© Kurier/Juerg Christandl

A4
08/28/2015

Bis zu 50 Flüchtlinge in Lkw gestorben

Die Fahndung nach dem Lenker läuft. Polizei bittet um Zeugenhinweise. Obduktion der Leichen in Wien.

Bereits Mittwochnachmittag fiel einer Streife der Autobahn-Polizei Potzneusiedl der LKW auf dem Pannenstreifen auf der A4, der Ostautobahn, in Fahrtrichtung Wien vor der Abfahrt Parndorf auf. Am Donnerstag gegen 11.30 Uhr hielt die Polizei Nachschau und entdeckte mehrere tote Flüchtlinge in dem Lkw. Wie die Polizei in einer ersten Pressekonferenz mitteilte, sollen alle Flüchtlinge, die sich auf der Ladefläche des Lkw mit ungarischem Kennzeichen befunden haben, gestorben sein. Die Zahl der Todesopfer ist noch unklar, die Polizei spricht von 20 bis 50 Personen. Sie dürften bereits vor eineinhalb bis zwei Tagen gestorben sein.

Lkw ist in Nickelsdorf

Der Lkw ist mittlerweile nach Nickelsdorf in die ehemalige Veterinärdienststelle gebracht worden, wo es eine Kühlmöglichkeit gibt. In der Nacht auf Freitag wurde mit der Bergung der Leichen begonnen. Mehr Informationen gab es Freitagfrüh noch nicht. Am Vormittag wird es um 11 Uhr eine Pressekonferenz in Eisenstadt geben. Die Leichen werden in weiterer Folge nach Wien auf die Gerichtsmedizin gebracht, dort sollen sie dann identifiziert werden.

Der 7,5 Tonnen schwere Lkw sei am Mittwoch in den frühen Morgenstunden bei Budapest in Ungarn gestartet. In der Nacht auf Donnerstag dürfte, so die Ermittlungen der Polizei, das Fahrzeug nach Österreich gerollt sein. Bei den Verstorbenen handelt es sich "mit sehr, sehr hoher Wahrscheinlichkeit" um Flüchtlinge.

"Wir können zum jetzigen Zeitpunkt keine konkreten Angaben machen, wie der Tod eingetreten ist“, sagte Hans Peter Doskozil, Landespolizeidirektor im Burgenland. Der Witterung nach zu urteilen könnten die Menschen bereits seit ein bis zwei Tagen tot gewesen sein. Laut Doskozil trat bereits Verwesungsflüssigkeit aus dem 7,5 Tonnen schweren Lkw aus.

Der Lkw soll am frühen Mittwochvormittag in Budapest gestartet sein, gegen 9 Uhr nahm ihn eine Kamera an der Mautstelle nahe der Grenze zu Österreich auf. Die Polizei geht davon aus, dass er am Donnerstag zwischen 5 und 6 Uhr früh am späteren Fundort auf der A4 abgestellt wurde.

Der Fahrer ist nach wie vor flüchtig. Eine Fahndung der Polizei mit ungarischen Kollegen läuft. Ein Krisenstab wurde eingerichtet. Es sei leider mittlerweile eine „gängige Transportmethode im Schlepperwesen, möglichst viele Menschen auf kleinem Raum zu transportieren“, hielt Polizeisprecher Helmut Marban fest. Gleichzeitig bittet er um Hinweise: „Vielleicht finden sich Zeugen, die den Lastwagen bereits früher gesehen haben." Laut Janos Lazar, Stabschef von Ungarns Premier Viktor Orban, war das Nummernschild des Lkw von einem Rumänen in der mittel-ost-ungarischen Stadt Kecskemet beantragt worden.

Unternehmen des tschechischen Vizekanzlers

Bei dem Kühlwagen dürfte es sich um den Lkw einer slowakischen Hühnerfleischfabrik handeln. Das Unternehmen gehört zum Unternehmen Agrofert, dass dem tschechischen Finanzminister und Vizekanzler Andrej Babiš gehört. In einer ersten Stellungnahme des Konzerns teilte Sprecher Karel Hanzelka mit: "Mit größter Wahrscheinlichkeit dürfte das Fahrzeug in der Vergangenheit verkauft worden sein." Derzeit besitze man sechs Lkws, die allerdings nicht nach Österreich exportieren.

Wahrscheinlich sei auch, dass das Firmenlogo vom Käufer selbst aufgeklebt worden ist. Laut einem Sprecher des Unternehmens wurden 13 ihrer Lkw 2014 verkauft. Offenbar habe ein Käufer einen der Transporter nach Ungarn weiter veräußert, sagte der Firmensprecher. Um welches Fahrzeug es sich im konkreten Fall handle, lasse sich nicht nachvollziehen. Der Käufer sei übrigens nicht verpflichtet, die Firmenaufschrift zu entfernen. Das Unternehmen zeigte sich von dem Fall betroffen.

