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Chronik Burgenland
05/31/2021

(Bittere) Pillen gegen den Ärztemangel

Die Suche nach Medizinern gibt es vom Landesnorden bis in den Süden. Mit verschiedenen Rezepten wird versucht, geeignete Lösungen zu finden – nicht immer ohne Nebenwirkungen

von Claudia Koglbauer-Schöll, Roland Pittner, Paul Haider, Michael Pekovics

In vier Jahren wird es dann so richtig eng. Bis dahin könnten nämlich mehr als die Hälfte der 143 Allgemeinmediziner (79) sowie 40 der 93 Fachärzte den Ruhestand antreten. Laut Burgenländischer Ärztekammer dürften die Nachbesetzungen schon 2023 zur großen Herausforderung werden. Das Problem der fehlenden Mediziner wird Nord-, Mittel- und Südburgenland gleichermaßen betreffen.

Erste Anzeichen dafür gibt es bereits. Denn immer wieder warten unbesetzte Arztpraxen auf Bewerber. Bislang war das eher im Süden oder in der Mitte der Fall, zuletzt wurde auch in Gattendorf im Bezirk Neusiedl am See 18 Monate und 13 Ausschreibungen lang auf einen Bewerber gewartet.

An Vertrag gearbeitet

Chirurg Christoph Reisinger wird sich als Nachfolger von Klaus Derks als fixer Allgemeinmediziner in Gattendorf niederlassen. Den Kontakt hat Vizebürgermeister Robert Kovacs (SPÖ), im Hauptberuf Angestellter der Krages im Krankenhaus Kittsee, hergestellt. Bürgermeister Franz Vihanek (ÖVP) stellt nun auch schon den Dienstantritt von Reisinger für Jahresbeginn 2022 in Aussicht – gemeinsame Gespräche seien sehr positiv verlaufen, nun werde an einem Vertrag gearbeitet.

Zunächst soll der Klubraum der Gemeinde zu einer Ordination umfunktioniert werden, in weiterer Folge wolle man eine neue Arztpraxis in Gattendorf bauen. Wie Vihanek den KURIER wissen lässt, sei es etwa vorstellbar, dass das bestehende Rotkreuz-Seniorentageszentrum 2023/24 zu einem kleinen Sozialzentrum ausgebaut wird, Arztpraxis und neue Starterwohnungen inklusive.

Gemeinden unterstützen

In einem Gebäude für betreutes Wohnen der Oberwarter Siedlungsgenossenschaft zieht demnächst auch Mediziner Paul Fink ein. Der Steirer hat eine Kassenstelle als Allgemeinmediziner in Neuhaus am Klausenbach im Bezirk Jennersdorf angenommen. „Die Gemeinde ist mir hier sehr entgegengekommen“, erklärt Fink, der bisher in Graz arbeitete. Er wolle ein „richtiger Landarzt“ werden und freut sich auf seine neue Aufgabe, ab 1. Oktober wird er im Südburgenland ordinieren und mit 1. Jänner 2022 die Praxis komplett übernehmen. In der Gemeinde ist man froh über den Arzt, denn selbstverständlich ist es längst nicht, dass sich jemand für Landarztstellen findet.

Laut dem Direktor der Burgenländischen Ärztekammer, Thomas Bauer, sind derzeit fünf Kassenplanstellen im Burgenland ausgeschrieben. Mitunter dauert die Suche nach einem Bewerber jahrelang. Ein Beispiel dafür ist das mittelburgenländische Raiding. „Sieben Jahre haben die Vorarbeiten gedauert“, sagt Bürgermeister Markus Landauer (ÖVP). Nun werde der Allgemeinmediziner und Neurologe Harald Sumper mit Ende Juni die Stelle des praktischen Arztes übernehmen. In Mattersburg und Rechnitz ging es schneller, heißt es von der Kammer.

