Wohnen
11.11.2015

Bröckelnde Urlaubsträume

Hotels die einst zum Schwärmen brachten, fristen heute teilweise ein bescheidenes Dasein: Eine Ausstellung des Az W zeigt, wie sich Kroatiens Ferienanlagen der 60er- und 70er-Jahre verändert haben.

Kilometerlange Strände, fjordähnliche Buchten, verschlafene Fischerorte und klares Wasser: Kroatiens Küste lockt Jahr für Jahr unzählige Touristen an. Vor allem bei Österreichern sind Destinationen wie Krk, Dubrovnik oder Brać beliebte Urlaubsziele. Ob Insel oder Stadt: Trotz zwischenzeitlicher Rückgänge durch den Jugoslawienkrieg stellt der Tourismus den wichtigsten Wirtschaftszweig des Landes dar. Wer eine Unterkunft sucht, kann heute zwischen modernen Hotels wie dem "Lone" südlich von Rovinj (siehe großes Bild) und schicken Designunterkünften wählen. Aber auch Ferienanlagen aus den 60er- und 70er-Jahren säumen die Küstenlandschaft – teils gigantische Hotelbunker, die unter Staatschef Tito in sozialistischer Arbeiter-Selbstverwaltung errichtet wurden. Diesen Bauten widmet sich nun eine Ausstellung im Architekturzentrum Wien (Az W) und untersucht die geschichtliche Entwicklung, denen diese Anlagen nach dem Zerfall Jugoslawiens unterzogen wurden.

Den Einstieg in die Ausstellung macht der historische Aufruf Titos "Come and see the Truth", mit dem dieser die großen Tourismusanlagen bewarb. Dargestellt wird die Transformation mittels einer 15 Meter langen, mit Bildmaterial angereicherten Zeitschiene, die die Nächtigungszahlen veranschaulicht. Diese stiegen seit 1955 kontinuierlich an, knickten erstmals 1988 ein und fielen mit Kriegsbeginn 1991 auf einen vorübergehenden Tiefststand, von dem sich die Tourismuswirtschaft Kroatiens lange nicht erholen sollte.

Risse in der Fassade, abgeplatzte Fliesen und Fenster ohne Glas: Über den ehemaligen Urlaubsträumen liegt der Glanz vergangener Zeiten. Dennoch sind die Anlagen teils von durchaus bemerkenswerter Qualität. Sie stellen heute – je nach ihrem Standort und dem Engagement der neuen Besitzer – als melancholische Ruinen, bescheidene Renovierungen oder neuartige Überbauungen dar. Anhand von sieben ausgewählten Fallstudien werden Themen wie Sozialtourismus, die übergeordnete Raumplanung, die Vielfalt der Typologien, Interieur oder Kunst und Design zur Diskussion gestellt. Auch im Privatbesitz befindliche Serviced Apartments sowie leer stehende Resort-Ruinen werden thematisiert. Im Vordergrund stehen Aspekte der Planungsgeschichte und der baulichen Transformation. Auch die politisch-ökonomischen Hintergründe der mitunter eigenwilligen Privatisierungsprozesse werden beleuchtet. Denn es ist nicht unerheblich, wer wann und wie in den Besitz der Hotels und Resorts geraten ist und aus welchem Hintergrund heraus die neuen Besitzer heute agieren.

INFOS: „Urlaub nach dem Fall. Transformation sozialistischer Ferienarchitektur an der kroatischen Adriaküste“ beleuchtet
Ferienanlagen und deren Transformation nach dem Zerfall Jugoslawiens (Ausstellungsübernahme vom Haus der
Architektur Graz, kuratiert von Michael Zinganel). Mit Beiträgen von u. a. Daniele Ansidei, Arhitektura, Zoran Balog, Čovjek i Prostor, Marko Dabrović, Antonia Dika, Nikolina Džeko, Damir Fabijanić, Boris Podrecca und Michael Zinganel.

Von 5. bis 30. November im Architekturzentrum Wien, Halle F3. Museumsplatz 1 (im MQ), 1070 Wien, Tel. 01/522 31 15. Mo.–So. 10–19 Uhr. Kuratorenführungen: Mi., 11. 11. und Sa, 28. 11. 2015, jeweils 17.30 Uhr

www.azw.at