Wissen und Gesundheit
08.06.2017

Zu viel Stress, keine Lust auf Sex

Jede dritte Frau ist betroffen. Nicht-organische Ursachen sind am häufigsten.

Ein aktiver Beruf, Familienmanagerin, engagierte Mutter – und perfekte Geliebte: Die Anforderungen an moderne Frauen, perfekt zu funktionieren, haben immer häufiger Auswirkungen auf die sexuelle Lust. Bereits jede dritte Frau verspürt gelegentlich oder häufig kein sexuelles Verlangen, bei jeder zehnten ist das mit persönlichem Leidensdruck verbunden. Und: Vermehrt jüngere Frauen sind betroffen.

Hirn führt Regie, nicht Unterleib

Bei einem Großteil sind nicht-organische Ursachen verantwortlich, betont Elia Bragagna, Leiterin der Akademie für Sexuelle Gesundheit. Was vielen Frauen gar nicht bewusst ist: "Die Regie für eine erfüllende Sexualität führt nicht der Unterleib, sondern das Hirn", sagt Prim. Heidemarie Abrahamian, Endokrinologin am Wiener Otto-Wagner-Spital. Für ein harmonisches Funktionieren ist ein feines Zusammenspiel verschiedener Hormone und Botenstoffe verantwortlich. "Alltagsstress ist ein wichtiger Störfaktor dieser hormonellen Balance."

Prolaktin und Cortisol

Eine Schlüsselrolle spiele dabei Prolaktin, das in der Hirnanhangdrüse produziert und bei Stress vermehrt ausgeschüttet wird. "Prolaktin hemmt die Bildung der Sexualhormone. Aus diesem Mangel resultiert wiederum eine Beeinträchtigung der Sexualität", erklärt Abrahamian. Auch erhöhte Werte des Stresshormons Cortisol haben ähnliche Wirkungen.

Nicht immer ist aber Stress der Lustkiller. "Es können körperliche, psychische oder soziale Faktoren auftreten. Einer davon kann so störend sein, dass sich Lustlosigkeit breitmacht", erklärt Bragagna. Ganz vorne stehen im psychischen Bereich Depressionen oder Ängste. Körperlich verändern unter anderem Schilddrüsenfunktionsstörungen sowie hormonelle Veränderungen in den Wechseljahren die Lust.

Sexuelles Desinteresse

Univ.-Prof. Peter Hofmann, Psychiater an der MedUni Graz, hat die Erfahrung gemacht, dass eine ganzheitliche Betrachtung sinnvoll ist. "Sexuelles Desinteresse ist in vielen Fällen ein Begleitsymptom. Wird etwa eine Depression behandelt, verschwinden auch die sexuellen Probleme." Bei zu viel Stress helfen vielen "primär entlastende Maßnahmen, die die Stressreduktion fördern, zum Beispiel Lebensstiländerungen oder Entspannungstechniken."

Kommunikation

Was viele Paare aber außer Acht lassen, ist ihre Kommunikation. Das vertrauensvolle Gespräch rückt häufig durch die Bewältigung des Alltags in den Hintergrund. "Dabei wäre es das eigentliche Rezept für eine gelungene Partnerschaft. Doch das haben wir einfach nicht gelernt", sagt Bragagna. In ihrer Praxis erlebe sie oft, "dass sich Paare durch eine verbesserte Kommunikation wieder vermehrt zueinander entwickeln. Allein das kann bereits dazu beitragen, dass die Frauen wieder mehr Lust auf Sex verspüren."