Chronik | Niederösterreich
11.03.2018

Der"Staatsfeind" und sein Bewacher

28 Jahre saß Friedrich Olejak in Haft. Nun traf er Justizwachebeamten Wurm in Stein – bei Kaffee.

Es war das Jahr 1990. Der Schwerverbrecher Friedrich Olejak sollte von der Justizanstalt Graz-Karlau nach Stein, NÖ, verlegt werden. Olejak galt als besonders gefährlich – hatte er doch 1986 bei einer Weihnachtsfeier in Garsten Diözesanbischof Maximilian Aichern in seine Gewalt bringen und ausbrechen wollen.

Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen, in Ketten gelegt, brachte man ihn nach Stein. "Der Olejak ist eingeliefert worden als Staatsfeind Nummer eins, mit der Prämisse vom Ministerium: ,Macht’s mit ihm, was ihr wollt’s. Aber wir wollen nie wieder was von ihm hören!’", erzählt Josef Wurm. Der ehemalige Justizwache-Beamte war damals Leiter der hauseigenen Tischlerei. Viele Jahre später treffen Wurm und Olejak wieder aufeinander. Unweit der Justizanstalt Stein. Aber unter angenehmeren Umständen – bei einem Kaffee.

Beide Herren sind mittlerweile in Pension. Kontakt hatten sie nach der Haft keinen – bis der KURIER über Olejaks Initiative " AufGefangen" (siehe re. Anm.) berichtete. Stolz sei er da gewesen, sagt Wurm.

Capo

Die Männer haben viele Geschichten von damals zu erzählen. "Eine Respektsperson war der Herr Wurm. Und er war immer hinter mir her, wenn ich Schnaps angesetzt habe", erinnert sich Olejak und lacht. "Er war einer der Capos, aber einer, auf den wir uns verlassen konnten. Wenn es im Betrieb einen Wirbel gegeben hat, habe ich gesagt: ,Olejak, bügeln Sie das.’ Am nächsten Tag war es erledigt", schildert Wurm. Auch, als eine Gefängnisrevolte drohte, war es Olejak, der zum Vermittler wurde. "Da ist Blut geflossen, furchtbar ist es da zugegangen." "Ich war damals durch das Billard (Olejak organisierte Tische für die Inhaftierten, Anm.) bekannt – aber ich war nicht so ein harter Bursche, wie’s ausgeschaut hat", erzählt er.

Aber auch der "Super-Räuber" selbst wurde fast zur tickenden Zeitbombe – und zwar gleich nach seiner Einlieferung. Der verhinderte Kidnapper war in eine Einzelzelle im Sicherheitsflügel der Justizanstalt untergebracht worden. Selbst Beamten war es untersagt, mit ihm zu sprechen.

Bei jedem Gang zum Spazierhof standen sie Spalier, um den hochgefährlichen Straftäter zu bewachen – das hatte es zuvor noch nie gegeben. "Ich bin auch in dieser Reihe gestanden. Und irgendwann sind Sie auf mich zugekommen und wollten mit mir reden. ,Schauen’S, dass Sie weiterkommen. Mit Ihnen hab’ ich nichts zu reden’, hab ich gesagt." Beim nächsten Mal dasselbe Szenario. "Ich halt’ das nicht mehr aus allein in der Zelle. Ich dreh’ durch", flehte Olejak. Wider alle Vernunft und Ratschläge, so erinnert sich Wurm, habe er ihn in seiner Tischlerei aufgenommen. "Er wäre sonst durchgedreht."

Arbeit als Anker

Arbeit, das sei der wesentlichste Punkt, um Gefangene wieder in die Gesellschaft zu integrieren, da sind sich beide einig. "Der Strafvollzug braucht Leute, die Inhaftierte ausbilden, damit sie nachher im Berufsleben Fuß fassen können, Geld verdienen und der Gesellschaft nicht zur Last fallen", sagt Wurm. Und das müsse der Gesellschaft auch etwas Wert sein. Olejak selbst arbeitete als Schreiber, später in der Küche. "Jetzt kann ich daheim selber kochen – was alles billiger macht. Das ist so ein kleines Mosaiksteinchen."

Wurm selbst brachte zwei "Lebenslange" zur Gesellenprüfung. "Was glauben Sie, wie die geschaut haben, wie die aus dem Häfn auftauchen. Wir waren nachher sehr stolz darauf, dass uns das gelungen ist."

Doch Werkstätten in Justizanstalten bringen wenig Geld und fordern viel (Personal-)Einsatz, einige mussten bereits geschlossen werden. "Im Gesetz heißt es, der Strafgefangene ist zur Arbeit verpflichtet – also muss der Gesetzgeber dafür sorgen, dass es Beschäftigung gibt. Dann kann es nicht sein, dass ich aus Personalmangel Gefangene ruhig stelle", meint Wurm, der auch etliche Jahre die Stein-Außenstelle Oberfucha geleitet hat. "Die Wenigsten gehen mit einer großen Rücklage heim. Dann einen Arbeitsplatz zu finden, ist das Wichtigste überhaupt", weiß Olejak aus Erfahrung.

Ein humaner Strafvollzug – das sei ein weiteres Kriterium für eine gute Zukunftsprognose in Freiheit, ist Wurm überzeugt. "Wir müssen Menschen wie Menschen behandeln und nicht wie Tiere. Denn wenn sie rauskommen, will die Gesellschaft Leute sehen, die sich wieder zurecht finden." Dennoch versteht er die Klagen der Kollegen. "Damals hat man als Beamter Anordnungen getroffen, die der Gefangene zur Kenntnis genommen hat. Heute macht er eine Beschwerde."

Friedrich Olejak nennt sich selbst einen Häfn-Experten. Immerhin 28 Jahre seines Lebens hat der 68-Jährige hinter Gittern verbracht.

Kriminell war er seit seinem 12. Lebensjahr. Schlagzeilen schrieb er erstmals, als er im Jahr 1970 eine Dorotheum-Filiale in Wien überfiel. 1983 schoss er einem Komplizen in den Bauch, weil ihm dieser Geld schuldete. Als er wegen Banküberfällen wieder in Haft saß, wollte er in der Justizanstalt Garsten einen Ausbruchsversuch wagen – und dazu bei einer Weihnachtsfeier im Jahr 1986 Diözesanbischof Maximilian Aichern aus Linz kidnappen.

Der „Super-Räuber“, wie ihn damals einige Medien nannten, fasste erneut eine Haftstrafe aus und wurde in die Justizanstalt Graz-Karlau verlegt, später nach Stein. Mit 62 Jahren wurde er aus der Haft entlassen, arbeitete als Aufpasser in einem Stundenhotel. Heute ist Olejak in Pension. Er lebt in Wien. Justizanstalten sieht er dennoch regelmäßig von innen – um Wegbegleiter zu besuchen.

Seit Kurzem ist er Obmann des Vereins „AufGefangen“, der Inhaftierten und ihren Angehörigen helfen will. Auch Sozialarbeiter, Juristen und Psychologen sind Teil des Vereins.