: "Ich entsäuere keinen Wein, kein Zucker kommt hinein und ich verzichte im Prinzip auf alles – bis auf Schwefel."

Naturwein gibt es in verschiedenen Abstufungen – je nachdem wie viele Zusatzstoffe enthalten sind. Selbst bei Weinen, denen nicht einmal Schwefel zugesetzt wird, gibt es aber Variationsmöglichkeiten im Bereich der händischen Arbeit, sagt Weinhändler Ehn: "Zum Beispiel, ob Luft ins Fass zugeführt wird, wie oft von einem Fass ins andere umgeleert wird oder welches Fass verwendet wird."

Michael Gindl produziert verschiedene Weinsorten und lagert sie in Akazien-, Eichenholz- und Stahlfässern. Die Sorten – von Veltliner bis Riesling – unterscheiden sich auch nach ihrem Erntezeitpunkt. Im Jahr 2004 hat Gindl langsam begonnen, auf Naturwein umzustellen. "Die Rebe muss im Gleichgewicht sein, um einen guten Geschmack zu haben", ist er heute überzeugt. Er verwendet auch den Kompost seiner eigenen Rinder, Ziegen und Pferde für den Weingarten. Dieser steuere noch mehr "Homogenität" bei. Durch die Arbeit mit dem Pferd bekommt Gindl auch ein besseres Gespür und Verständnis für den Zustand des Bodens und kann besser darauf eingehen. Bei seiner Arbeit mit dem Pferd setzt er durchaus auf moderne Geräte: "Ich nehme das Pferd nicht aus historischen Gründen, sondern nutze seine emissionsfreie Zugkraft."

Manche Naturwinzer gehen in ihren Bemühungen noch weiter: Sie verwenden nicht einmal elektrischen Strom in ihren Weinkellern. Kerzen leuchten dann den Weg und Fässer müssen im Keller bewegt werden, um die entsprechend notwendige Kühlung zu gewährleisten.

Die Naturwein-Bewegung stammt aus dem Frankreich der 1990er-Jahre. Vor knapp fünf Jahren begann sie nach Österreich überzuschwappen, langsam wird der Trend größer. Rund 25 heimische Weinbauern produzieren mittlerweile Naturweine. Am 3. Dezember findet zum zweiten Mal die Naturwein-Messe im Museumsquartier in Wien statt, wo etwa 70 Aussteller aus der ganzen Welt ihre Produkte präsentieren.www.mgsol.at www.unchainedselections.at

Naturnähe durch Verzicht auf Kellertechnik

Weine sind das einzige Lebensmittel, bei dem die Inhaltsstoffe nicht explizit auf dem Etikett stehen sein müssen. Herkömmliche Weine enthalten eine Reihe an Zusatzstoffen.

Bei Bioweinen müssen die Trauben biologisch angebaut werden – auf Grundlage möglichst naturschonender Pflegemaßnahmen (Boden, Düngung, Pflanzenschutz). Außerdem sind nur mehr etwa zwei Drittel der möglichen Zusatzstoffe erlaubt.

Als Naturwein werden schließlich jene Rebensäfte bezeichnet, bei denen nahezu gänzlich auf Zusätze verzichtet wird. Es gibt keine Regeln, welche önologischen Verfahren zu Naturwein führen. Am häufigsten werden heute darunter jene Weine verstanden, die unter organisch-biologischen oder biologisch-dynamischen Gesichtspunkten erzeugt werden.

Auch der Verzicht auf aufwendige Kellertechnik gehört mit zur Philosophie der Naturwinzer.