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Geschichten mit Geschichte
08/01/2021

Die Mauer der Schande

Berlin vor 60 Jahren. Mit dem Bau einer Mauer quer durch die Stadt setzte die DDR-Führung einen Akt der Unmenschlichkeit.

von Georg Markus

Es war eine laue Sommernacht, in der plötzlich Panzerwagen auffuhren, DDR-Truppen die Berliner Sektorengrenze abriegelten, Kolonnen von Bauarbeitern mit Spitzhacken ins Straßenpflaster schlugen. Stacheldraht wurde ausgerollt, die U- und S-Bahn-Verbindungen von Ost nach West gesperrt. Man schrieb den 13. August 1961, als der Bau der Mauer begann. Sie war vier Meter hoch, 168 Kilometer lang, ging quer durch Berlin und wurde im Auftrag der Sowjetunion gebaut.

„Arbeiterparadies“

Aber die Staatsführung der DDR hat selbst den Wunsch nach Errichtung der Mauer geäußert, denn sie sieht in jenen Augusttagen vor 60 Jahren keine andere Möglichkeit, das Volk im „Arbeiterparadies“ zu halten. In den Wochen davor sind täglich Hunderte, manchmal Tausende, in den kapitalistischen Westen geeilt. Seit ihrer Gründung im Jahr 1949 waren der Deutschen Demokratischen Republik auf diese Weise 2,6 Millionen Bürger abhanden gekommen, und es wurden täglich mehr. 200.000 im Jahr vor dem Mauerbau.

Die DDR-Führung glaubt, mit der Errichtung der Mauer „als Maßnahme für die Sicherung der Staatsgrenze“, sei das Problem gelöst. Doch es kam ganz anders, Ostberliner klettern über die Mauer, reißen sich die Haut am Stacheldraht in Fetzen. Alles ist ihnen lieber als zu bleiben.

Am 15. August 1961 rettet sich der Volkspolizist Conrad Schumann als erster Flüchtling in den Westen. Das Bild mit seinem Sprung über den Stacheldrahtzaun geht um die Welt. Doch ein knappes Jahr später fordert die „Schandmauer“ (Westberliner Straßenschild) ihr erstes Todesopfer. Peter Fechter, 18-jähriger Ostberliner, hat seiner Schwester geschrieben: „Ich halte es hier nicht mehr aus. Ich werde jetzt versuchen, in einer Baustelle nahe der Grenze Arbeit zu finden und dann flüchten.“ Er versucht es, wird von der Grenzpolizei erschossen. Verblutet an der Mauer, ohne dass ihm jemand zu Hilfe kommt.

Scharfe Proteste

Die Proteste der Westmächte „gegen diesen Akt barbarischer Unmenschlichkeit“ lassen die Bonzen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) kalt.

Es gibt Straßen, deren Gehsteige zu Westberlin gehören, während die Gebäude auf Ostberliner Seite stehen. In solchen Fällen werden die Hauseingänge zugemauert und die Bewohner gelangen nur noch über Hinterhöfe in ihre Wohnungen. Manche springen aus den Fenstern, um so in den Westen zu gelangen, andere durchschwimmen Kanäle, graben Tunnels. Neun Menschen verstecken sich im Kofferraum einer winzigen „Isetta“, Insassen eines Cabrios rasen unter einem geschlossenen Schlagbaum in die Freiheit. Tausende gelangen auf abenteuerlichen Wegen in den Westen. Die Flucht über die Grenze gehört zum Alltag.

Die DDR verstärkt ihre Mauer ständig, legt Minen, setzt bewaffnete Grenzwächter mit scharfen Polizeihunden ein, baut vollautomatische Tötungsmaschinen. Zwischen 100 und 200 Menschen haben in den 28 Mauerjahren ihren Fluchtversuch nicht überlebt.

In der Diktion ostdeutscher Politiker waren jene, die in Richtung Freiheit drängten „Republikflüchtlinge“, „Agenten des Imperialismus“ und „willige Opfer für die Verlockungen westlicher Menschenhändler“. Doch egal, ob der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht oder sein Nachfolger Erich Honecker solche Sprüche klopften – die Bürger haben´s ihnen nicht geglaubt. Denn alle schauten sie – verbotenerweise – Westfernsehen, sahen via ARD und ZDF, dass die „kapitalistischen Ausbeuter“ jenseits der Mauer ganz so bös nicht sein konnten, wie ihnen das in Versammlungen der staatlichen Betriebe immer wieder vorgelogen wurde.

Niemand baut eine Mauer

Mit einer Lüge war schon der Grundstein zur Mauer gelegt worden. Denn als Walter Ulbricht zwei Monate vor Baubeginn auf einer internationalen Pressekonferenz erstmals gefragt wurde, ob die Gerüchte stimmten, wonach in Berlin der Bau einer Mauer geplant sei, antwortete er kaltschnäuzig: „Die Bauarbeiter unserer Hauptstadt beschäftigen sich mit Wohnungsbau, und ihre Arbeitskraft wird voll dafür eingesetzt. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

Zur gleichen Zeit tagen US-Präsident John F. Kennedy und Kremlchef Nikita Chruschtschow beim Gipfeltreffen in Wien, bei dem das Thema Berlin im Mittelpunkt steht. Die Gefahr eines Krieges droht, denn die UdSSR fordert den Abzug der Westmächte aus Berlin. Chruschtschow, zwei Monate vor Baubeginn der Mauer, im Juni 1961, zu Kennedy in Wien: „Wenn Sie eine Division nach Berlin schicken, dann schicke ich zwei. Krieg oder Frieden, das liegt nun in Ihrer Hand.“ Darauf Kennedy: „Es wird ein kalter Winter werden.“

Kennedy in Berlin

Zwei Jahre später steht Kennedy vor dem Schöneberger Rathaus, wo 400.000 Westberliner jubeln, als er ihnen zuruft: „Ich bin ein Berliner!“ Sie haben aufmunternde Worte bitter nötig, sind sie doch durch die Mauer letztlich ebenso eingesperrt wie ihre Landsleute im Osten.

Bis zu jenem 11. November 1989, an dem die Mauer durch die Weitsicht Michail Gorbatschows fällt. Zehntausende Ostberliner können es nicht fassen und fahren noch in der ersten Nacht in den Westen. Es folgt die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, doch wer gehofft hat, dass diese paradiesische Zustände in die ehemalige DDR bringen würde, hat sich getäuscht. Die Lebensverhältnisse in den neuen Bundesländern hinken trotz enormer Zuwendungen des Westens denen in den alten Ländern immer noch nach, Arbeitskräfte wanderten in den Westen ab, die Arbeitslosigkeit im Osten ist höher und Parteien wie die AfD schlagen aus dieser Ungleichheit Kapital.

Frei bewegen

Doch auch wenn die Gleichstellung noch auf sich warten lässt: Mit dem Fall der Mauer können sich die Menschen im Osten Deutschlands endlich frei bewegen. Für viele ist ein Traum in Erfüllung gegangen.

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