Primaten nützen zum Beispiel Stöcke als Hilfsmittel.

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Evolution
12/11/2020

Werkzeuggebrauch: Wie die Meister im Tierreich arbeiten

Die Bandbreite des Werkzeugebrauchs ist verblüffend. Nicht alle Arten sind deshalb schlau.

von Hedwig Derka

Grabwespen klopfen mit einem Steinchen zwischen den Kieferzangen Sand vor dem Nesteingang fest. Goffinkakadus längen Stöckchen ab, um an Leckerbissen zu gelangen. Gelbnacken-Laubenvögel tränken Schwämmchen mit einem Mix aus zerkauten Beeren und Holzkohle und farbeln ihre Lauben an: Die Natur ist erfinderisch, wenn es darum geht, Nachkommen zu schützen, Mägen zu füllen oder Bräute zu umwerben.

Erkenntnis

„Lange sah sich der Mensch an der Spitze der Schöpfung. Plötzlich beobachteten Laien den Werkzeuggebrauch bei Tieren. Dann begannen Wissenschafter, diesen zu dokumentieren“, sagt Peter-René Becker. Mittlerweile gibt es unzählige Studien über Elefanten, die mit Ästen werfen, Delfine, die ihr Maul mit Schwämmen vor dem rauen Meeresboden schützen, und Reiher, die mit Fliegen fischen.

2.800 Publikationen hat der deutsche Biologe für sein neues Buch gesichtet. Nun listet er akribisch auf, „Wie Tiere hämmern, bohren, streichen“ (Hirzel, 24,70 €). Im Gespräch mit dem KURIER erklärt er – entsprechend dem Untertitel des 210 Seiten starken Werkes – die „Bandbreite der Kultur bei Tier und Mensch“.

Technik

„Dass Krähen Schalen auf einem Ambos knacken, kennt man. Überraschend war für mich aber zum Beispiel, dass Orkas mit Wasserwellen Robben von der Eisscholle schwappen“, sagt der 71-Jährige. Nicht nur körperfremde Gegenstände gelten als Hilfsmittel, sondern auch speziell entwickelte Techniken. Der Werkzeugkasten ist knallvoll.

Schützenfische

Schützenfische etwa schießen gelegentlich mit einem gezielten Wasserstrahl aus ihrem Maul Insekten von Zweigen an Land; unter Berücksichtigung des Brechungswinkels. „Dieser Werkzeuggebrauch ist angeboren“, sagt Becker. Mit Schlauheit hat die Präzisionsarbeit des Fisches nichts zu tun. Genauso wenig zeichnen sich Vipern durch Cleverness aus, wenn sie mit ihrem Schwanzende auf Spinne machen, um Beute anzulocken.

Köpfchen

Experimentierfreudige Tiere dagegen setzen tatsächlich ihr Köpfchen ein und entwickeln durch Versuch und Irrtum neue Strategien. Gerade Vögel und Wirbellose benützen vermutlich schon sehr lange in der Entwicklungsgeschichte Werkzeuge – mit erstaunlichen Ergebnissen: So lernen etwa Sundkrähen, die Abwurfhöhe von fetten Schnecken auf deren Gewicht abzustimmen. Ader-Tintenfische wiederum schleppen leere Kokosnussschalen herum, um sich eines Tages darin verstecken zu können. Planung ist nicht jedermanns Sache.

Erfahrung

„Beobachtungen müssen interpretiert werden. Manchmal stellt sich später heraus, dass eine Einzelsichtung weit verbreitet ist“, sagt Becker. Mitunter setzt sich eine Technik unter Artgenossen erst im Laufe der Zeit durch. Auch der Mensch von heute baut auf Erfahrungen seiner Vorfahren auf; auf Fähigkeiten, die es bei anderen Tieren gab.

Kultiviert

„Kultur ist nicht vom Himmel gefallen“, sagt der Verhaltensforscher und stellt den Zusammenhang mit der Evolution von Intelligenz her. Die kognitiven Fähigkeiten zeigen sich zum einen im Gebrauch und in der Herstellung von Werkzeug. Zum anderen sind sie an ein soziales Miteinander gebunden; Tradition will weitergegeben werden. Peter-René Becker schließt: „Seine Bewusstseinstiefe unterscheidet den Mensch vom Tier. Insgesamt fällt die Abgrenzung aber immer schwerer.“

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