Wohnen
20.06.2018

Air Design: Immer der Nase nach

Architektur muss auch gut riechen: Darum werden Räume nicht nur mit Licht und Farbe, sondern auch mit Düften gestaltet.

Sobald wir unser Zuhause verlassen, sind wir Gerüchen ausgesetzt: Im Auto oder in der Straßenbahn, im Supermarkt, im Einkaufszentrum oder im Restaurant – kurz: überall, denn alles riecht. Weil aber nicht alle Gerüche anziehend wirken, werden speziell für Marken, Produkte und Räume künstlich hergestellte Essenzen entwickelt.

Einer, der sich auf die Wirkung von Gerüchen spezialisiert hat, ist Manuel Kuschnig. Gemeinsam mit seiner Partnerin Shizuko Yoshikuni kreiert er Raumdüfte – oder olfaktorische Identitäten, wie sie es nennen. Sie machen Air Design für luxuriöse Hotels, Boutiquen, Marken und Events. „Das Vokabular ist schwierig“, sagt Kuschnig. In der Tat: googelt man den Begriff, landet man bei Paragleitschirm-Herstellern. „Air Design meint die Gestaltung des fünften Sinnes, des Geruchssinns“, so der gebürtige Wiener.

Seit 2012 arbeitet das Duo in Berlin am besseren Geruch. Ihrem Studio, das zugleich ihre Wohnung ist, haben sie den Namen „Aoiro“ gegeben. Es setzt sich aus den japanischen Wörtern „Ao“ für Blau und „Iro“ für Farbe zusammen – eine Referenz an das Gestalten von Luft und an Japan, wo sie sich kennengelernt haben. Zwischen fünf bis 15 Zutaten mischt das Paar zusammen, sodass ein vielschichtiges Ganzes ohne Ecken und Kanten entsteht. „Es geht nicht darum, einfach ein Raumparfum zu installieren. Sondern eine individuelle Note zu entwickeln, die alles zu einem stimmigen Ganzen verbindet und alle Sinne anspricht.“ Duft und Raum müssen aufeinander abgestimmt sein, genauso wie die einzelnen Inhaltsstoffe. Sie sollten nicht zu aufdringlich sein und im ersten Moment möglichst nicht herausstechen. Ist die Komposition ausgewogen, weckt sie auch die anderen Sinne: „Wenn der Duft passt, nimmt man auch Farben und Materialien stärker wahr“, sagt Kuschnig.

Den Beruf „Air Designer“ haben sie selbst erlernt, eine klassische Ausbildung gibt es nicht. Darum machen es auch nicht so viele. Shizuko Yoshikuni kommt ursprünglich aus dem therapeutischem Bereich. Sie hat in Australien Heilkunde studiert und sich mit der heilenden Wirkung von botanischen Essenzen beschäftigt. Kuschnigs Hintergrund ist der Designbereich, er übernimmt den visuellen Teil. „Für mich ist wichtig wie der Duft im Raum funktioniert. Ich integriere Farben und Texturen um Atmosphäre zu schaffen.“ Zuletzt verliehen sie dem Mandala Hotel am Potsdamer Platz eine asiatische Note. Kuschnig: „Der Duft holt den Gast aus dem Alltagstrubel. Ein Bestandteil ist Jasmin, der Rest wird nicht verraten.“

Die Branche ist also ziemlich übersichtlich. Robert Müller-Grünow, eigentlich studierter Betriebswirt, ist ebenfalls durch Zufall dazugekommen. Mit seiner Firma „Scent Communication“ hat er sich auf das Erstellen von Duftkonzepten spezialisiert. Mehrere tausend Gerüche hat der Kölner nach eigenen Angaben schon entwickelt. Sie heißen „Vanilla Living“ „Sensuality“ oder „White Gardenial Petals“. Letzteren hat er eigens für die Hochzeit von Prinz William & Kate komponiert und in der Westminster Abbey während der Trauung versprühen lassen.

In seinem Portfolio befinden sich aber nicht nur angenehme Düfte. Der schlimmste, den er jemals zusammengestellt hat, trägt den schönen Namen „Paris 1738“ – und stinkt nach Fisch, Verwesung, Abfällen, Kot und Urin. Er kam bei Vorführungen von „Das Parfum“, dem berühmten Kinofilm nach dem gleichnamigen Roman von Patrick Süskind, zum Einsatz.

Wo genau die Grenze zwischen Verführung, Kopfschmerz und Ekel liegt, ist Typsache. Hinzu kommen geografisch-kulturelle Unterschiede. „Jeder assoziiert etwas anderes mit Düften. In Dubai gibt es zum Beispiel einen ganz anderen Zugang. Dort lassen sich die Leute überall mit intensiven, orientalischen Gerüchen beduften. In Westeuropa werden Naturdüfte nach Wäldern und Bergen bevorzugt. Und in Südamerika sind Düfte aus dem Urwald gefragt“, so Müller-Grünow.

Zahlreiche Unternehmen vertrauen auf das Gespür des Kölners. So hat er bereits für Firmen wie Hermès, Chanel und Adidas, die deutsche Telekom oder die deutsche Bahn gearbeitet und deren Markenkonzept in einen Duft übersetzt. Eine heikle Aufgabe. Denn schon geringe Spuren eines Geruchs entscheiden darüber, ob wir etwas mögen oder nicht – auch wenn wir den Duft gar nicht bewusst wahrnehmen. „Der Geruchssinn ist der schnellste Sinnesreiz. Wir können ihn nicht filtern, steuern oder rationalisieren.“ Der Geruch ist die erste Wahrnehmung beim Betreten eines Raumes und schafft wie Licht oder Farbe eine bestimmte Atmosphäre. „Ein eigentlich angenehmer Duft in der falschen Umgebung eingesetzt, kann das Gegenteil von dem bewirken, was man beabsichtigt.“

Die Wirkung von olfaktorischem Design sollte man daher nicht unterschätzen. Ist der Duft harmonisch, wird der Raum besser bewertet und Wohlbefinden macht sich breit.Vieles lässt sich so leichter an den Mann bringen– auch Immobilien, weiß der Autor: „In den USA backen die Menschen Apfelkuchen, um das Haus besser zu verkaufen.“ Die Aromen von Zimt, Vanille und Karamell wecken Geborgenheit und suggerieren eine wohnliche, gemütliche Atmosphäre – selbst wenn die Möbel schon fortgetragen wurden.

Buchtipp

In „Die geheime Macht der Düfte – Warum wir unserem Geruchssinn mehr vertrauen sollen“ beantwortet Robert Müller-Grünow Fragen rund ums Riechen. Mit Tipps und Übungen um den eigenen Geruchssinn schulen zu können. Edel Germany, € 18,90