© AngiePhotos/iStockphoto

Beratungen
10/08/2019

Gewaltschutzzentrum: "Über 60-Jährige suchen öfter Hilfe"

Seit 20 Jahren gibt es das Gewaltschutzentrum Burgenland. Laut Leiterin Karin Gölly gibt es immer mehr KlientInnen.

von Claudia Koglbauer-Schöll

Der Fünffachmord in Kitzbühel, bei dem ein 25-Jähriger am Sonntag eine ganze Familie getötet haben soll, erschüttert derzeit ganz Österreich. „Einen Mordfall hatten wir im Burgenland zum Glück in der letzten Zeit nicht“, sagt die Leiterin des Gewaltschutzzentrums Burgenland, Karin Gölly.

Nichtsdestotrotz steige die Zahl der – zu etwa 80 Prozent weiblichen – Klienten an.

Die Beratung für Opfer von häuslicher Gewalt und Stalkingopfern am Standort Oberwart, aber auch bei den mobilen Beratungen im ganzen Land, wird immer öfter in Anspruch genommen.

Zum 20-jährigen Bestehen der Einrichtung zieht Gölly Bilanz.

Betretungverbot und Wegweisung

9.630 Klienten wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten vom sechsköpfigen Team betreut.

Was sich verbessert habe, sei die Kooperation mit der Polizei, sagt Gölly. Anfangs sei eine gewisse Skepsis da gewesen, das Betretungsverbot umzusetzen.

Dieses rechtliche Mittel ermöglicht es der Exekutive seit 1997, einen (potenziellen) Gewalttäter aus der Wohnung, in der der oder die Gefährdete wohnt, wegzuweisen.

„Heute wird das Betretungsverbot im Ernstfall ausgesprochen, das funktioniert mittlerweile sehr gut.“

Gewalt in der Familie

Allerdings gebe es noch immer in ländlich strukturierten Gebieten eine Hemmnis vor allem bei Frauen, einen Gewalttäter innerhalb der Familie anzuzeigen.

Auch die Bereitschaft, im Hochrisikofall ein Frauenhaus aufzusuchen, sei wegen fehlender Anonymität, aus Scham oder wegen der Kinder und aus Sorge um den Arbeitsplatz nicht immer gegeben.

Was sich geändert habe, sei die Form des Stalkings. Wurden noch vor etwa zehn Jahren die Opfer mittels häufiger Telefonanrufe oder permanenter SMS beharrlich verfolgt, erfolge das Stalking heute „ausschließlich über eine Form der Internetkommunikation“.

Aber: „Auch wenn sich die Methoden geändert haben – der Leidensdruck ist für die Opfer der gleiche geblieben.“

Zur Hauptklientel der Berater zählen vor allem Frauen in der Altersgruppe zwischen 35 und 55 Jahren.

„Junge Frauen sind heutzutage eher bereit, sich aus Gewaltbeziehungen zu lösen, als noch ihre Großmütter.“

Immer wieder komme es auch vor, dass sich über 60-Jährige mit professioneller Unterstützung aus einem jahrzehntelangen Martyrium innerhalb der eigenen vier Wände befreien.

„Die Zahl der weiblichen Klienten über 60 Jahre und auch der etwa 25-Jährigen steigt“, sagt die Leiterin des Gewaltschutzzentrums.

Was sie als Herausforderung sieht, ist das 3. Gewaltschutzgesetz, das Ende September im Nationalrat beschlossen wurde. Das neue Regelwerk besagt, dass aus dem Betretungsverbot quasi auch ein Annäherungsverbot werden soll.

Das Betretungsverbot gilt für den Gefährder nicht nur für das Zuhause.

"Imaginärer Bannkreis"

Es werde quasi ein imaginärer Bannkreis von 100 Metern zum Opfer gezogen, erklärt Gölly. „Aus Opferschutzsicht ist das Gesetz zu begrüßen.“

Man müsse sich allerdings anschauen, wie das Gesetz von der Polizei exekutiert werden könne, räumt Gölly ein. „Dass die Kinderbetreuungszonen, wie Schule, Kindergarten oder Hort, als Schutzbereich wegfallen sollen, da sehe ich aber ein Problem.“

Das Angebot: Kostenlos und vertraulich

Das Gewaltschutzzentrum wurde 1999 in Oberwart gegründet. Beratungen werden auf Wunsch der Klienten kostenlos und vertraulich auch in deren Wohnortnähe gemacht.

In den vergangenen 20 Jahren wurden 9.630 Klienten betreut, etwa 80 Prozent  sind weiblich. Der Einrichtung wurden 2.864 Betretungsverbote und 346 Stalkinganzeigen von der Polizei übermittelt.

Das Team  hat  971 Anträge auf Erlassung einer Einstweiligen Verfügung verfasst und bei 855 Klienten Prozessbegleitungen durchgeführt. Mehr als  50.000 telefonische Beratungen wurden durchgeführt. 1.600 Klienten wurden bei Gericht begleitet.

Kontakt:  Tel.: 03352 31 420 oder www.gewaltschutz.at