EU-Saatgut-Pläne: Große Aufregung um kleine Körner

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Foto: apa Wirbel um die Aussaat: Künftig will die EU verstärkt prüfen, was aufs Feld kommt. Für Private gibt es Ausnahmen

Agrarvertreter halten die Aufregung für übertrieben. Die Online-Petition findet breiten Zulauf.


Wenn die Saatgut-Verordnung der EU kommt wie geplant, kann ich zusperren“, stellt der burgenländische Tomaten-Kaiser Erich Stekovics klar. Er hat 3200 Paradeiser-Sorten im Sortiment – nur für „20 bis 30“ gibt es eine Zulassung, wie sie sich die EU künftig für alle alten Sorten wünscht.

Zum Kommentar von Martina Salomon.

Tomatenparadies am Neusiedlersee Foto: dpa/Christian Volbracht Paradeiser-König Erich Stekovics „Die Zulassung für eine Sorte kostet 1000 Euro, ich müsste also mehr als drei Millionen Euro in die Hand nehmen. Das ist mehr als das vierfache meines Jahresumsatzes“, poltert Stekovics. „Diese Verordnung würde der kleinstrukturierten Landwirtschaft den Hahn zudrehen und wäre das Ende der Sortenvielfalt.“ Es würde sich wieder einmal um eine Regelung für Konzerne handeln, die wenige Standardsorten tonnenweise verkaufen.

Stekovics: „Meine Sorten schmecken bei einem Ertrag von zwei Kilo pro Quadratmeter aber besser als die Hybridsorten, die in holländischen Glashäusern eingesetzt werden und einen Ertrag von 150 Kilo pro Quadratmeter haben.“

Ochsenherz

Für Konsumenten, die ihr Gemüse vornehmlich im Supermarkt kaufen, würde die neue Regelung so gut wie nichts ändern. In Supermarktregalen liegt ohnehin quasi nur Industrieware. So kommen in Europa mehr als die Hälfte der Paprikasorten von den Riesenkonzernen Syngenta und Monsanto. Bei Tomaten und Karfiol soll der Anteil der beiden Konzerne bei über 60 bzw. 70 Prozent liegen, so die Schweizer Organisation Swissaid.

„Unsere Gärtner ziehen nur noch Radieschen der Sorte ,Riese von Aspern‘ selbst. Alle anderen Saaten werden bei den Großkonzernen bezogen“, erklärt Gerald König, Vorstand der Erzeugergemeinschaft LGV, des größten Frischgemüseproduzenten Österreichs. Auch Saaten für Sorten, die man als unbedarfter Konsument in die Kategorie „Raritäten“ stecken würde, etwa Ochsenherz-Tomaten, kommen von Konzernen wie dem holländischen Rjik Zwaan. König: „Die Ursorte der Ochsenherzen wird nur ein Mal reif, dann ist der Stamm leer. Bei industriellen Sorten ist die Ernte kontinuierlicher, berechenbarer und auch schöner.“

Viele Landwirtschaftsvertreter finden die Aufregung um die Sortenverordnung übertrieben. „Nicht die Saatgut-Verordnung ist schuld daran, wenn weniger Raritäten gekauft werden. Letztlich entscheidet immer der Konsument, zu welcher Ware er greift“, findet Guenther Rohrer von der Landwirtschaftskammer. Schon jetzt ist der Marktanteil von Raritäten im Handel „verschwindend gering“.  Raritäten würden sich für die moderne Vermarktung nicht eigenen, da die Früchte unter anderem im Geschmack variieren können und auch nicht immer gleichmäßig aussehen.

Aus Sicht der Landwirte kommt dazu, dass alte Sorten „fast ausschließlich krankheitsanfälliger sind“, etwa weniger resistent gegen Pilzkrankheiten. Bauern, die auf Nummer sicher gehen, pflanzen also lieber „moderne Züchtungen“, bei denen bestimmte Krankheiten von vornherein ausgeschlossen werden können.

Zur Regulierung alter Sorten heißt es aus der Kommission, dass die Anforderungen „sehr niedrig“ sein werden: „Keine Zertifizierung, leichte Registrierung, keine Tests auf genetische Vielfalt, etc. Für Nischenmärkte wird es sogar noch leichtere Regeln geben.“ Variationen alter Sorten sollten außerdem nur auf nationalem Level registriert werden – mit „historischen Daten oder praktischer Erfahrung – aber ohne Tests“.

Die neuen Regeln sollen „für professionelle Akteure wie Landwirte oder Gartenbaubetriebe“ gelten, verlautet aus der Kommission. „Privatgärtner können auch in Zukunft ihr Saatgut verwenden. Und für Kleinunternehmer wird es Ausnahmen geben, um die administrativen Hürden und Kosten zu minimieren.“

Das allerdings lässt  die Vertreter  mittelständischer Saatgutfirmen aufhorchen. So fordert Rohrer eine Balance zwischen professionellen Anbietern, die sich allen Regeln in den Prüfungsverfahren unterwerfen müssen, und den Vertreibern von alten und seltenen Sorten, die davon ausgenommen sind.

Petition

saatgut_screenshot.jpg Foto: Screenshot ARCHE NOAH und GLOBAL 2000 setzen sich für ein nachhaltigeres EU-Saatgutrecht ein. Auf der Website "Freiheit für die Vielfalt" kann eine Petition gegen die geplante Saatgut-Verordnung unterschrieben werden.

Neuauflage

Neue Regeln für Bauern und Betriebe

Die Überarbeitung des Europäischen Saat- und Pflanzengutrechts wird seit 2008 vorbereitet. Privatgärtner können auch in Zukunft ihr Saatgut wie bisher verwenden. Sie sind von den neuen Regelungen zur Tier- und Pflanzengesundheit, die die Kommission Anfang Mai vorstellen wird, nicht betroffen. Diese gelten nur für professionelle Akteure, wie Bauern oder Gartenbaubetriebe, die pflanzliches Saatgut erzeugen.

(kurier) Erstellt am
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