Quer denken - das soll man schon in der Schule lernen.

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Interview
10/14/2019

Warum technische Innovationen gar nicht so wichtig sind

Der Autor Wolf Lotter hat sich Gedanken gemacht, was unsere Gesellschaft zukunftsfähig macht. Und was die Schule schleunigst ändern muss.

Ausmisten ist ein Volkssport geworden. Meist denkt man dabei an Kleiderkästen und den Keller. Dass es aber geradezu überlebenswichtig ist, in den Unternehmen, in der Gesellschaft und in der Bildung Inventur zu machen und Ballast abzuwerfen, ist die These von Wolf Lotter. Nur so könne Platz für Neues entstehen, sagt der Autor, der sich mit dem Übergang von der Industrie- in die Wissensgesellschaft beschäftigt und diese Woche in Wien diskutiert (siehe weiter unten) - im Rahmen des gesellschaftspolitischen Diskurses "überMorgen".

Seine Kritik: Wir seien immer noch zu sehr in der Industriegesellschaft verhaftet. Lotter weiß, wo es hingehen muss: Er plädiert dafür, dass jeder lernt, sich auf seine eigenen Stärken zu verlassen und selbstständig die richtigen Lösungen zu finden. Dazu muss sich vieles ändern, vor allem in der Schule.

KURIER: Was genau, Herr Lotter?

Wolf Lotter: Man muss den Kindern sagen: „Hier ist das Problem – schau, wie du das mit deinen Mitteln lösen kannst.“ Natürlich bekommen die Schüler ein Werkzeug mit: Rechnen, Lesen, Schreiben. Aber ich erkläre ihnen nicht alles bis ins Detail und gebe keine Antworten vor, die vermeintlich richtig sind. Neugierig zu sein, selbstständig etwas machen: Das haben wir nicht im Prozess, sondern es wird bestraft.

 

Wie könnte das in der Schule praktisch aussehen?

Selbstständig denken zu lernen, sollte ein Unterrichtsprinzip werden. Also: Lerne, dir zu helfen. Im zweiten Schritt: Lerne zu wissen, was du schon weißt, also wende an, was du kannst. Das gilt nicht nur in der Schule, sondern auch in der Verwaltung: Steuerrecht, Justiz etc. – da ist Detailwissen nicht so wichtig wie zu wissen, warum ich so viele Detaillösungen brauche. Die Antwort lautet: „Weil du auch willst, dass Fälle individuell behandelt werden.“ Die Menschen sollen anfangen, zu verstehen, was sie tun und das auch zu erklären.

Ist die Zentralmatura also der falsche Weg?

Ja, die neue Matura ist das Gegenteil von dem, was man hätte machen sollen – nämlich darauf achten, dass die unterschiedlichen Talente und Fähigkeiten erkennbar bleiben. Das ist das, wodurch wir in Europa als Hochpreisregion überleben können.

Menschen sind bequem. Wie schafft man es, sie zu motivieren, nicht auf alten Pfaden zu gehen?

Sie müssen die Menschen an der langen Leine lassen, und ihnen mehr Freiräume geben. Das birgt zwar das Risiko, dass man nicht mehr die Gleichförmigkeit der Arbeitsergebnisse bekommt. Dafür bekommt man aber etwas Besseres.

 

Gibt es Beispiele hierfür?

Die verstaatliche Industrie – da habe ich in den 1970er-Jahren die Katastrophe selbst miterlebt. Das war eine Massenproduktion, die immer das Gleiche produziert hat, mit Menschen, die darauf abgerichtet waren, immer das Gleiche zu tun. Da gab es 30-Jährige, die arbeitslos herauskamen und sich gefragt haben: „Was kann ich in meinem Leben noch machen?“ Die haben nicht gelernt, das, was sie selber können, im Leben umzusetzen. Die Voest wurde damals unter Wolfgang Eder ein Wissensunternehmen, das Spezialisierungen durchgeführt hat, das global erfolgreich ist, weil es gesagt hat: Wir müssen schauen, was unsere Mitarbeiter besonders gut können. Wenn wir sie lassen, dreht sich das Rad von selber. Er ist damit der von mir geforderten Wissensökonomie gefolgt.

Das war aus der Not geboren.

Ob jemand das aus der Not oder Vernunft heraus macht, bleibt jedem selbst überlassen. Derzeit geht es allen so gut wie noch nie. Dennoch ist die junge Generation sicherheitsverliebt wie noch nie – und man kann nicht sagen, woher das kommt.

Jeder Mensch braucht Sicherheit. Ist dieses Denken eine Reaktion, die aus Angst vor Wohlstands- und Identitätsverlust geboren wurde? Und das wiederum der Nährboden für Populisten?

Heute gibt es fast nur Populismus, denn alle Konzepte sind rückwärtsgewandt. Etwa, die die sagen: „Ich gebe dir die Sicherheit, dass die Welt nicht untergeht, oder dass du morgen pragmatisiert wirst etc.“ Das sind Erzählungen von gestern. Weil es aber Menschen gibt, die nicht gelernt haben, selbstständig zu denken, und derartige Politik-Versprechen kritisch zu hinterfragen, glauben sie diesen Versprechen. Das wirklich Neue wäre jetzt: Eine soziale und kulturelle Innovation (nicht die technische), die bedeutet, dass die Menschen selbstbestimmt denken und arbeiten können.

Biografie: 1962 in Mürzzuschlag geboren, lebt der Journalist und Autor heute in Deutschland. Er ist Mitbegründer des Monatsmagazins brand eins. Buch: „Innovation. Streitschrift für barrierefreies Denken“ (2018).  Edition Körber. 18,50 €

Diskussion in Wien: Im Rahmen des Diskurses „überMorgen“ wird Lotter mit Experten zum Thema Innovation diskutieren. Ort: Generali Arena, Horrplatz 1, 1100 Wien. In kleinen Diskussionsrunden ab 15.00 h, Podiumsdiskussion ab 18.30 h, Anmeldung und Details unter übermorgen.at

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