Auf Tauchgang im Wiener Tiergarten.

© Tiergarten Schönbrunn/Daniel Zupanc

Wissen Wissenschaft
02/10/2020

Wild nach Plan: Wie Zootiere gesund gehalten werden

Dem kleinen Eisbären in Schönbrunn steht ein großer Auftritt bevor. Alle Bewohner des Tiergartens werden möglichst artgemäß versorgt.

von Hedwig Derka

Fein behaart, blind, taub und keinen Kilo schwer: Im Meerschweinchenformat kommt das Eisbären-Baby vorigen November zur Welt. Seither kugelt es in der Wurfhöhle herum. Im Jänner wagt es unter den wachsamen Augen seiner Mutter erste Gehversuche. Das ist in freier Wildbahn so, das ist im Tiergarten Schönbrunn nicht anders. Doch während das Junge in der Arktis bald bis zu 70 km am Tag über Packeis wandern und Robben fressen wird, wird sich der Nachwuchs im Wiener Zoo in Kürze auf 1.700 q als Publikumsliebling zur Schau stellen.

Unglücklich muss der exotische Wiener nicht sein. Trickreich bekommt er ein möglichst artgerechtes Leben geboten. Auch die übrigen Bewohner der einstmals kaiserlichen Menagerie werden aufwendig bei Laune gehalten. Psychopharmaka spielen keine Rolle; sie sind per Gesetz verboten. Zoogegner kritisieren die Haltung prinzipiell.

Wie in der Natur

„Grundsätzlich schauen wir, wie eine Tierart in der Wildbahn lebt, und versuchen möglichst viel des natürlichen Verhaltensrepertoires zu ermöglichen“, sagt Eveline Dungl, Zoologische Abteilungsleiterin in Hietzing. Die Anlagen werden laufend verbessert, um die Bedürfnisse der Bewohner nach neuesten Erkenntnissen zu befriedigen. „Eisbären tauchen gerne. Daher werden ihnen Fische über Rohre möglichst tief unten ins Becken geschleust“, erklärt die Expertin. Wippende Bewegungen, die Polarbären von Eisschollen kennen, erleben Nora und Ranzo mit Spielzeug.

Entsprechend den sozialen Ansprüchen

Mindestens genauso wichtig ist es, das programmierte Sozialverhalten zu berücksichtigen. Im Matriarchat der Elefanten leben die Weibchen mit ihren Jungtieren in einer Herde. Bei den geselligen Kattas tummeln sich mehrere Weibchen und Männchen in einer Gruppe.

Panzernashörner und Hirschziegenantilopen wohnen harmonisch Seite an Seite, auch wenn sich die einen lieber im Gatsch suhlen und die anderen ihre Hufe auf hartem Boden abnützen müssen. Der kleine Eisbär – eher einzelgängerisch veranlagt – wird einmal in Rahmen des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms in einen andern Zoo übersiedeln.

Abwechslung bei der Nahrungsbeschaffung

„Wir gestalten die Nahrungssuche für unsere Tiere abwechslungsreich“, nennt Dungl eine weitere Maßnahme zur Beschäftigung. Denn auch wild lebende Tiere verbringen viel Zeit mit der Beschaffung von Futter. Die Geparden im Zoo jagen in Highspeed dem toten Kaninchen am Lift hinterher; das hält körperlich fit. Die Ameisenbären schlecken mit ihrer langen Zunge Brei aus dem nachgebauten Termitenhügel. Langeweile würde krank machen.

Duftstoffe für das Wohlbefinden

„Wir schaffen auch akustische und olfaktorische Anreicherungen“, sagt die Tiertrainerin. Kräuter werden angepflanzt, Gewürze in der Anlage verstreut. Die Großen Pandas freuen sich etwa über frische Sägespäne; sie mögen den Geruch auf ihrem Fell. Ob ein markierter Holzklotz von einer Anlage in die andere wechseln darf, klären die Zoodocs; Hygiene ist oberstes Gebot. „Die Pfleger beobachten, wie lange ein Duftstoff spannend ist. Das Zeitintervall ist wichtig. Das gilt auch für das Interesse an Spielobjekten“, betont Dungl. Abwechslung muss sein. Dabei wünschen nicht alle Arten gleichermaßen Veränderung. Keas zum Beispiel fliegen auf Herausforderungen, Graupapageien dagegen müssen behutsam mit Neuem konfrontiert werden.

Fortpflanzung gehört zum angeborenen Verhalten

„Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Fortpflanzung“, sagt die Zoologin. Paarungsrituale, Geburt und Aufzucht zählen zum angeborenen Repertoire. „Der Zoo will ein natürliches Verhalten zeigen“, bestätigt denn auch Katharina Reitl aus der Ordination Tiergarten Schönbrunn. Die Zoodocs sind hauptsächlich mit Prävention, allem voran dem Schutz vor Parasiten, beschäftigt. Zudem versorgen sie die typischen Wehwehchen alternder Tiere. „Verletzungen gibt es ganz selten“, berichtet Reitl aus der Praxis.

Kritiker sehen Tierquälerei

Der Tiergarten Schönbrunn gilt als Vorzeigebetrieb. Nicht überall sind die Standards so hoch. Damit geraten Zoos immer wieder in Kritik. Für manche Tierschützer bleibt die Gefangenschaft eine Quälerei. Ihr Alternativvorschlag: Die virtuelle Tierschau. Gerade Eisbären hätten dort ein artgemäßes Zuhause; besser sogar als auf dem schmelzenden Pol.

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