Doskozil nach Kehlkopf-OP: "Befreiung" nach jahrelanger Erkrankung
Doskozil hofft wie sein Arzt Andreas Dietz acht Jahren nach der ersten Diagnose auf vollständige Genesung.
Als Hans Peter Doskozil im Juli 2018 erstmals die Probleme mit seiner angeschlagenen Stimme öffentlich machte, war die Hoffnung noch groß, dass der erste Eingriff an den Stimmbändern das Problem rasch beheben würde.
Doch aus dem anfänglichen Stimmbandproblem entwickelte sich über die Jahre und weitere neun Eingriffe eine chronische Erkrankung des Kehlkopfs – bis nun die bisher radikalste, aber möglicherweise nachhaltigste Lösung gewählt wurde: Über die Osterfeiertage wurde Doskozils Kehlkopf entfernt und durch eine Stimmprothese ersetzt.
Diese Entscheidung fiel nach der Kontrolluntersuchung am Universitätsklinikum Leipzig vor den Osterfeiertagen. Bei dieser stellte Doskozils behandelnder Arzt, Professor Andreas Dietz, fest, dass die Verknöcherung erneut schneller fortschreitet. Eine weitere Operation nach bisherigem Muster wäre zwar möglich gewesen, hätte aber „weitere Eingriffe in kurzen Abständen erforderlich gemacht“, beschreibt Dietz die Problematik.
"Funktion des Kehlkopfes nicht mehr aufrechtzuerhalten"
Der darauf basierende Befund brachte schlussendlich die Entscheidung zugunsten des jüngsten Eingriffs: „Der chronische Charakter der Erkrankung und die mittlerweile zehn Operationen seit Juli 2018 haben als Gesamtbild dazu geführt, dass die Funktion des Kehlkopfes nicht mehr aufrechtzuerhalten war.“ Gleichzeitig sei „das Atmen zunehmend erschwert“ gewesen, das Risiko weiterer Operationen hoch.
Von Ingrid Teufl
Er ist nur vier bis fünf Zentimeter lang und breit, und seine Aufgaben erfüllt er fast unbemerkt. Dennoch ist der Kehlkopf ein wahres Wunderwerk aus Knorpeln, Muskeln und Bindegewebe, ohne das weder Atmen noch Schlucken und schon gar nicht Sprechen reibungslos funktionieren würde. Der Kehlkopf zählt zu den Atemwegen und gilt als Verbindungsorgan zwischen Rachenraum und Luftröhre.
Vor allem die Stimme ist für uns Menschen als soziale Wesen das Kommunikationsmittel schlechthin. Die dafür nötigen Töne entstehen durch ein ausgefeiltes Zusammenspiel von Atmung, Stimmlippen bzw. Stimmbändern (häufig synonym verwendet, obwohl Letztere ein Teil der Stimmlippen sind) und Kehlkopfmuskeln. Beim Ausatmen aus der Lunge strömende Luft versetzt Stimmritze und Stimmbänder in Schwingungen – die jeweilige Frequenz bestimmt die Tonhöhe.
Für den berühmten Gesangston „Hohes C“ etwa öffnen und schließen sich die Stimmbänder rund 1.000-mal. Pro Sekunde! Vergleichsweise kommod ist da der normale Sprechton eines Mannes, bei dem sie rund 100-mal pro Sekunde schwingen. Bei Frauen sind es aufgrund der etwa ein Viertel kürzeren Stimmlippen rund 200 Schwingungen pro Sekunde. Die Lautstärke der Stimme entsteht dann erst durch Resonanz in Lunge und Nasennebenhöhlen, man spricht von Brust- oder Kopfstimme.
Hightech-Prothese
Bei einer Entfernung des Kehlkopfs – und mit ihm der Stimmlippen – kann keine stimmbildende Schwingung mehr erzeugt werden. Mit technisch höchst ausgefeilten Ventilen, die Luft- und Speiseröhre verbinden, ist dies die geläufigste Methode zur Wiedererlangung der Sprechfähigkeit geworden, betonen einige Hersteller. Das implantierte Sillikon-Ventil verschließt im Halsinneren die Speiseröhre, damit wie bei der natürlichen Funktion des Kehlkopfs keine Speiseteile in die Lunge gelangen.
