Österreich braucht neue Ski-Heldinnen

Nach der Verletzung von Anna Fenninger (Mi.) stehen Michaela Kirchgasser (li.), Eva-Maria Brem (re.) und Elisabeth Görgl im Fokus.
Eva-Maria Brem soll für die verletzte Anna Fenninger in die Bresche springen.

Ganz geheuer ist Eva-Maria Brem die Sache ja noch nicht. Es war für sie schon komisch genug, dass sie inzwischen der Oldie-Fraktion im Team angehören soll. "Ein Oldie, mit 27?", wundert sich die Tirolerin. "Andererseits bin ich bei uns mittlerweile auch schon die Drittälteste."

Aber jetzt soll Eva-Maria Brem plötzlich auch noch die Nummer eins im österreichischen Damen-Skisport sein. Die Hoffnungsträgerin. Die Vorzeigeskifahrerin. Die Leaderin. Die Frau, die die prominenten Abgänge vergessen machen soll – Nicole Hosp ist in Sölden Platzsprecherin, auch Kathrin Zettel und Andrea Fischbacher fahren nicht mehr. Schon beim Riesentorlauf in Sölden (9.30 bzw. 12.30 Uhr) soll Brem für die verletzte Anna Fenninger in die Bresche springen.

Im Mittelpunkt

Eva-Maria Brem hat diese Führungsrolle nie angestrebt, und sie beansprucht sie in dieser Ausnahmesituation auch keineswegs für sich. "Ich kann ja nichts dafür, dass jetzt plötzlich von mir mehr erwartet wird", sagt die Riesentorlauf-Spezialistin bei der traditionellen Eröffnungspressekonferenz in Sölden, bei der die 27-Jährige auf einmal im Mittelpunkt stand. "Es ist neu, dass so viele Mikrofone vor mir stehen und so viele Leute sich für mich interessieren." Spricht’s und muss schon für das nächste Foto posieren.

Es sind turbulente Zeiten für das Damen-Skiteam um Cheftrainer Jürgen Kriechbaum: Plötzlich steht die Ski-Nation mit einer blutjungen Mannschaft da. Das Durchschnittsalter der zehn Läuferinnen, die der ÖSV am Samstag ins Gletscherrennen schickt, beträgt gerade einmal 22,5 Jahre. Mit Brem (ein Weltcupsieg), Michaela Kirchgasser (drei) und Elisabeth Görgl (sieben) gibt es nur drei Athletinnen, die schon einmal gewonnen haben. Zum Vergleich: Im Herrenteam stehen aktuell acht Sieger.

Im Umbruch

Verständlich, dass Jürgen Kriechbaum vor übertriebenen Erwartungen warnt und um Geduld bittet. "Wir müssen die Ansprüche nach unten schrauben", sagt der Oberösterreicher und verweist auf die Zahlen. "Anna Fenninger hat im letzten Winter fast ein Drittel unserer Punkte geholt, und rechnet man Nicole Hosp und Kathrin Zettel dazu, dann gehen uns fast 3000 Weltcuppunkte ab."

Die Gesamtweltcupsiegerin, so viel steht schon vor dem ersten Rennen fest, wird in diesem Winter jedenfalls nicht aus Österreich kommen. "Aber es ist zugleich eine tolle Herausforderung, Läuferinnen formen zu dürfen. Bis 2018 können wir’s schaffen", glaubt Kriechbaum.

Im Lot

Der neuen Hoffnungsträgerin Eva-Marie Brem ist der große Durchbruch im letzten Winter gelungen, nachdem sie 2013 bereits über das Karriereende nachgedacht hatte. "All die Erfahrungen haben mich reifen lassen und mich gefestigt", weiß die Tirolerin, die sich vor allem eines geschworen hat: "Ich brauche meine Ruhephasen." Nachdem sie am Mittwoch den Sturz der unmittelbar vor ihr gestarteten Anna Fenninger hautnah miterlebt hatte ("das geht nicht spurlos an einem vorbei"), suchte sie Abstand bei einem Herbstspaziergang. "Man muss das beiseiteschieben. Aber das ist leichter gesagt als getan."

Eva-Maria Brem ist dann schließlich froh, als die Pressekonferenz ein Ende nimmt: Sie braucht den Rummel um ihre Person nicht. "Natürlich ist das eine Form von Wertschätzung. Aber eigentlich will ich einfach nur gut skifahren."

Nicht weniger als 30 Rücktritte weltcuperprobter Läufer hat es nach dem WM-Winter gegeben. Für den Söldener Rainer Gstrein ist als Rennleiter nach dem sonntägigen Herren-Riesenslalom Schluss. Zuvor hilft Gstrein – er war als ÖSV-Trainer langjähriger Wegbegleiter von Benjamin Raich – noch mit, dass morgen, am ersten Tag mit Winterzeit, aus der Gletscher-Show mit Vorjahressieger Marcel Hirscher ein außergewöhnliches Erlebnis für die Konsumenten von zwölf TV-Stationen wird.

Der ORF überträgt den Herren-Riesenslalom mit 22 Kameras. Als 1993 erstmals auf dem Ötztaler Gletscher um Weltcuppunkte gefahren wurde, standen Bildregisseur Fritz Melchert gerade acht Kameras zur Verfügung. Auch Melchert wurde in Sölden (im Beisein von ORF-Sportpionier Lucky Schmidtleitner, 84) von Sölden-OK-Chef Jakob Falkner feierlich verabschiedet.

Der Söldener Riesenslalom gilt allein schon wegen der Höhenlage als der anspruchsvollste überhaupt. Schärfste Rivalen von Marcel Hirscher werden am Rettenbachferner Ted Ligtey, Kjetil Jansrud, Alexis Pinturault sowie die beiden (fürs Ötztal werbenden) Deutschen Fritz Dopfer und Felix Neureuther sein.

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