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Lawinenunglück auf Rax: Geburtsstunde der Bergrettung vor 130 Jahren

Das Unglück 1896 führte in Reichenau zur Gründung der ersten Bergrettung. Eine Sonderausstellung beleuchtet die Geschichte der Einsatzorganisation.
Szenen einer Bergung im Jahr 1903: Durch das Gewicht der Stangentrage wurde der Transport zu einer enormen Strapaze.

Wer Ende des 19. Jahrhunderts bei einer Tour in den Alpen in Bergnot geriet, war schnell dem Tod geweiht. Handys gab es freilich keine und Hubschrauber kamen auch nicht zur Hilfe. Oft vergingen Tage, bis man die Opfer erfroren im Eis entdeckte.

Ein Lawinenunglück im Jahr 1896 am Reißthaler-Steig auf der Rax in Niederösterreich galt als die Geburtsstunde der Bergrettung, wie man sie heute kennt. Anlässlich des 130-jährigen Jubiläums der Bergrettung sowie dem 100-jährigen Bestehen der Rax-Seilbahn wurde am Samstag im Kulturschloss Reichenau an der Rax eine Sonderausstellung eröffnet. Die Schau mit vielen historischen Exponaten beleuchtet die Geschichte der Bergrettung und der Rax-Seilbahn, ihre gemeinsamen Wurzeln sowie ihre Bedeutung für Sicherheit, Tourismus und das alpine Leben bis in die Gegenwart.

Original-Dokumente von der Pehoferalm auf der Rax. Hier die Zeichnung eines Trinkgelages.

Original-Dokumente von der Pehoferalm auf der Rax. Hier die Zeichnung eines Trinkgelages.

Tote lagen im Eis

Es war am 8. März 1896, als Josef Pfannl, Max Schottik und Fritz Waniek über den Reißthaler-Steig die Rax erklimmen wollten. Nachdem Heinrich Pfannl am Abend vergeblich auf die Rückkehr seines Bruders Josef wartete, organisierte er eine Suchaktion.

Neuschnee und Lawinengefahr verzögerten die Bergung. Am 11. März wurden Josef Pfannl und Fritz Waniek tot im Lawinenkegel gefunden, Max Schottik eine Woche später.

Keine Ahnung von Medizin

Das Unglück machte deutlich, dass die Rettung am Berg einer professionellen Organisation bedarf. Vor 130 Jahren stellten die Bergsteiger die Rettung im alpinen Gelände schließlich auf neue Beine. Man war dabei vor allem auf die Ortsansässigen angewiesen. Aufgrund der Forst- und Holzarbeit kannten sich die hiesige Bevölkerung und die Holzknechte im Gelände meist bestens aus. Was ihnen allerdings fehlte, waren medizinische Kenntnisse und organisatorisches Wissen.

Das brachten die Städter aus dem Wiener Ballungsraum mit und gaben es weiter. Am 22. Mai 1896 wurde der „Alpine Rettungsausschuss Wien“ gegründet, die erste Rettungsstelle war kurz darauf Reichenau an der Rax. Es schlossen sich zahlreiche Alpinvereine zusammen, die die junge Bergrettung nicht nur ideell, sondern auch finanziell unterstützten. Reichenau gilt damit als Wiege des organisierten alpinen Rettungswesens. Das kam nicht von ungefähr. Denn besonders für die Wiener war die Rax ein magischer Anziehungspunkt.

Die Ausstellung zeigt die Ausrüstung in den Anfängen.

Die Ausstellung zeigt die Ausrüstung in den Anfängen.

Bergretter mit Erfindergeist

Die Sonderausstellung (11. Juli bis 6. September) zur 130-jährigen Geschichte der Bergrettung befasst sich mit der Entwicklung der Rettungsorganisation und den besonderen Meilensteinen. Kuratorin Sonja Lixl, selbst Bergretterin in Reichenau, konnte mit Hilfe vieler historischer Leihgaben aus dem Vollen schöpfen.

Einen wichtigen Entwicklungsschritt stellte die im Ersten Weltkrieg von Josef Stigler entwickelte Stiglertrage dar. Sie war eine der ersten, eigens für die Bergrettung konstruierte Gebirgstragen und ermöglichte den Transport von Verletzten auch im steilen Gelände. Die Reichenauer Bergretter galten sogar als geniale Erfinder und die geistigen Väter des „Clou Fix“.

Was als „Clou von Reichenau“ in die alpine Geschichte einging, war ein simpler Schachzug, um die schweren Metallverschraubungen eines Rettungsschlittens auf Skiern durch leichteres Material zu ersetzen. Da einige Bergretter als Tischler bei der Firma Rabé in Reichenau arbeiteten, setzten sie die Idee für eine leichtere Verschraubung in Holz um.

1909: Bergung am Thörlweg mit einem Heuschlitten.

1909: Bergung am Thörlweg mit einem Heuschlitten.

Wirtin 27 Jahre lang am Berg

Lixl gerät ins Schwärmen, wenn sie die abenteuerliche Geschichte über das Herzstück der Ausstellung erzählt. Sie handelt von Elmo Ritter von Bischoff, der am 13. Februar 1898 am Thörlweg im Schneesturm erfror. Der Großneffe von Bischoff stellte der Bergrettung Original-Dokumente von damals zur Verfügung. Darunter eine Zeichnung von einem illustren Trinkgelage bei der legendären Pehoferin – der Wirtin der Pehoferalm. Im Tourenbericht der Jahre 1893 bis 1897 sind viele Besuche auf der Hütte beschrieben. Die „Pehoferin“ lebte 27 Jahre lang durchgehend auf der Rax, ohne ein einziges Mal ins Tal zu kommen, erklärt Lixl.

Legendär auch die Geschichte vom Reichenauer Ignaz Gruber, der die Anseiltechnik revolutionierte. Im Alpenraum wurde bis in die 1970er-Jahre ausschließlich ein Brustgurt verwendet, was bei Abstürzen aber rasch zu einem lebensbedrohlichen Hängetrauma führte. Gruber entwickelte als alternative Anseilart eine Brustschlinge kombiniert mit einer Sitzschlinge. Der „Reichenauer Sitz“ wurde bei Schulungen gelehrt und gilt als Vorläufer des klassischen Sitzgurtes.

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