Donald Trumps Haare

© AP/Andrew Harnik

Rückblick 2016
12/28/2016

"Lückenpresse" – was wir dieses Jahr verpasst haben

Zur "ganzen Wahrheit", wie sie von den Lügenpresse-Rufern eingefordert wird, gehört auch, dass nicht alles berichtet werden kann. Dafür gibt es gute Gründe. Und unbewusste Mechanismen - eine Analyse.

von Karl Oberascher

Nein, das ist kein Beitrag über marodierende Ausländerbanden, die über unsere österreichischen Frauen herfallen. Und das nicht, weil wir auf sie vergessen hätten oder gar verschweigen wollten. 91 Asylwerber wurden zwischen Jänner und September dieses Jahres eines sexuellen Übergriffs verdächtigt, über die meisten, das trauen wir uns zu sagen, wurde berichtet. Und zwar so viel, dass man auf die rund 120.000 Asylwerber, die seit 2015 nach Österreich gekommen sind und sich sonst nichts zu Schulden kommen haben lassen, fast vergessen könnte. Im Gegenteil. Dass von 826 Vergewaltigungen, die 2015 hierzulande insgesamt verübt wurden, vergleichsweise wenig zu hören war – das, ja das wäre vielleicht so ein Fall für die Lückenpresse.

Diese Vorbemerkung sei insofern erlaubt, als dass schon der Titel, zugegeben, dazu angetan ist, in die Irre zu führen. Lückenpresse, das klingt doch verdächtig nach Lügenpresse. Und beide Begriffe meinen ja auch zumindest insofern dasselbe, als dass sie eine lückenhafte Berichterstattung der Medien unterstellen. Der Unterschied liegt jedoch nicht nur im mangelnden Vorsatz, aber dazu später.

Rechtfertigungsnot etablierter Medien

Zunächst muss noch die Frage geklärt werden, wieso eine Geschichte wie diese unter der Rubrik "Jahresrückblicke" nebst den besten Bildern und den einflussreichsten Verstorbenen des Jahres zu finden ist: Es ist wohl das Verdienst der Lügenpresse- und Pinocchiorufer. Unter dem Einfluss der sozialen Medien droht die mediale Öffentlichkeit zu erodieren, in kleine Teilöffentlichkeiten zu zerfallen, die allesamt ihre eigene Sicht auf die Welt als wahr beanspruchen. Das ist systemisch erklärbar, praktisch ist es die beste Voraussetzung für die "Lügenpresse"-Rufer, die auch die klassischen Medien zunehmend in Rechtfertigungsnot bringen.

Ein Effekt, der durchaus positiv zu bewerten ist. Eine Branche, die sich seit bald zwei Jahrzehnten über sinkende Einnahmen wundert, stellt sich so nebst der wirtschaftlichen endlich auch einer inhaltlich-systemischen Debatte. Selbstreflexion und Selbsterklärung haben - verhalten, aber doch - in den Journalismus Einzug gehalten. Dieser Beitrag versteht sich als Teil dieses Prozesses.

Lücken in der Nachrichtenproduktion

Eingeführt wurde der Begriff der Lückenpresse - jedenfalls indirekt - 2014 von Horst Pöttker in einem Beitrag in der Fachzeitschrift Medien und Zeit, in dem der Kommunikationswissenschaftler von "Lücken von Öffentlichkeit" sprach. 2016 legte der Politologe Ulrich Teusch in bewusster Anspielung auf die undifferenzierte Medienkritik, die unter dem Schlagwort "Lügenpresse" vorgebracht wird, das Buch "Lückenpresse" vor - und ist seitdem gern gesehener Gesprächspartner auf Russia Today und KenFM - zwei Kanäle, die sich der Medienkritik aus ihrer ganz eigenen Perspektive verschrieben haben.

Wir wollen uns deshalb auf Horst Pöttker konzentrieren, der eine breite Palette an Faktoren nennt, die zu Lücken in der medialen Berichterstattung führen und die journalistische Grundpflicht zum Publizieren aushebeln können. Zensur von außen wäre so einer. Im europäischen Kontext sind hier vor allem historische Beispiele zu nennen. So wusste etwa die deutsche Generalität schon im Sommer 1916, dass eine Niederlage unabwendbar war. Die Militärzensur sorgte jedoch dafür, dass die Bevölkerung davon nichts erfuhr. Heutzutage ein vernachlässigbarer Faktor - jedenfalls in Europa. Sicher sein kann man sich freilich immer erst im Nachhinein.

Bedeutender ist jedenfalls die Systematik der Nachrichtenproduktion selbst - also die Art und Weise, wie wir Nachrichten bewerten. Seit Walter Lippmanns Studie über "Die öffentliche Meinung" aus den 1920er-Jahren wird systematisch darüber nachgedacht, nach welchen Kriterien das Publikum und infolgedessen Journalisten ihre Aufmerksamkeit zuteilen. Grundsätzlich identifizierte schon Lippmann vier Nachrichtenfaktoren: Nähe, Prominenz, Status, Überraschung und Konflikt. In den 1970ern unter anderem von Winfried Schulz erweitert und diversifiziert, haben diese Faktoren bis heute ihre Gültigkeit.