Die Atmung erfolgt nach der Operation über eine Öffnung vorne am Hals, einem sogenannten Tracheostoma. Fürs Sprechen muss es verschlossen werden. So kann die Atemluft aus der Lunge durch die Prothese in den Rachenraum strömen. Dort werden statt der Stimmlippen Schleimhäute in Schwingungen versetzt – und neue Töne entstehen.
Die nun gewählte Maßnahme bezeichnet Dietz als „nachhaltigere Lösung“ und als „Befreiung von der langjährigen chronischen Erkrankung“. Entsprechend optimistisch fällt die Prognose aus: „Landeshauptmann Doskozil sollte nach einer entsprechenden Regenerations- und Trainingsphase von einigen Wochen wieder gut sprechen können.“ Zuletzt war er zum Teil nur schwer verständlich.
Was wurde gemacht
Im Zuge des Eingriffs wurden Atmung und Schluckfunktion vollständig rekonstruiert und eine Stimmprothese eingesetzt. „Ein kleines, hoch entwickeltes Ventil zwischen Luft- und Speiseröhre, das mit entsprechender Übung eine stabile, gute Stimmbildung ermöglicht“, so Dietz. Er gehe „von einer vollständigen Genesung und einer deutlich höheren Belastbarkeit“ aus. Die Operation verlief „ohne Komplikationen und erfolgreich“. Zudem sei damit auch „der belastende Rhythmus immer wiederkehrender Eingriffe“ durchbrochen worden.
Doskozil ehrte seinen deutschen HNO-Arzt bereits mit der höchsten Auszeichnung des Burgenlandes und erntete dafür Kritik.
Doskozil bleibt noch rund zehn Tage im Krankenhaus, eine intensivmedizinische Betreuung war nicht notwendig. Danach folgt eine mehrwöchige Regenerationsphase. Währenddessen übernimmt Leonhard Schneemann die öffentlichen Ressortfunktionen in der burgenländischen Landesregierung.
Aus Doskozils Büro heißt es, dem Landeshauptmann gehe es „den Umständen entsprechend gut“, er kommuniziere „bereits wieder via Handy“ mit seinem engsten Stab. Angesichts der wiederholten Eingriffe und seiner damit verbundenen Abwesenheit habe diese Arbeitsweise bereits Routine entwickelt. Wichtig sei nun die Wundheilung, danach wird der burgenländische Landeshauptmann Stimmtraining brauchen. Doskozil ist laut seinem Büro Europas erster Regierungschef mit Stimmprothese.
Rede mit Stimm-Avatar und andere Politiker mit Erkrankungen
Ein ähnliches Beispiel: ÖVP-Abgeordneter Klaus Fürlinger verwendete in der Nationalratssitzung Ende 2025 einen KI-generierten Stimm-Avatar, der seiner Stimme nachempfunden ist.
Alois Mock
Als ÖVP-Außenminister führte er die EU-Beitrittsverhandlungen – schon schwer gezeichnet von seiner Krankheit. Öffentlich bekannt macht „Mister Europa“ seine Parkinson-Erkrankung, unter der er seit 1986 leidet, nicht.
Thomas Klestil
In seiner ersten Amtszeit (1996) wird die unheilbare Autoimmunerkrankung des Bindegewebes ob des öffentlichen Drucks bekannt. Klestil erliegt ihr vor Ablauf seiner zweiten Amtszeit 2004.
Barbara Prammer
2006 wird die SPÖ-Politikerin die Erste Frau an der Spitze des Nationalratspräsidiums. 2013 macht Prammer ihre Krebserkrankung publik, führt die Geschäfte als Erste Nationalratspräsidentin bis zu ihrem Tod 2014 fort.
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