Es seien vor allem junge Mediziner, die sich momentan für eine Hausarztstelle interessieren, einige haben solche Stellen bereits übernommen. Als möglichen Grund dafür nennt der Kammerdirektor die seit 2015 eingeführte Lehrpraxis. Nach Absolvierung des Turnus müssen die Mediziner sechs Monate in einer Arztpraxis Erfahrungen sammeln. Dabei würden sich einige von ihnen – statt weiter als Spitalsarzt zu arbeiten – für eine Übernahme der Ordination entscheiden.

Ausnahme statt Regel

Doch auch wenn es Ausnahmen gibt, werden Hausärzte weiterhin händeringend gesucht. In Weppersdorf im Bezirk Oberpullendorf ist die Stelle des Praktischen Arztes zum siebenten Mal ausgeschrieben (siehe Zusatzbericht). Das Pilotprojekt der Krages in Form einer ausgelagerten Ambulanz, bei der Spitalsärzte aus dem KH Oberpullendorf die „ärztliche Nahversorgung“ erfüllen sollen, stößt bei der Kammer auf wenig Verständnis.

Das Land wolle dem Ärztemangel jedenfalls mit einem „engmaschigen Netz an Fördermöglichkeiten“ begegnen, heißt es. Förderungen für die Gründung bzw. Übernahme von Ordinationen gebe es, ebenso wie ein Kontingent an kostenlosen Studienplätzen für junge Burgenländer an der Danube Private University (DPU). Außerdem werden Medizinstudierende sowie Turnusärzte, die eine Kassenvertragsstelle für fünf Jahre besetzen, mittels Stipendiums unterstützt.

Pilotprojekt in Weppersdorf

Schon bevor die Gemeindeärztin mit Ende 2020 in Pension ging,  wurde in Weppersdorf die Suche nach einem Nachfolger gestartet. Bisher wurde noch kein Arzt für die  freie Kassenstelle gefunden.  Nun soll  mit dem Bau der neuen Gesundheitseinrichtung  Weppersdorf (GEW) und der Einrichtung einer dislozierten Ambulanz „die wohnortnahe Gesundheitsversorgung der Bevölkerung gewährleistet“ werden, sagt Landeshauptmann Hans Peter Doskozil. Er war dieser Tage  zum Spatenstich  der Gesundheitseinrichtung  gekommen.

Neben einem allgemeinmedizinischen Bereich soll die GEW, die von der Oberwarter Siedlungsgenossenschaft  gebaut wird,  u. a. zusätzliche Flächen für andere Gesundheitsdienstleister bieten.  Die Fertigstellung ist für Herbst 2022 avisiert.

In Weppersdorf werden nun auch die Ordinationsräumlichkeiten der früheren Hausärztin   barrierefrei umgebaut, damit dort die  dislozierte Ambulanz untergebracht werden kann. Anfang August soll die Ambulanz den Betrieb aufnehmen – zunächst mit voraussichtlich 15 Wochenstunden. Eine Ausdehnung der Öffnungszeiten ist geplant.

„Die dislozierte Ambulanz in Weppersdorf wird das Pilotprojekt der Krages und wird erstmals diese mehrmals erfolglos ausgeschriebene Kassenstelle für Allgemeinmedizin durch eigenes Personal besetzen. Sollte sich in der Folge ein Mediziner finden, der die Stelle antreten möchte, so zieht sich die Krages zurück“, heißt es dazu  auf KURIER-Anfrage aus dem Büro von Landeshauptmann Doskozil. Konkrete Pläne für weitere derartige dislozierte Ambulanzen gebe es derzeit jedenfalls nicht.

Kritik  an dem Projekt kommt indes von der Burgenländischen Ärztekammer: In den  burgenländischen Spitälern seien zig Arztstellen nicht besetzt, was zu einer „immensen Arbeitsverdichtung“ für die Spitalsärzte führe. „Dass wir zusätzlich jetzt noch Versorgungsdefizite im niedergelassenen Bereich abdecken sollen, ist schlichtweg unzumutbar“, hatte  Kurienobfrau Brigitte Steininger bereits nach Bekanntwerden der Pläne  erklärt.

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