Das Problem: Ereignisse, die keine dieser Faktoren erfüllen, nur latente Aktualität besitzen, werden tendenziell nicht berichtet. Einen guten Überblick über medial vernachlässigte Themen bietet die Top-Ten-Liste der deutschen Initiative Nachrichtenaufklärung (INA). Eine Jury aus Wissenschaftlern und Journalisten ermittelt, ob zuvor vorgeschlagene Themen triftig, also recherchierbar und außerdem tatsächlich in den Medien vernachlässigt wurden:


Auszug

  • Die Finanzierung von Atomwaffen – "Eine im Jahr 2015 erschienene internationale Studie zur Finanzierung der atomaren Rüstung nennt zehn deutsche Finanzinstitute, die in Milliardenhöhe in entsprechende Unternehmen investiert haben."
  • EU und Euratom: Verpflichtet, die Kernkraft zu fördern: Der Euratom-Vertrag ist ein Fossil: Er wurde 1957 unterzeichnet und hat seitdem keinerlei Reformen erfahren. Recherchen zeigen, dass die Strukturen von Euratom ihren Aufgaben nicht mehr gerecht werden. Deutschland leistet nach wie vor Zahlungen an das Bündnis, dessen erklärtes Ziel ist, die Atomindustrie aufzubauen und zu entwickeln – trotz des beschlossenen Atomausstiegs.
  • K.O.-Tropfen: Lieferung frei Haus und legal: Sogenannte K.O.-Tropfen können kinderleicht und ganz legal auch in erheblichen Mengen übers Internet per Post bestellt werden. K.O.-Tropfen sind auch als „Liquid Ecstasy“ bekannt, gelten als Vergewaltigungsdroge und werden meist in Diskotheken, auf Partys oder in Bars in offene Getränke gemischt.
  • Arbeitsbedingungen zu selten ein Thema: Außerhalb der großen Tarifauseinandersetzungen werden die Arbeitsbedingungen journalistisch kaum thematisiert.

Die gesamten Top 10 finden Sie hier

Ein ähnliches Projekt gibt es in den USA schon seit 1978. Für den Zeitraum 2015-2016 wird als wichtigste Geschichte, die "es nicht in die Nachrichten geschafft hat", so der Slogan des "Project Censored", die US-amerikanische Militärpolitik genannt. "Wenn man einen Dartpfeil auf eine Weltkarte wirft und kein Wasser trifft, liegt die Wahrscheinlichkeit ein Land zu treffen, in dem Spezialkräfte der US-Armee 2015 aktiv waren, bei 70 Prozent", heißt es da. Die "Krise evidenzbasierter Medizin" wird auf Platz zwei geführt, noch vor den Auswirkungen der Umweltverschmutzung auf die Ozeane und dem (inzwischen allerdings breit thematisierten) möglichen Einfluss der Suchalgorithmen auf Wahlentscheidungen.

In Österreich gibt es leider kein vergleichbares Projekt. Vernachlässigte Geschichten lassen sich aber sicher auch bei uns zuhauf finden. Deshalb möchten wir an dieser Stelle einen Aufruf starten: Diskutieren Sie im Forum mit, welche Missstände Ihrer Meinung nach zu wenig Aufmerksamkeit erfahren haben.

Ein weiterer Faktor, den Pöttker nennt, ist die Verstopfung der Kommunikationskanäle mit Informationsmüll.Donald Trumps Haarpracht würde uns hier spontan als viel zu prominent platziertes Thema einfallen; auch Donald Trumps Handgröße wäre zu nennen; ja, sogar Donald Trumps sexistische Aussagen. All diese Geschichten lenkten von den wirklich (nur rudimentär ausformulierten) politischen Inhalten seiner Kampagne ab, mehr noch: sie verhinderten eine sachliche Auseinandersetzung mit Donald Trump.

Gesellschaftliche Tabuthemen

Und nicht zuletzt führen auch kulturelle und gesellschaftliche Tabus zu den hier diskutierten "Lücken in der Berichterstattung". Dass Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche aus den 70ern, 80ern- und 90ern mitunter erst Jahrzehnte danach ans Tageslicht kamen - und publizistisch verarbeitet werden konnten-, liegt auch an dem gesellschaftlichen Klima, das sich in der Zwischenzeit verändert. Was früher schweigend hingenommen und vertuscht wurde, wird jetzt zu Recht thematisiert. Hier zeigt sich auch, dass Medien - bei all den hier beschriebenen Lücken - sehr wohl die Kraft haben, Missstände wirksam aufzudecken und den Impuls für gesellschaftliche Selbstregulierung zu schaffen, dass sie diese Aufdeckung ohne Hilfe von außen, von Betroffenen oder Geheimnisträgern, oft nicht leisten können.

