Zerstörerisches "Koks der Armen"

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In Deutschland steigt der Konsum zur Leistungssteigerung. In Österreich fehlen Zahlen.


Wach sein, um ohne Erschöpfung, Schlaf und Nahrung arbeiten zu können. Dazu ein gesteigertes Selbstbewusstsein, das Zweifel und sogar Skrupel total ausblendet.

Die Wirkungen von Crystal Meth sind gefährlich und lassen den Körper innerhalb kurzer Zeit verfallen. In Deutschland breitet sich die Droge offenbar immer weiter aus. Jetzt liegt die erste Studie des Bundesgesundheitsministeriums vor. Bedenklich: Etwa die Hälfte der rund 400 Befragten gab an, bei der Arbeit auf das Methamphetamin zurückzugreifen. Laut Spiegel nennt ein Drittel "Schule und Studium" als Grund.

Situation in Österreich

Univ.-Prof. Gabriele Fischer, Suchtexpertin an der MedUni Wien, betont den nicht repräsentativen Charakter der deutschen Studie. "Man bräuchte 100.000 Menschen für eine aussagekräftige Untersuchung." Von einer Epidemie will sie nicht sprechen. In Österreich sieht die Lage anders aus, sagt Johanna Schopper, Drogenkoordinatorin im Gesundheitsministerium. "Man kann nicht sagen, dass es Crystal Meth bei uns nicht gibt. Aber wir haben keine Hinweise, dass es ein Problem in größerem Ausmaß gäbe." Im Jahr 2012 wurden laut österreichischem Drogenbericht österreichweit insgesamt 18 Menschen wegen einer Amphetamin-Sucht (aufputschende Substanzen) behandelt. Bei weiteren 20 traten Amphetamine als Begleitdroge auf.

Man wisse jedoch von größerem Crystal-Meth-Konsum in Tschechien, Deutschland und der Slowakei. Solche massiven Konsummuster kennt man auch bei der Drogenberatungsstelle "check it" der Wiener Suchthilfe nicht. Geschäftsführer Roland Reithofer: "In Tschechien gibt es ein wesentlich größeres Abhängigkeitsverhalten. Drogentrends laufen sehr lokal ab und müssen nicht interagieren." Vier Prozent der Wiener Bevölkerung haben Amphetamine laut Untersuchungen zumindest ein Mal im Leben konsumiert. Bei der 30-Tages-Prävalenz (aktuell konsumierend) liegt der Anteil unter einem Prozent.

Eine regionale Ausbreitung gibt es allerdings teilweise, etwa in grenznahen Gebieten. Das bestätigt Christoph Lagemann, Leiter des Instituts für Suchtprävention in Linz. "Bundesländer, die an Tschechien angrenzen, haben ein Crystal-Meth-Problem. Dort wird die relativ billige Droge auf Märkten im Grenzbereich verkauft."

Genaue Konsumzahlen kann er aber nicht nennen. "Wir wissen nicht genau, ob es 40, 50, 70 oder 100 sind. Fakt ist: dort wo Crystal Meth konsumiert wird, hat es sehr tragische Auswirkungen."

Konsumenten

Lagemann spricht vom "Koks der Armen", das vor allem von arbeitslosen und Menschen aus bildungsabgewandten Schichten genommen wird. Die Klienten sind schwer zu erreichen. "Ein großes Problem ist ihre Aggressivität." Die Wirkung und der schnelle körperliche Verfall im Vergleich zu üblichen Amphetaminen liegt im Mechanismus des Gehirns begründet. Die Substanz durchbricht die Blut-Hirn-Schranke – eine Sicherheitsbarriere des Körpers. Sie wirkt daher sofort im Gehirn, Botenstoffe wie Serotonin und Noradrenalin werden ausgeschüttet. Lagemann: "Es ist eine sehr wach machende Droge. Abhängige sind psychisch schwer zu behandeln. Macht man sich einen Termin aus, vergessen sie ihn schnell. Wir versuchen, sie mit Erinnerungs-SMS zu kontaktieren. Es ist eine neue Klientel, auf die wir uns einstellen müssen."

Das in der deutschen Studie aufgetauchte Problem neuer Konsumentengruppen, die im Beruf stehen oder von ihrer jungen Elternschaft überfordert sind, sehen die heimischen Experten übrigens gar nicht. Suchtmedizinerin Gabriele Fischer vom Wiener AKH: "Wenn es um Neuro-Enhancement, also das Aufputschen zum Arbeiten oder Lernen geht, greifen die Menschen eher zu Amphetamin-Tabletten. Dass sie sich zu Hause Crystal Meth aufkochen und injizieren, kann ich mir nicht vorstellen."

Sucht unterliege zudem immer gewissen Modetrends, zeigte sich auch am Wochenende beim vierten "Symposium zur Suchterkrankung" am Grundlsee. Fischer: "Zentrale Probleme sind nach wie vor Alkohol und Nikotin."

Hintergrund

Keine neue Modedroge

Geschichte

Crystal Meth wurde schon 1938 von den Nationalsozialisten unter dem Namen Pervitin an Soldaten verteilt. Schriftsteller Heinrich Böll schrieb davon in seinen Briefen. Auch in Konzentrationslagern soll das Rauschmittel verabreicht worden sein. So mussten Gefangene unter Pervitin-Einfluss den ganzen Tag lang schwerbeladen im Kreis laufen und Schuhe testen. Die deutsche Bundeswehr soll den Stoff noch bis in die 1970er Jahre, die Nationale Volksarmee der DDR sogar bis 1988 in ihren Schränken gehabt haben. Das berichten die Autoren, der Suchtmediziner Roland Härtel-Petri und der Journalist Heiko Haupt in ihrem neuen Buch "Crystal Meth" (Riva Verlag, 17,50 €). Auch im Vietnamkrieg kam der Stoff zum Einsatz. Seit den 1970er-Jahren erlebt der Stoff als kristalline Droge seinen zweiten Aufschwung in den USA, Australien und Europa. Tennisspieler Andre Agassi beichtet in seiner Autobiografie, dass er in den 1990er Jahren Crystal Meth konsumierte.

(kurier) Erstellt am
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