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Die ersten Bergretter der Welt waren Wiener

Ein Unglück vor 130 Jahren auf der Rax führte zur Gründung der Bergrettung im Mai 1896. Die Initiative ging von Wien aus.
Bergretter mit einer Trage am Rücken.

Nicht genug Telefone, kein Funk, schon gar kein Hubschrauber: Das bedeutet keine schnelle Rettung vom Berg. Wer Ende des 19. Jahrhunderts in den Alpen verunglückte, musste oft lange auf Hilfe warten – und nicht selten kam sie zu spät.

„Nach 1848 entstand der Wunsch, hinauszugehen, Freiheit zu genießen, aus den grauen Städten auszubrechen“, erklärt Hubert Köttritsch, Bergretter und Kenner der Geschichte. Ein neues Naturbewusstsein und eine ausgeprägte Abenteuerlust entwickelten sich. Und das ging klar von den Städten aus.

Das heißt: Es war einiges los auf den Bergen. Und es passierte viel. Zu viel. Das Lawinenunglück im Jahr 1896 am Reißthaler-Steig auf der Rax in Niederösterreich machte deutlich, dass die Rettung einer professionellen Organisation bedarf.

Drei Wiener Bergsteiger starben. Einer konnte erst eine Woche nach dem Unglück geborgen werden.

Es war ein Weckruf

Vor 130 Jahren stellten die Bergsteiger die Rettung schließlich auf neue Beine und waren dabei auch auf die Bevölkerung vor Ort angewiesen. Diese kannte sich im Gelände bestens aus. Manche arbeiteten in den Bergen, etwa, um Holz zu machen.

„Was ihnen allerdings fehlte, waren medizinische Kenntnisse und organisatorisches Wissen“, sagt Köttritsch. Das brachten die Städter mit und gaben es weiter. „In dieser Kombination wurde große Pionierarbeit geleistet.“ Der „Alpine Rettungsausschuss Wien“ wurde am 22. Mai 1896 gegründet, die erste Rettungsstelle in Reichenau an der Rax bald eröffnet.

Retter kamen mit dem Zug

Nicht immer gab es lokale Hilfe, das macht ein Blick ins Gesäuse deutlich. „Berichte zeigen, dass Wiener Bergsteiger mit dem Zug zu Rettungseinsätzen anreisten“, erzählt Michael Miggitsch aus Graz, Vizepräsident des Bundesverbands Bergrettung. „Wenn der Lokführer gut aufgelegt war, hielt er in Gstatterboden an. Wenn nicht, fuhren sie bis Admont und gingen zu Fuß zurück.“

Bergretter beim Üben: 1920er-Jahre.

Das durfte nicht mehr passieren. Ein Rettungsstützpunkt nach dem anderen wurde gegründet. Die Einsätze waren trotzdem alles andere als einfach zu organisieren. Telefone – Graham Bell hatte sein Patent 1876 angemeldet – gab es auf nur auf Bahnhöfen, Gendarmerieposten, Gemeindeämtern, später vielleicht bei Ärzten.

Schon früh erkannten die Bergretter, dass Unfälle häufig am Wochenende passieren. Deshalb wurden Dienstmannschaften eingeführt. Dieses System gibt es bis heute. Doch das Freizeitverhalten hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Viele Menschen gehen auch unter der Woche wandern, bergsteigen und klettern. Gleichzeitig sind viele Bergretter berufstätig und pendeln. Die Lösung liegt in der Zusammenarbeit mehrerer Ortsstellen.

Doch zurück in die Vergangenheit. „Rettungen dauerten oft Tage, nicht Stunden wie heute“, sagt Köttritsch. 

Viele Einsätze gingen damals tragisch aus.

Zu sehen ist das am Bergsteigerfriedhof in Johnsbach im Gesäuse in der Steiermark. Seit 1885, als neben Einheimischen der erste Bergsteiger bestattet wurde, sind hier all jene begraben, die im Gesäuse ums Leben kamen – bei Abstürzen, Steinschlägen, Gewittern. Die Inschriften auf den Grabsteinen erzählen, wie diese ums Leben kamen: 

Fritz Schmid erlitt zu Pfingsten 2. Juni 1936 im 31. Lebensjahre am Ödstein durch elementarischen Wettersturz den Erfrierungstod.

Auch Bergretter haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Der Friedhof ist so ausgerichtet, dass man den Großen Ödstein sieht. Ein schöner letzter Ausblick.

Schwarz-weiß Foto aus den 1930er Jahren: Männer transportieren einen Verletzten.

Bergretter in den 1930er-Jahren: Die Hilfsmittel waren einfach.

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