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Chronik Burgenland
01/20/2020

Fall des Eisernen Vorhangs: Tante Agnes und die Flucht

Agnes Baltigh war Fluchthelferin aus Leib und Seele. Sie starb mit 94 Jahren und wurde unlängst in ihrer Heimatgemeinde begraben.

von Claudia Koglbauer-Schöll

30 Jahre sind seit dem Fall des Eisernen Vorhanges vergangen. Auch im Burgenland und in Ungarn ließ man 2019 zum Gedenkjahr das Ereignis Revue passieren. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist eine, die wohl Dutzenden DDR-Bürgern auf dem Weg in die Freiheit geholfen hat, Ende 2019 im Alter von 94 Jahren gestorben: Agnes Baltigh – vielen auch als „Tante Agnes“ in Erinnerung – wurde dieser Tage in ihrer Heimatgemeinde Fertörákos begraben.

Weg zur Fluchthelferin

Der Burgenländer Wolfgang Bachkönig, Polizist im Ruhestand, hatte Baltigh die letzte Ehre erwiesen. Für sein aktuelles Buch „Sommer 1989“ hatte er die damals 92-Jährige interviewt. Im Gespräch mit dem KURIER erinnert er sich an das Treffen. „Als ich begann, mein Buch zu schreiben, habe ich Zeitzeugen gesucht“, schildert Bachkönig. In Fertörákos fand er schließlich „Tante Agnes“. „Ich war überrascht, dass sie so gut Deutsch sprach und sich trotz ihres hohen Alters so gut erinnern konnte.“

Agnes Baltigh, selbst studierte Medizinerin, lebte nach dem Tod ihres Mannes – er war Dorfarzt – weiter in Fertörákos. Die Mutter von vier Kindern hatte im Frühjahr 1989 einen Nebenjob als Kartenverkäuferin im Strandbad Mörbisch angenommen, um Haus und Kleinwagen finanzieren zu können. „Weil sie fließend Deutsch sprach, konnten sich die DDR-Flüchtlinge gut mit ihr verständigen und bekamen wertvolle Hinweise“, erklärt Bachkönig.

Wie Tante Agnes den Flüchtlingen über die Grenze half

Viele der DDR-Bürger, die aus ihrer Heimat fliehen wollten, seien verunsichert gewesen. „Doch zwischen dem Balaton und dem Neusiedler See hat es sich im Sommer 1989 schnell herumgesprochen, dass man sich vertrauensvoll an die Kassiererin Tante Agnes wenden kann“, schildert Bachkönig. Agnes Baltigh half den Menschen tatsächlich, wo sie konnte: „Sie zeigte ihnen Fluchtwege und wirkte beruhigend auf die zumeist jungen Menschen ein.“ Ein ungarischer Grenzoffizier hatte ihr zuvor meist vertraulich berichtet, welche der Grenzwachtürme nicht mehr besetzt sind und in welchem Abschnitt eine Flucht möglich sei. Dabei habe sie sich selbst dem Risiko einer Bestrafung ausgesetzt.

"Fluchthelferin mit Herz und Seele, aber mit reinem Gewissen"

Warum sie dieses Risiko auf sich genommen habe? „Frau Baltigh hat mir erzählt, dass sie selbst durch den Kommunismus Repressalien erfahren hatte. Sie wollte einen Beitrag leisten, um diesem Regime ein Ende zu bereiten“ , schildert der Autor. Wochenlang fand Agnes Baltigh kaum Schlaf. Viele Ostdeutsche warteten bei ihr, bis es dunkel wurde, um fliehen zu können.

„Tante Agnes“ gab ihnen Tee und Essen, einige nahm sie auch in ihrem Haus auf. „Was ich getan habe, wenn es auch anstrengend war, habe ich gern getan, ich habe nichts bereut. Ich war für einige Wochen Fluchthelferin mit Herz und Seele, aber mit reinem Gewissen“, erzählte die rüstige Dame 30 Jahre später.

Bis zu ihrem Tod habe sie immer wieder Dankesbriefe und Karten bekommen, einige der geflüchteten Ostdeutschen kamen Frau Baltigh besuchen. „Sie trat stets für Demokratie ein, war bekennende Europäerin. Leider hat sie für ihre Verdienste weder in Deutschland noch in Ungarn eine Auszeichnung erhalten“, sagt Bachkönig.