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Chronik Burgenland
04/13/2021

Öffentlicher Verkehr: Warum das Burgenland auf Taxis setzt

Ruftaxis sollen Angebot im Süden flächendeckend erweitern und Menschen zu den Buslinien bringen.

von Michael Pekovics

Schritt für Schritt – so will das Burgenland in den kommenden Jahren den öffentlichen Verkehr (ÖV) neu organisieren. Der Anfang dazu erfolgt im strukturschwachen Südburgenland, die Bezirke Güssing und Jennersdorf wurden zur Pilotregion der Phase eins des Projekts „Burgenland Mobil“ erkoren.

Ziel ist, die Fahrgäste von den Ortschaften zu den Bus- und Verkehrsachsen beziehungsweise in die Zentren zu bringen.

Was sind die Probleme?
Was den öffentlichen Verkehr betrifft, ist das Burgenland wie so oft zweigeteilt. Größere Ortschaften gibt es vor allem im Norden, während das klein strukturierte Südburgenland mit zahlreichen Streusiedlungen verkehrstechnisch nur schwer zu erschließen ist.

Wie fährt man künftig öffentlich?
Die schnelle Antwort: in jeder Region anders. Im Nord- und Mittelburgenland funktioniert die Anbindung an die Bahn via Bus, im Süden gibt es abseits des Schülerverkehrs kaum Möglichkeiten, ohne eigenen Pkw von A nach B zu kommen. Das am häufigsten genutzte Verkehrsmittel ist der G1-Pendlerbus in Richtung Wien, nach Graz gibt es den Bus der VBB (Verkehrsbetriebe Burgenland).

Was wird mit „Burgenland Mobil“ neu?
Die „Fläche“ wird erschlossen. Ab 2022 werden die Orte der Bezirke Güssing und Jennersdorf mittels Micro-ÖV an die Busachsen des überregionalen Verkehrs und der VBB (rote Linien, siehe Grafik) angebunden, konkret mit einem Ruf- und Sammeltaxi, ähnlich dem „Ökotrip/Mein Güssing Taxi“.

In welchem Takt fahren Bus und Bahn?
Die Bahn beziehungsweise RegioPlus-Busachsen sollen tagsüber zumindest stündlich, in der Hauptverkehrszeit öfter unterwegs sein, die Bedienung ist zumindest von 5 bis 22 Uhr vorgesehen. Die RegioBus-Achsen sind tagsüber zumindest zweistündlich, in der Hauptverkehrszeit öfter und ebenfalls von zumindest 5 bis 22 Uhr unterwegs. In Oberwart werden zum Beispiel die Minuten 15 und 45 als zentraler Abfahrts- und Ankunftszeitpunkt gelten, an der sich andere, etwa Schulen oder die Arbeitszeiten, orientieren können.

Was kosten die Tickets?
Dazu gibt es noch keine Angaben, das Projekt befindet sich erst in der konkreten Ausarbeiten, heißt es dazu vom Land und VBB-Geschäftsführer Wolfgang Werderits, der für jegliche Vorschläge zum Projekt „Burgenland Mobil“ dankbar ist: „Wir wollen alle mit ins Boot holen und Ressourcen bündeln.“ Jeder solle die Möglichkeit haben, befördert zu werden.

Wird das Land jetzt auch Taxiunternehmer?
Nein, die Beförderung mit Ruf- und Sammeltaxis soll mit lokalen Unternehmen organisiert werden, Gespräche dazu hat es im Südburgenland bereits gegeben. Allerdings ist angedacht, die Anmeldung für die Fahrten zu zentralisieren, etwa über eine App oder via Telefon. Die VBB-Busachsen (rote Linien) werden aber von der landeseigenen Gesellschaft betrieben.

Was sind die Ziele des Landes?
Ziel sind schnellere und direktere Verbindungen, vor allem im Süd- und Mittelburgenland. Deshalb wird zunächst 2022 in den Bezirken Güssing und Jennersdorf begonnen, dann folgen Oberwart und Oberpullendorf. Mit den besseren Anbindungen soll außerdem der Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel attraktiver werden, zudem sei der bedarfsorientierte Micro-ÖV „ein klimapolitischer Meilenstein“, sagte Verkehrslandesrat Heinrich Dorner (SPÖ) bei der Präsentation. Künftig soll es möglich sein, zwischen Süd- und Nordburgenland hin und her zu pendeln, ohne übernachten zu müssen.

Das lange Leiden des öffentlichen Verkehrs im Süden

Südburgenländer sind schon seit jeher auf ihr Auto  angewiesen. Zu weit gestreut liegen die Gemeinden mit ihren zahlreichen Ortsteilen, zu gering ist die Nachfrage der Fahrgäste außerhalb der Stoßzeiten,  als dass ein sinnvoll getakteter Busverkehr wirtschaftliche umsetzbar wäre.

Versuche in diese Richtung gab es freilich bereits einige. Wie zum Beispiel den Roten Bus, der von 2002 bis zu seiner Einstellung im Jahr 2010 im Zwei-Stunden-Takt die  Mitgliedsgemeinden im Unteren Pinka- und Stremtal miteinander verband. Das jährliche Fahrgastaufkommen war mit 75.000 Personen allerdings zu niedrig; als die Förderungen eingestellt wurden und einzelne Gemeinden absprangen, war auch der Bus Geschichte.

Treibende  Kräfte hinter den  Bemühungen zur Installierung eines öffentlichen Verkehrs sind schon seit jeher die Gemeinden aus dem abgelegenen Pinka- und  Stremtal: In Bildein, Eberau, Moschendorf, Strem und Güssing mit 15 Ortsteilen wohnen rund 7.500 Menschen auf einer Fläche von 161 Quadratkilometern. Regelmäßiger Busverkehr ist dort abseits des Schülerverkehrs so gut wie nicht vorhanden, weshalb sich die Kommunen 2013 ein neues Projekt überlegt haben: „Ökotrip/Mein Güssing Taxi“.

Den ersten Vorschlag in diese Richtung hatte Taxiunternehmer Patrick Poten bereits vor der Jahrtausendwende gemacht. Aber erst mit dem Scheitern des Roten Busses war der Weg frei für das Ruf- und Sammeltaxi, das in den vergangenen Jahren durchaus erfolgreich unterwegs war und bei den Fahrpreisen sogar unter jenen der Bundeshauptstadt Wien liegt: Mit einer Jahreskarte zum Preis von 135 Euro (0,37 Euro pro Tag) kann man zu vordefinierten Zeiten in die Bezirkshauptstadt nach Güssing oder in die an der Strecke liegenden Mitgliedsgemeinden fahren, eine Fahrt kostet 3,50 Euro.

Die Routen sind  einerseits auf den Bedarf (Arztfahrten, Sommertourismus) abgestimmt und dienen andererseits auch als Zubringer  zu den G1-Pendlerbuslinien nach Wien. Allerdings muss man sich für eine Fahrt bei einer zentralen Nummer anmelden. In Spitzenzeiten wird das Angebot im Betreuungsgebiet von Poten (Pinka- und Stremtal) von rund 40 Personen täglich angenommen, 20 pro Tag sei das Minimum. Unlängst wurde der 50.000ste Fahrgast im Versorgungsgebiet begrüßt.

Das Konzept von „Ökotrip/Mein Güssing Taxi“ wurde mittlerweile bereits auch im Bezirk Jennersdorf umgesetzt. Dort wurden im Vorjahr mehr als 3.000 Fahrten durchgeführt – Tendenz steigend. Bis 2022 soll „Burgenland Mobil in beiden Bezirken flächendeckend vorhanden sein.

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