Innenministerin: "Dunkler Tag"

Innenministerin Johanna Mikl-Leitner zeigte sich betroffen. Sie sprach von einem "dunklen Tag". Ihre Gedanken seien bei Opfern, bei deren Familien und Freunden. "Schlepper sind Kriminelle. Sie haben kein Interesse am Wohlergehen der Flüchtlinge. Nur am Profit." Mikl-Leitner will jetzt stärker an den Grenzen kontrollieren. Das Personal im Kampf gegen die Schlepper sei aufgestockt worden, bei der Staatsanwaltschaft wie auch im Bundeskriminalamt. "Wer jetzt noch glaubt, dass es sich bei Schleppern um sanftmütige Fluchthelfer handelt, dem ist nicht mehr zu helfen."

Auch Justizminister Wolfgang Brandstetter meldete sich zu dem verheerden Vorfall zu Wort. Er wolle „mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln“ gegen die Schlepper vorgehen.

Vorfall für Amnesty International "vorhersehbar"

„Wer immer hier von Tragödie spricht, ist ein Heuchler. Das ist ein vorhersehbarer und bei all jenen, die krampfhaft an einem nicht mehr funktionierenden Dublin-System festhalten, auch fahrlässig in Kauf genommener, grauenhafter Kollateralschaden“, reagierte der Generalsekretär von Amnesty International Österreich, Heinz Patzelt, auf das Drama im Burgenland. Diese werde nicht die einzige Katastrophe bleiben. Das Entsetzen setze immer erst dann ein, „wenn diese Dinge vor unseren Augen passieren. Dabei waren die 1.000 Toten im Mittelmeer und die ungezählten Toten auf der Balkan-Route die Ankündigung dazu“.
Abgesehen davon betonte Patzelt, jene, die Schlepper-Transporte durchführen, seien „Verbrecher, die festgenommen und vor Gericht gestellt werden müssen“.

Protestkundgebung

Etwa 30 Personen der "Offensive gegen Rechts" und das Bündnis „Flüchtlinge Willkommen Burgenland“ haben sich nach Bekanntwerden der Flüchtlingstragödie auf der A4 am Donnerstagabend zu einer Protestkundgebung vor der Landespolizeidirektion Eisenstadt zusammengefunden. Kerzen im Gedenken an die toten Flüchtlinge wurden vor der LPD angezündet und eine Trauerminute eingelegt.

Sprecherin der Offensive gegen Rechts, Dagmar Schindler fordert: „Nieder mit den Zäunen an den Grenzen und legale Fluchtwege.“ Sie übt am Donnerstag Kritik an Innenministerin Johanna Mikl-Leitner: „Die Schlepperbekämpfung kann nicht das erste Mittel sein, um solche Tragödien zu verhindern. Wenn man den Menschen Perspektiven aufzeigen würde, müssten sie sich nämlich gar nicht erst in die Hände von Schleppern begeben, kritisiert Schindler.

Gedenkfeier

Mit einem Gedenkgottesdienst im Wiener Stephansdom soll am Montag um 19 Uhr der zu Tode gekommenen Flüchtlinge gedacht werden. Geleitet wird die Messe von Kardinal Christoph Schönborn, der am Donnerstag alle Kirchen bat, die Glocken läuten zu lassen. Schönborn sowie der Eisenstädter Bischof Ägidius Zisfkovics zeigten sich erschüttert: „Mein Mitgefühl ist bei jenen Menschen, die diesen unvorstellbar qualvollen Tod erleiden mussten“, sagte Schönborn.

Entsetzt zeigte sich Schönborn zudem über die „unbeschreibliche Menschenverachtung der Schlepper“. Europa müsse endlich geeint vorgehen, „um diesen Kriminellen mit allen zulässigen Mitteln das Handwerk zu legen“.

Stop-and-go-Verkehr

Donnerstagnachmittag war die nahe dem Designer Outlet in Parndorf gelegene Stelle von Einsatzfahrzeugen mit Blaulicht abgesichert, ein Fahrstreifen in unmittelbarer Nähe gesperrt. Der Verkehr stockte, zumal sich viele auf den Weg zum jährlichen Late Night Shopping im Designer Outlet gemacht hatten. Insgesamt 14 Kilometer lang war der Stau am Nachmittag, vor allem schaulustige Autolenker verzögerten den Verkehr.

Von Auto überfahren

Erst in der Nacht auf Donnerstag ist ein Flüchtling auf der Ostautobahn von einem Auto erfasst und schwer verletzt worden. Das Opfer erlitt einen Schädelbruch und Knochenbrüche. Er wurde ins Krankenhaus eingeliefert.