Mock (li.) und Horn (re.) durchtrennten am 27. Juni 1989 den Grenzzaun nahe Klingenbach.

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Chronik Burgenland
06/23/2019

Juni 1989: Wie Menschen an der Grenze die Ereignisse erlebten

Die Bilder vom Fall des Eisernen Vorhanges gingen um die Welt. Aber wie war das damals für die Betroffenen?

von Claudia Koglbauer-Schöll, Jürgen Zahrl

27 Jahre war Anni Heinrich alt, sie an einem Morgen im Juni 1989 die Wirtsstube ihrer Mutter im mittelburgenländischen Deutschkreutz betrat. Sie ahnte nicht, dass sich knapp außerhalb ihres Ortes – an der ungarischen Grenze – ein welthistorisches Ereignis abspielte: der Fall des Eisernen Vorhangs.

22 Kilometer nördlich kam es am 27. Juni zur symbolischen Grenzöffnung: Österreichs Außenminister Alois Mock und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn trafen einander nahe Klingenbach, um vor Pressefotografen und Kameraleuten den bis dahin streng bewachten Grenzzaun aus Stacheldraht mit Bolzenschneidern zu durchtrennen. Die Bilder gingen um die Welt.

Nur wenige Tage später waren die Ereignisse bei der Kirchenwirtin angekommen: Die Gaststube füllte sich mit lauter fremden Leuten. „Wir waren total überrascht vom Ansturm. Aber meine Mutter hat nur gesagt ,hilf mir’“, erinnert sich Anni Heinrich. Alte, Junge und kleine Kinder aus der DDR waren über die Grenze gekommen, um bei der Wirtin in Deutschkreutz Frühstück und Kleidung zu bekommen. Viele Tränen flossen. „Die einen haben vor Freude geweint, weil sie die Flucht geschafft hatten und in Sicherheit waren“, erzählt Frau Heinrich, die längst das Gasthaus von der Mutter übernommen hat. Aber es spielten sich hier auch dramatische Szenen ab. „Eine Familie hat bei der Flucht ihr dreijähriges Kind aus den Augen verloren und war am Boden zerstört.“ Am nächsten Tag gelang es einem Deutschkreutzer, das Kind aus Ungarn nachzuholen.

Zwei Meter hohe Stacheldrahtzäune, Selbstschussanlage, Minenfelder und Wachtürme: Mehr als 40 Jahre lang hatte der Eiserne Vorhang Europa in zwei Hälften geteilt. Die nahezu unüberwindbare Grenze sollte verhindern, dass Menschen aus den kommunistisch regierten Staaten nach Westeuropa fliehen konnten. Tausende, die es dennoch probierten, starben in dem Todesstreifen, wie der Grenzbereich genannt wurde.

 

Ab dem Frühjahr 1989 wurde der Eiserne Vorhang an der österreichisch-ungarischen Grenze immer durchlässiger. Im Mai begann die ungarische Grenzwache bei Hegyeshalom und Sopron, die kilometerlangen Drahtzäune zu entfernen. Dass es zwischen Österreich und Ungarn bereits eine offene Grenze gab, sprach sich in Windeseile bis nach Ostdeutschland herum. Immer mehr DDR-Bürger flohen über Ungarn und Österreich in den Westen. Die Massenflucht setzte am 19. August 1989 ein, als gleich Hunderte Ostdeutsche die offene Grenze beim Picknick der „Paneuropa“-Bewegung nahe St. Margarethen für ihren Weg in die Freiheit nutzten.

„Nächstenliebe“

1000 Personen aus der ehemaligen DDR hat Familie Heinrich bei ihrer Ankunft im Burgenland mit dem Lebensnotwendigsten versorgt. Ohne Bezahlung, „aus Nächstenliebe“: Viele haben sich in Anni Heinrichs Gästebuch eingeschrieben und versucht, ihren Dank in Worte zu fassen. Ausgestellt wurde das Gästebuch als zeithistorisches Dokument auch schon in Leipzig und Berlin.

„Es kommen auch jetzt, 30 Jahre danach, noch immer Flüchtlinge von damals zu uns, um sich zu bedanken“, sagt die Wirtin. Jahrelange Freundschaften sind entstanden. „Auch wenn die Menschen heute in aller Welt zerstreut leben – wir haben zum Teil noch immer Kontakt.“

Ob sie heute wieder so handeln würde wie 1989? „Sicher. Wenn jemand auf der Flucht ist, hilft man.“

Auch Herwig Hadwiger ist das Jahr 1989 noch gut in Erinnerung. Fünf Geschäfte hatte der Elektrohändler damals in Wien besessen. Als die Grenze zum Osten geöffnet wurde, machte er für rund eineinhalb Jahre in Nickelsdorf, Bezirk Neusiedl am See, ein Geschäft auf. „Die Leute sind mit dem Trabi gekommen und haben reihenweise Tiefkühltruhen und Mikrowellenherde gekauft.“ Jetzt ist aus dem Geschäft eine Kunsthalle entstanden.