Wohnen
09.03.2018

Der Kellerverzicht

Immer mehr Bauherren entscheiden sich für ein Haus ohne Keller. Stauraum findet sich oberirdisch und auch Fitnessräume und Infrarotkabinen werden durch den Blick in den Garten aufgewertet.

Ein eigenes Kino im Keller. Vielleicht sogar einen Fitnessbereich. Auf jeden Fall aber einen Wirtschaftsraum für Heizung, Waschmaschine und Trockner. Für Sabine und Sebastian Geyer war klar: Ihr Haus muss einen Keller haben – zumindest bis der Kostenvoranschlag kam. "Wir wollten eine Kellerfläche von 80 und das hätte 80.000 Euro gekostet", erzählt der Bauherr. "Das war finanziell einfach nicht drin für uns", schließt seine Frau. Kellerlos zu bauen ist eine Entscheidung, die immer mehr Bauherren treffen. Das bestätigt auch das Architektenpaar Dimiter und Ilka Karaivanov. "Mittlerweile ist jedes dritte Haus in Österreich ohne Keller geplant", sind sie sich einig. Die beiden planen Häuser in und um Wien bis Baden, Wiener Neustadt und Neunkirchen. Der Kellerverzicht sei in erster Linie eine Kostenfrage. "Viele Menschen investieren das Geld lieber in eine größere Garage oder überirdische Wohnfläche", erklärt er.

Genau das haben auch die Geyers gemacht. Statt der unterirdischen Nutzfläche entschieden sie sich für einen zusätzlichen Raum im Erdgeschoß. Dort befinden sich Waschmaschine, Trockner, die gesamte Technik des Hauses, eine große Wasseranlage für die Heizung und Lagerplatz auf rund 15. Durch das zusätzliche Zimmer haben sich das Erdgeschoß und der erste Stock von jeweils 80 auf 100 vergrößert. Sehr zur Freude der Kinder. Denn die Zimmer von Selma (9) und Stefan (14) sind von ursprünglich geplanten 12 auf 21 gewachsen. "Durch den Kellerverzicht haben wir nicht nur Geld gespart, sondern Wohnraum und Lebensqualität dazugewonnen", sagt Geyer überzeugt.

Investition Lebensraum

Mit 2000 bis 2500 Euro sei für den Bau eines überirdischen Quadratmeters im Durchschnitt zu rechnen. "Im Basiskeller belaufen sich die Kosten auf circa 800 Euro pro Quadratmeter. Soll der Kellerraum bewohnbar sein, erhöht sich der Preis auf rund 1500 Euro", weiß Geyer aus Erfahrung. Dabei bringe ein Keller zwar Stauraum, aber bautechnisch keinen einzigen Vorteil, erklärt Karaivanov. "Es gibt weder Probleme mit dem Grundwasser, noch sonst irgendwelche Nachteile, wenn ein Haus keinen Keller hat", so der Architekt. Er empfehle seinen Kunden bereits seit Jahren ohne Keller zu bauen. Zumal eine vierköpfige Familie in der Regel nicht mehr als 20 Stauraum brauche. In den vergangenen fünf Jahren kam der kellerlose Auftrag aber auch vermehrt von den Bauherren.

Gegen einen Keller spricht, neben gesteigerten Kosten oft auch der zusätzlicher Aufwand. Das Haus der Geyers steht beispielsweise in einem früheren Sumpfgebiet. Daher beginnt das Grundwasser bereits 170 cm unter der Erde. "Wir hätten eine trockene Zeit abwarten müssen, um überhaupt mit dem Graben beginnen zu können", erzählt Sebastian Geyer. Da für einen Keller rund vier Meter tief gegraben werden muss, wird der Dichtbetonkeller in das Wasser gestellt. "Damit keine Feuchtigkeit eintritt, muss die Konstruktion qualitativ sehr hochwertig sein. Leider ist das aber auch keine Garantie", so Geyer. Das haben die beiden bei ihren Nachbarn gesehen und auch während des Baus muss das Wasser immer wieder abgepumpt werden, weil es nach oben drückt. Das war den Geyers zu riskant. "Was nützt uns ein Lagerraum, in dem wir nichts abstellen können, weil es feucht ist", sagt Sabine Geyer und schüttelt den Kopf. Baden gegangen ist dann auch der Traum vom hauseigenen Kino. "Die Kosten-Nutzen-Rechnung ging absolut nicht auf", sagt Geyer. Ein Kino müsse 30 umfassen und das koste rund 30.000 Euro. "Da schaue ich mir nicht nur ein Leben lang Filme im Kino an, sondern gönne mir auch einen Cocktail davor und ein Steak danach", sagt er amüsiert.

Ebenerdiger Stauraum

Die klassischen Kellerräume verlagern sich also zunehmend in die überirdischen Geschoße. "Ebenerdige Abstellräume sind praktischer und das klassische Wasch- und Bügelzimmer wandert ins Erdgeschoß, weil die Menschen aus dem Fenster blicken wollen, während sie die Arbeiten erledigen", so Karaivanov. Dasselbe gelte auch für Wellnessbereiche wie Infrarotkabinen, Saunen oder Fitnessgeräte. "Die Bauherren wollen diese Dinge lieber in der Nähe der Schlaf- und Badezimmer haben", weiß der Architekt. Die Aussicht in den Garten steigere außerdem die Qualität des Wellnessbereichs. Wenn es die Bebauungsvorschriften zulassen, weichen viele Hausbauer auch in den Dachboden aus. "Bürozimmer verlagern sich vom unterirdischen in das lichtdurchflutete oberste Stockwerk", weiß Karaivanova.

Pro und Kontra

Vorteile bringen Kellergeschoße dann, wenn das Grundstück nur begrenzten Raum bietet. "Die Kleingartenhäuser in Wien haben beispielsweise sehr häufig einen Keller und das macht auch Sinn, weil die Nutzfläche begrenzt ist", erklärt der Architekt. Im ländlichen Raum sei aber in den meisten Fällen ausreichend Platz vorhanden und daher werden Kellerkosten häufig eingespart oder für ebenerdigen Wohnraum investiert. Auch Sebastian und Sabine Geyer haben diese Entscheidung bewusst getroffen. "Statt eines 80.000-Euro-Kellers haben wir uns für 60.000 Euro zusätzlichen Wohnraum gegönnt und 20.000 Euro eingespart", erzählen sie.

Trotz all der Nachteile, sehen die beiden aber auch Vorteile in Kellerräumen. Um zusätzliche Lagerfläche zu schaffen, haben sie neben dem Wirtschaftsraum, auch den Dachboden ausgebaut. Der sogenannte Spitzdachboden misst am höchsten Punkt 120 cm. "Das ist unser Notlager. Wir haben dort die ganze Deko für Weihnachten, Ostern und Halloween. Auch unsere Ersatzsessel sind dort verstaut", erzählen sie. Die Sachen hinauf- und wieder herunterzuräumen sei sehr mühsam. "Wir müssen alles über die schmale Klappstiege heben und das nervt. Da ist ein Keller bestimmt praktischer." Im Nachteil sieht Sebastian Geyer aber auch den Vorteil: "Wir misten dafür viel häufiger aus als unsere Freunde mit Keller."