Mut zur Lücke statt Glaube an die Lüge?

Und dann gibt es da auch noch die bewusst gewählten Lücken. Umstände des höchstpersönlichen Lebensbereiches, die von der Pflicht zur Publizität ausgenommen sind. Das Liebesleben von Politikern wäre da so ein Beispiel. Und bis vor Kurzem gehörte da auch die Herkunft von Straftätern dazu. Auch wenn es uns von einigen Usern in den Kommentar-Spalten als Lüge ausgelegt wurde, so gäbe es nach wie vor gute Gründe, die Herkunft von Tätern nur dann zu nennen, wenn sie auch ursächlich in Zusammenhang mit der Tat steht. Ein Ansatz, der Diskriminierung von Minderheiten verhindern soll, heißt es nach wie vor in der Richtlinie 12.1 des deutschen Pressekodex.

Was lange als Mut zur Lücke statt als vorsätzliche Lüge gewertet wurde, scheint sich nun jedoch zu ändern. In Deutschland forderte unter anderem Andreas Scheuer, der Generalsekretär der CSU, die Herkunft von Tätern immer zu nennen. In Österreich ist dies ohnehin schon länger Gepflogenheit – wenn auch nicht in jedem Einzelfall.

Nur ein Bild von der Wirklichkeit

Überhaupt: Natürlich berichten Medien lückenhaft, sie können, ja sie sollen auch gar nicht anders. Systematisch gesprochen helfen sie uns, die komplexe Wirklichkeit, das Überangebot an Information, zu reduzieren. Beispielhaft gesprochen können alle 826 Vergewaltigungen, die 2015 in Österreich verübt wurden, gar nicht in der ZiB2 berichtet werden.

Das Bild von der medial vermittelten Öffentlichkeit, das der Soziologe Niklas Luhmann mit seinem Satz "Alles, was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien", prägte, es stimmt auch im Zeitalter der Sozialen Medien noch immer.

Dass Medien nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit berichten (können), ist eine profane Erkenntnis, die an Schlichtheit nur duch die Forderung nach totaler Berichterstattung im Dienste der "ganzen Wahrheit" übertroffen wird.

Von den Lücken zu den Blasen

Diese Medienpraktiken zu durchschauen, oder sich zumindest ihrer bewusst zu sein, liegt immer mehr auch in der Verantwortung der Leser selbst. Wer sich selbst als kritischen Rezipienten sieht, der sollte nicht nur auf ein Medium zurückgreifen. Nur so kommt man auch einem anderen Phänomen aus, das mit der klassischen Nachrichtenproduktion, wie sie Lippmann schon in den 1920ern beschrieb, nichts mehr zu tun hat – der Filterblase, oder digitalen Echokammern. Die größten Lücken in unserer Wahrnehmung gibt es in Zeiten von Facebook und Co. nämlich dort, wo andere Meinungen und Einstellungen nicht mehr an uns herandringen, uns nur noch Informationen zugemutet werden, von denen sich die Algorithmen sicher sind, dass sie uns gefallen.

Auch hierbei handelt es sich um keinen bewussten Prozess, von Lüge ist also nicht zu sprechen. Doch die Lücken in den Sozialen Medien sind längst so groß, dass sie ganze politische Parteien, Meinungen, Einstellungen und Lebenswelten umfassen. Es werden also nicht nur einzelne Themen nicht berücksichtigt, mehr noch. Es ist die berühmte "andere Seite der Medaille", die durch den digitalen Echoraum wegfällt. Dass Seiten wie unzensuriert.at vorgeben, in die Lücken zu stoßen, in Wirklichkeit nur das eigene Weltbild bedienen und bestätigen, macht sie zur Lügenpresse. Nicht umgekehrt.

Aufgeklärte Leser

Bleibt die Frage, wie diese Lücken zu schließen sind. Die Antwort darauf ist denkbar unbefriedigend: Gar nicht. "Das Herstellen von Öffentlichkeit ist eine Sisyphusarbeit", schreibt Horst Pöttker. Initiativen wie die INA können einen Anschub geben. Was die Sozialen Medien betrifft, so ist die Antwort einfacher: Pro- und Contra; Für- und Widerrede. Die berühmte "andere Seite der Medaille". Denn die Wirklichkeit ist nie nur eindimensional. Sie besteht nicht nicht aus marodierenden Vergewaltigerbanden. Sollten Sie hier anderer Meinung sein, dann sollten Sie ihren Facebook-Feed einer genaueren Untersuchung unterziehen. Was es nämlich vor allem braucht in Zeiten digitaler Verwirrungen und intransparenter Mechanismen, das sind aufgeklärte Leser.