Wissen 28.01.2013

Starker Anstieg bei Neuro-Leiden

Hirn- und Nervenkrankheiten: Verdoppelung und Verdreifachung durch höheres Lebensalter bis 2030.

Demenz, Parkinson oder Schlaganfälle: „Bei vielen neurologischen Erkrankungen ist aufgrund der steigenden Lebenserwartung ein deutlicher Anstieg der Patientenzahlen zu erwarten“, sagt Dozent Regina Katzenschlager, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) und interimistische Leiterin der neurologischen Abteilung im Wiener SMZ-Ost (Donauspital). So gehen Schätzungen bei der Zahl der jährlichen Schlaganfälle von einer Verdopplung bis 2030 aus, bei den Demenzen von einem Anstieg um fast das Zweieinhalbfache und bei Parkinson sogar von einer Verdreifachung. „Um den Bedarf abdecken zu können, werden wir in Zukunft deutlich mehr Neurologen benötigen.“ Im September wird – erstmals – der Weltkongress für Neurologie in Österreich stattfinden.

Viele Betroffene wenden sich leider gar nicht oder zu spät an einen Neurologen. Doz. Regina Katzenschlager Präsidentin der ÖGN
© Bild: KURIER/jeff mangione
KURIER: In Deutschland hat sich die Zahl der von Neurologen behandelten Patienten in den vergangenen 15 Jahren verdoppelt. Auch in Österreich?

Regina Katzenschlager:Auf jeden Fall. Ein Großteil der Diagnosen bei Senioren entfällt auf unser Fach. Vergesslichkeit, Gang- oder Sprachstörungen, Muskel- und Nervenschmerzen, Schwindel: Das alles hat sehr häufig neurologische Ursachen. Aus unseren Erfahrungen wissen wir, dass sich leider viele Betroffene gar nicht oder zu spät an einen Neurologen wenden.

Mit welchen Folgen?

Durch eine zu späte Diagnose kann die Wirksamkeit einer Therapie vermindert sein. So haben rund 20 Prozent der Demenz-Patienten eine andere Erkrankung als Alzheimer, zum Beispiel können auch Schilddrüsenfunktionsstörungen oder sogenannte ,stumme Schlaganfälle‘ Symptome wie Vergesslichkeit auslösen. Eine frühe Diagnose ist hier sehr wichtig, um weiteren Schlaganfällen effizient vorbeugen zu können.

Haben sich die Therapie-Möglichkeiten verbessert?

Bei vielen Krankheiten ganz deutlich, etwa bei Parkinson, Multipler Sklerose oder dem Schlaganfall. Die Neurologie hat sich vom diagnostischen zum therapeutischen Fach entwickelt. Ein gutes Beispiel ist der Schlaganfall: Mit 35 hochspezialisierten Schlaganfallstationen – Stroke Units – österreichweit gehört Österreich zu den Ländern mit dem besten Versorgungsgrad. In den meisten Regionen kann deshalb ein Schlaganfallpatient innerhalb von 45 Minuten auf eine derartige Spezialeinheit gebracht werden. Dadurch kann bei vielen Patienten rechtzeitig eine das Blutgerinnsel auflösende Therapie (Lyse) eingeleitet werden. Oft werden aber die Symptome nicht rechtzeitig erkannt und daher ist die erste Anlaufstelle noch immer häufig ein Krankenhaus ohne Neurologie. Dabei wissen wir heute, dass der Therapieerfolg an einer Schlaganfalleinheit auch dann besser ist als auf einer nicht-spezialisierten Abteilung, wenn keine gerinnselauflösende Therapie mehr möglich ist. Und es gibt immer noch zu viele Krankenhäuser in Österreich ohne Neurologie. In vielen Stroke-Units ist die Bettenanzahl für die stark steigende Patientenzahl überdies zu niedrig.

Gibt es einen Neurologen-Mangel in Österreich?

