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Wissen Wissenschaft
08/28/2021

Weibchen im männlichen Federkleid werden seltener belästigt

Im bunten Look waren die sonst dezenten Vogel-Weibchen weniger Aggressionen ausgesetzt und konnten sich eher satt fressen. Partner fanden sie trotzdem.

Tarnen und Täuschen können im Tierreich überlebenswichtig sein. Jetzt haben Forscher entdeckt, mit welchen Tricks Kolibri-Weibchen arbeiten, um sich Vorteile zu verschaffen. 20 Prozent stecken in der bunten Verkleidung.

Normalerweise tragen weibliche Weißnackenkolibris unauffällige Tarnfarben, doch einige von ihnen weichen davon ab und weisen ein ebenso buntes Gefieder auf wie die Männchen. Der treibende Faktor dabei ist nicht die sexuelle Selektion, denn die Männchen bevorzugen klar die tarnfarbigen Partnerinnen. Vielmehr werden die Weibchen im Männer-Kleid seltener Opfer aggressiver Artgenossen. So haben die kostümierten Damen einen besseren Zugang zu Futter als typisch weiblich gefärbte Individuen.

Männchen in prächtigen Farben

Das farbenfrohe Gefieder vieler Vögel ist oft das Ergebnis sexueller Selektion: Wer besonders prachtvoll aussieht, hat die besten Chancen beim anderen Geschlecht. Meist sind es die Männchen, die bunt gefärbt sind, während die Weibchen eher Tarnfarben haben. So sind sie bei der Brut besser geschützt. Aus dem gleichen Grund sind auch Jungtiere in der Regel eher unauffällig gefärbt. Erst mit der Geschlechtsreife entwickeln die Männchen ihr Prachtgefieder.

436 Weißnackenkolibirs für Studie untersucht

Anders ist es jedoch bei einigen Kolibriarten, darunter dem Weißnackenkolibri, der in Süd- und Mittelamerika verbreitet ist. „Das Interessante am Weißnackenkolibri ist, dass alle Jungtiere zu Beginn ein männlich aussehendes Gefieder haben“, sagt Jay Falk von der Cornell University in New York. Auch ein Teil der erwachsenen Weibchen ist männlich gefärbt. Gemeinsam mit seinen Kollegen ist Falk diesem Phänomen auf den Grund gegangen. Dazu fingen die Forscher zunächst 436 wildlebende Weißnackenkolibris ein und dokumentierten Färbung, Geschlecht und Alter.

20 Prozent trixen

Das Ergebnis: Rund zwanzig Prozent aller erwachsenen Weibchen haben ebenso wie die Männchen einen leuchtend blauen Kopf und eine weiße Brust. Die übrigen 80 Prozent sind in einem unauffälligeren Grün gefärbt. Die Jungtiere weisen unabhängig vom Geschlecht die männlich scheinenden Farben auf.

Als nächstes testeten die Forscher, wie die Weißnackenkolibris auf unterschiedlich gefärbte Artgenossen reagieren. Dazu setzten sie ausgestopfte Männchen und Weibchen an Futterstellen und beobachteten, wie die echten Kolibris mit ihnen interagierten. „Die Kolibris zeigten sich gegenüber typisch gefärbten Weibchen wesentlich häufiger aggressiv als gegenüber Männchen und männlich gefärbten Weibchen“, berichten die Forscher.

Auch sexuelle Verhaltensweisen bezogen sich in allen Versuchen als erstes auf die typisch unauffällig gefärbten Weibchen. „Wenn das männlich wirkende Gefieder der Weibchen das Ergebnis sexueller Selektion wäre, dann hätten die Männchen stärker von Weibchen mit männlichem Gefieder angezogen werden müssen. Das ist aber nicht passiert“, sagt Falk.

Männchen stehen auf angepasste Weibchen

Stattdessen zeigten die männlichen Weißnackenkolibris eine klare Präferenz für unauffällige Tarnfarben tragende Partnerinnen. Auch die Tatsache, dass bereits Jungtiere, die noch nicht geschlechtsreif sind, ein buntes, eher männlich aussehendes Gefieder haben, spricht gegen die Hypothese von der sexuellen Selektion.

Der Rückschluss der Forscher: Das auffällige Gefieder dient offenbar dazu, sich vor Belästigungen durch Artgenossen zu schützen. Dies prüften die Forscher mit zwei weiteren Experimenten.

Belege an Futterstellen gesammelt

Zum einen werteten sie 78 Stunden Videomaterial von wildlebenden Kolibris aus. Dabei zeigte sich: Vögel mit männlich-buntem Gefieder waren häufiger diejenigen, die andere von Futterstellen vertrieben und jagten, während weiblich gefiederte Kolibris bei solchen Jagden mehr als zehnmal so häufig Opfer statt Aggressor waren.

Zum anderen markierten die Forscher rund 150 Kolibris mit RFID-Chips und stellten in ihrem Lebensraum in Gamboa in Panama mehrere Futterstellen auf, die anhand der Chips registrierten, wenn einer der markierten Vögel dort landete und wie lange er sich an der Futterstelle aufhielt.

„Unsere Tests ergaben, dass die typischen, weniger farbenfrohen Weibchen viel mehr belästigt wurden als Weibchen mit männlich wirkendem Gefieder“, berichtet Falk. „Da die Weibchen mit dem männlichen Gefieder weniger Aggressionen ausgesetzt waren, konnten sie häufiger und länger fressen.“ Gerade bei Kolibris, die durch ihre hohe Stoffwechselrate einen sehr hohen Nahrungsbedarf haben, ist dies ein wichtiger Vorteil.

Auch die bunten Weibchen finden Partner

Doch warum trägt trotz dieses Vorteils der größte Teil der erwachsenen Weibchen Tarnfarben? Eine klare Antwort darauf haben die Forscher nicht. Zwar werden die typisch weiblich gefärbten Weibchen bei der Partnerwahl bevorzugt, doch auch die männlich aussehenden Weibchen finden Paarungspartner. „Die männliche Färbung limitiert also in diesem Fall nicht die evolutionäre Fitness der Weibchen“, so die Forscher. „Eine mögliche Erklärung könnte allerdings sein, dass die besser getarnten Weibchen während der Brut seltener Opfer von Fressfeinden werden.“

Viele Fragen noch offen

Welche genetischen Mechanismen der unterschiedlichen Färbung zugrunde liegen oder ob Umwelteinflüsse eine Rolle spielen, ist weiterhin unklar. In zukünftigen Studien wollen Falk und seine Kollegen zudem untersuchen, wie sich ähnliche Variationen bei anderen Arten auswirken.

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