Stift Kremsmünster: Ex-Pater gibt Missbrauch zu

KREMSMÜNSTER-PROZESS ZU KIRCHLICHER MISSBRAUCHS-AF
Foto: APA/HANNES MARKOVSKY Der angeklagte ehemalige Konviktsdirektor des Stiftes Kremsmünster, dem sexuelle und gewalttätige Übergriffe zur Last gelegt werden,  im Landesgericht Steyr.

Schüler mit Ochsenschwanz gezüchtigt - bis zu 15 Jahre Haft drohen.

Stark gebeugt und auf einen Stock gestützt, betritt August M., unter dem Namen Pater Alfons ehemaliger Konviktsdirektor des Stifts Kremsmünster, Montagfrüh den Schwurgerichtssaal des Landesgerichts Steyr. Das Blitzlichtgewitter, das auf ihn einprasselt, lässt ihn scheinbar kalt. Mit einer weinroten Mappe im Arm steuert er schwerfällig auf den Anklagestuhl zu. Auf die Frage eines Journalisten, was er zu den Vorwürfen der Opfer sage, erwidert er mit kräftiger Stimme: „Dazu sage ich jetzt noch nichts.“

Richter Wolf-Dieter Graf, muss ihn zwei Mal nach seinen Vermögensverhältnissen fragen. „Ich höre schlecht“, begründet der 79-Jährige. Dann unterbricht auch das Läuten seines Handys kurz die Verhandlung.

Staatsanwältin Dagmar Geroldinger wirft M. schweren sexuellen Missbrauch, Unzucht mit Unmündigen, Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses, Quälen und Vernachlässigen wehrloser Personen sowie Vergehen nach dem Waffengesetz vor. Zwischen September 1971 und Juni 1996 soll er mehreren Schülern körperliche und seelische Qualen zugefügt haben. Mindestens 24 Schutzbefohlene dürften Opfer gewesen sein.

Schläge, Haare ausgerissen

KREMSMÜNSTER-PROZESS ZU KIRCHLICHER MISSBRAUCHS-AF Foto: APA/HANNES MARKOVSKY August M. alias Pater Alfons „Sie wurden geschlagen, bekamen Stereowatschen mit zwei Händen, wurden mit einem Ochsenschwanz gezüchtigt und er hat ihnen Haare ausgerissen“, erklärt die Anklägerin. Von 1995 bis 2010 soll M. auch illegal eine Pumpgun besessen haben. „Damit hat er Schüler bedroht.“ Andere wiederum seien von ihm als „vogelfrei“ erklärt worden. Solcherart Ausgegrenzte konnten von Kameraden misshandelt werden, ohne dass diese Konsequenzen zu fürchten hatten.

Die sexuellen Übergriffe dürften sowohl im Stift als auch bei Auslandsreisen stattgefunden haben. „Es gab Opfer, die von ihm im Genitalbereich betastet wurden, andere hat er an den Haaren gepackt und ihren Kopf in seinen  Schoß gepresst.“  Etliche davon würden bis heute an den  Folgen des Missbrauchs leiden. „Es ist erschreckend, wie sehr sie damit zu kämpfen haben.“
„Mein Mandant wird sich weitgehend geständig zeigen und sich entschuldigen“, erklärt Verteidiger Oliver Plöckinger: „Aber so schlimm diese Taten gewesen sein mögen, die Frage ist, ob er von einem Strafgericht noch verurteilt werden kann.“ Die Taten seien möglicherweise verjährt. Plöckinger verweist auch auf  Widersprüche in den Opferaussagen.

Schmerzensgeldforderungen

Neun ehemalige Zöglinge schlossen sich dem Verfahren mit Schmerzensgeldforderungen in Höhe von 50.000 bis 550.000 Euro an. "Bei vielen der von mir Vertretenen ist das Leben völlig anders verlaufen, als sie es sich vorgestellt haben", sagte ein Opferanwalt. Ihr Mandant kämpfe bis heute mit Selbstmordgedanken, so eine andere Privatbeteiligten-Vertreterin. Für die Verteidigung sind die Ansprüche aber unzulässig, weil sie nach dem Amtshaftungsgesetz gegen die Republik zu erheben gewesen wären und zudem verjährt seien.