Im niedergelassenen Bereich haben wir österreichweit gesehen zu wenige Neurologen. In Wien gibt es derzeit 28 niedergelassene Neurologen mit Kassenvertrag, der Bedarf ist aber deutlich höher. Schon jetzt beträgt die durchschnittliche Wartezeit auf einen Termin bei einem niedergelassenen Neurologen drei bis acht Wochen. Das führt dazu, dass auch viele Patienten, die keine akuten Erkrankungen wie etwa eine Gehirnhautentzündung haben, die Spitalsambulanzen aufsuchen. Auf keinen Fall darf es eine Reduktion der Kassenstellen für Neurologen geben.

Befürchten Sie diese?

Die klinische Untersuchung mit dem Reflexhammer gibt den Neurologen Informationen über die Ursache von Symptomen
Neurologie © Bild: ÖGN
In den kommenden Jahren gehen viele Kolleginnen und Kollegen in Pension, die noch das DoppelfachNeurologie und Psychiatrie“ haben, also eine Facharztausbildung für beide Fächer. Seit ca. zehn Jahren gibt es das aber nicht mehr und man schließt entweder als Facharzt für Neurologe oder Facharzt für Psychiatrie seine Ausbildung ab – weil einfach jedes Fach viel größer und komplexer geworden ist. Um den Bedarf einigermaßen zu decken, müsste eigentlich jeder Kollege mit Doppelfach mit zwei Ärzten – einem Neurologen und einem Psychiater – nachbesetzt werden.

Ist die Diagnose einer neurologischen Krankheit aufwendig?

Sie erfordert ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten, anschließend eine genaue klinische Untersuchung, bei der u. a. bestimmte Reflexe überprüft werden müssen. Die Ursachen etwa von Lähmungserscheinungen, Schwindel oder Kopfschmerzen genau zu bestimmen, kann eine wahre Detektivarbeit sein, das ist keine 10-Minuten-Medizin. Dieser zeitliche Aufwand wird von den Kassen allerdings nicht ausreichend honoriert.

Neurologie

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© Bild: Grafik: Schimper

Ernste Warnsignale

„Beim Schlaganfall gilt: Zeit ist Hirn“, sagt die Neurologin Doz. Katzenschlager: „Bis max. 4,5 Stunden nach dem Ereignis kann auf einer Stroke Unit eine spezielle blutverdünnende Therapie durchgeführt werden, die den Verschluss einer Hirnarterie auflösen kann.“ Wenn eines der folgenden Symptome plötzlich auftritt, kann ein Schlaganfall die Ursache sein:

Lähmungen

Gefühlsstörungen in Arm oder Bei

Tiefer-/ Schiefstehen eines Mundwinkels

Verwaschenes Sprechen

Sprachstörungen (Schwierigkeiten, Wörter zufinden, Verdrehung von Wörtern/Satzteilen)

Sehstörungen, Doppelbilder

Gangunsicherheit

Schwindel

„Bei solchen Beschwerden sollten Sie sofort die Rettung – Telefon 144 – anrufen und sich an die nächste neurologische Abteilung mit einer Schlaganfallstation einweisen lassen“, betont Katzenschlager: „Nur so kann man vermeiden, dass wertvolle Zeit vergeht.“ Ein Ignorieren der Symptome könne irreparable Schäden des Hirns verursachen.

Wo Sie seriöse Informationen zum Thema bekommen

Fackkräfte

In Österreich gibt es derzeit 516 Fachärzte für Neurologie, 432 Fachärzte für Neurologie & Psychiatrie sowie 615 Fachärzte für Psychiatrie und Neurologie (bei diesen ist Psychiatrie das Hauptfach, seit ca. zehn Jahren gibt es aber keine neuen Fachärzte mit Doppelfach).

Gesellschaft

Die „Österreichische Gesellschaft für Neurologie“ (ÖGN) ist die Dachorganisation der heimischen Neurologen. Auf ihrer Homepage www.oegn.at gibt es für Patienten zahlreiche fundierte Informationen über Ursachen und Symptome neurologischer Erkrankungen – von Bewegungsstörungen über Epilepsie bis zu Multipler Sklerose und Vergesslichkeit.

Laut Gesundheit Österreich GmbH gab es 2011 in Akutkrankenhäusern 2869 neurologische Betten, in Reha-Zentren waren es 1169. „In Zukunft werden mehr neurologische Betten notwendig sein“, sagt Katzenschlager.

( Kurier ) Erstellt am 28.01.2013