Wissen und Gesundheit
29.06.2017

So hat Otto Brusatti seine Borreliose überwunden

Die durch Zecken übertragene neurologische Erkrankung des langjährigen Ö1-Moderators, Autors und Regisseurs wurde sehr spät erkannt.

Otto Brusatti, 67, schaut eine Stiege im Krankenhaus Göttlicher Heiland empor: "Vor zwei Jahren waren diese Stiegen für mich wie der Nanga Parbat – eine nahezu unbezwingbare Hürde."

28. Juni 2015: Die Schmerzen in der Seite werden so stark, dass der langjährigeÖ1-Moderator, Autor, Regisseur und Musikwissenschaftlerin einem (zunächst anderen) Spital aufgenommen wird. Der erste Verdacht Gürtelrose bestätigt sich nicht.

"Von Tag zu Tag wurden die Schmerzen ärger. Ich fühlte mich wie in einer Ritterrüstung, die eine Nummer zu klein ist." In der Nacht war es besonders arg: "Ich wurde mit Schmerzmitteln zugedröhnt."

Die Ärzte konnten keine Ursache finden, schoben die Beschwerden auf die Psyche. Burn-out. Bis nach einer Woche die Lähmung einer Gesichtshälfte dazukam – und Brusatti auf die Neurologie im Krankenhaus Göttlicher Heiland in Wien-Dornbach überwiesen wurde.

"Die starken Schmerzen in der Nacht, die zusätzliche Gesichtslähmung, die ja nicht plötzlich wie bei einem Schlaganfall aufgetreten ist – das alles ließ uns rasch an eine akute Neuroborreliose denken", sagtPrim. Univ.-Prof. Wolf Müllbacher, Neurologie-Vorstand im Göttlichen Heiland. Die vonZeckenübertragenen Borrelien hatten sich im Körper bereits im Nervensystem ausgebreitet (siehe Artikel unten).

Alles neu lernen

Brusatti bekommt über drei Wochen hindurch Antibiotika-Infusionen – in den ersten beiden Wochen drei Mal täglich. Auch wenn sich bereits am zweiten Tag erste Verbesserungen zeigten – der Weg zurück war ein langer. "Ich konnte keinen Gesichtsmuskeln mehr bewegen und musste mit einer Logopädin das Sprechen neu lernen."

Die Lähmungserscheinungen hatten sich auch auf die Beine ausgebreitet, nur mithilfe eines Rollators schaffte es Brusatti, sich zehn Meter vom Krankenbett wegzubewegen.

Nach drei Wochen Physiotherapie und intensivem Training steht er im Stiegenhaus des Spitals vor seinem persönlichen Nanga Parbat: "Die Aussicht, diese Stiege bewältigen zu müssen, bedeutete für mich eine enorme körperliche und psychische Belastung."

Und während ihm der " Aufstieg" wie ein Achttausender vorkam, "dachte ich beim Runtergehen, ich habe den Grand Canyon vor mir. Dabei waren es nur zehn bis zwölf Stufen".

Sieben Wochen dauerte es, bis er so weit war, im Garten des Spitals an den Randsteinen einer Wegeinfassung entlang balancieren zu können.

"Ich lese ja meistens drei Bücher gleichzeitig – aber in diesen sieben Wochen war ich mit Nachrichten und Zeitungen voll ausgelastet."

Eine Zecke hatte er übrigens nie entdeckt, auch nie die typische kreisrunde Rötung gesehen.

Gestern, genau zwei Jahre nach den ersten Symptomen, blickte er erleichtert zurück: "Dieser Teil meines Lebens ist abgeschlossen, es ist nichts zurückgeblieben."

Hintergrund: Der Krankheitsverlauf

Ist bei einer Borrelieninfektion auch das Nervensystem betroffen, spricht man von Neuroborreliose.

Stadium 1

Ringförmige Hautrötung rund um den Zeckenstich, Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen.

Stadium 2

Akute Neuroborreliose. Lähmungen (Gesicht, Arme, Beine), starke nächtliche Kopf- und Rückenschmerzen.

Stadium 3

Schmerzhafte Nerven- und auch chronische Gelenksentzündungen.

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Auch in fortgeschrittenem Stadium sehr gute Behandlungsmöglichkeiten

Die FSME-Impfung kann die gefährliche Gehirnhautentzündung nach einem Zeckenstich verhindern – aber nicht die Neuroborreliose. Von dieser spricht man dann, wenn eine Infektion mit Borrelien – spiralförmigen Bakterien – nicht frühzeitig erkannt wird und bereits neurologische Symptome verursacht. „Viele Patienten machen eine Odyssee von Arzt zu Arzt durch“ , sagt Prim. Univ.-Prof. Wolf Müllbacher vom Göttlichen Heiland. Zecken sind die einzige bekannte Infektionsquelle.

Die typische Hautrötung tritt bei 80 bis 90 Prozent der Infizierten auf – „aber am Rücken zum Beispiel wird sie oft übersehen“. In vielen Fällen wird der Körper selbst mit der Infektion fertig – „aber fünf bis zehn Prozent der Infizierten entwickeln Wochen bis Monate nach dem Zeckenstich als Folge der Infektion eine Neuroborreliose. Eine Blutuntersuchung alleine reicht zur Bestätigung nicht aus. „Nur eine Untersuchung von Rückenmarksflüssigkeit zeigt eindeutig, ob eine Infektion vorliegt.“
Neuroborreliose ist eine der wenigen neurologischen Erkrankungen, die heilbar ist, betont Müllbacher. Mit Antibiotikainfusionen ist eine praktisch hundertprozentige Heilung möglich. Auch die Hautrötung im Stadium 1 muss mit Antibiotika behandelt werden.

Aktiv auch am Abend

Die derzeitige Trockenheit und Hitze mögen Zecken nicht so gern: Klettern sie auf Grashalme und Sträucher und müssen dort lange auf einen Wirt warten, besteht die Gefahr des Austrocknens. „Jüngere Untersuchungen geben Hinweise darauf, dass die Zeckenaktivität am Abend steigt“, sagt der Parasitologe Georg Duscher von der Veterinärmedizinischen Uni Wien.

„Das heißt nicht, dass sie untertags nicht aktiv sind – ich war selbst diese Woche an einem Vormittag in einer Wiese und hatte nachher einen Stich. Aber man sollte eben auch am Abend an Zecken denken und den Körper genau auf Zecken absuchen, wenn man am Abend im Freien unterwegs war.“