Zum Schutz der betroffenen Ex-Zöglinge wird die Öffentlichkeit vom weiteren Verlauf der Verhandlung ausgeschlossen. Ein Urteil wird für Donnerstag erwartet. Dem ehemaligen Konviktsdirektor des Stiftes Kremsmünster drohen im Fall eines Schuldspruchs bis zu 15 Jahre Haft.

Hintergrund

Kremsmünster: Ex-Zögling fordert 30.000 Euro

Ein 45-Jähriger erlebte als Kind enorme Gewalt und Psycho-Terror. Er reichte Zivilklage ein.

STIFT KREMSMÜNSTER
Foto: APA/RUBRA APA/Apa

Das System Kremsmünster war das Grauslichste, Abartigste und Unmenschlichste, was mir in meinem bisherigen Leben widerfahren ist“, sagt Roland H., Ex-Stiftszögling, im KURIER-Gespräch. Vier Jahre lang sei er von Lehrern und Schülern des Konviktsgymnasiums bzw. des angeschlossenen Internats verletzt, missbraucht und in Todesangst versetzt worden. „Mir wurde die Opferrolle anerzogen. Es hat immer geheißen, ich soll auch die andere Wange hinhalten, wenn ich geschlagen werde“, begründet der 45-Jährige.

Im Jahr 1977 sei er als Zehnjähriger nach Kremsmünster gekommen. „Ich war ein Kind aus einer zerrütteten und wenig begüterten Familie und dadurch ein auserkorener Prügelknabe.“ Mobbing, Züchtigungen und Erniedrigungen durch Lehrer und Erzieher seien im Gymnasium bzw. im Internat an der Tagesordnung gestanden. „Ich war aber nicht der Einzige, dem das passiert ist – pro Jahrgang hat es durchschnittlich fünf ,Opferbuben’ gegeben, insgesamt dürften es rund 150 gewesen sein.“ Kinder aus gut situierten Familien hätten hingegen nichts zu befürchten gehabt.

Seinen Eltern konnte H. sich nicht anvertrauen. „Der Vater hat mir nicht geglaubt, weil ihm die Erzieher immer weisgemacht haben, dass ich nicht ordentlich parieren würde.“ Bezeichnungen wie „minderwertig“ und „minderwertiges Leben“ seien Teil der Diktion im Internat gewesen, wo noch in den 1980er Jahren von Tellern gegessen werden musste, die auf der Rückseite mit einem Hakenkreuz versehen waren.

Die Schläge und der Psycho-Terror gegen seine Person seien schließlich so massiv geworden, dass er sich als Zwölfjähriger das Leben nehmen wollte. „Mit ist es nicht gelungen, andere haben sich aber umgebracht.“

Vor allem der ehemalige Konviktsdirektor Pater Alfons M., der von Papst Benedikt im April 2012 in den Laienstand zurückversetzt wurde, habe es auf ihn abgesehen gehabt. „Ich bin von ihm mehrfach missbraucht worden.“ Es soll auch eine „GeStiPo“ (Geheime Stiftspolizei) aus älteren Schülern gegeben haben, die M. angeblich gezielt gewähren ließ. „Drei Mal sind an mir Scheinexekutionen durchgeführt worden.“

Prozessaufakt

Im Landesgericht Steyr begann am 7. Mai ein Zivilprozess gegen das Stift sowie den Ex-Pater Alfons M. wegen jahrelanger systematischer körperlicher und seelischer Misshandlungen. H. fordert 30.000 Euro Entschädigung. „Mein Mandant ist das erste Kremsmünster-Opfer, das sich traut, Schadenersatz einzuklagen“, betont Anwalt Johannes Öhlböck. H. sei massiv traumatisiert. Als Folge des Erlittenen sei er nicht mehr arbeitsfähig und lebe unter der Armutsgrenze. Vor Beginn der Verhandlung scheiterte Richter Michael Lichtenegger mit dem Versuch, eine außergerichtliche Einigung zu erzielen. Ein psychiatrischer Sachverständiger wird H. nun begutachten. Er soll – hinsichtlich möglicher Verjährungsfristen – klären, ob bei ihm eine dissoziative Störung vorliegt. Der Prozess wurde vertagt.

(kurier) Erstellt am
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