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Interview
07/03/2021

Warum auch in Österreich neue Hitzerekorde längst überfällig sind

In Kanada mischt der Klimawandel die Karten neu. Auch bei uns sind 45 Grad nicht auszuschließen, sagt Klimaforscher Formayer.

von Susanne Mauthner-Weber

Wer je in der kanadischen Provinz British Columbia war, schwärmt von Bergen, Wäldern, Flüssen. Googelt man „Vancouver“ und „Klima“ erhält man als gesichertes Wissen: „Der Sommer gilt als trocken. Meeresbrisen lassen die Tagestemperaturen von 19 Grad im Juni und 22 Grad im Juli sowie August angenehm erscheinen.“

250 Kilometer nordöstlich von Vancouver ist diesen Sommer alles anders: Das kleinen Städtchen Lytton kam innerhalb weniger Tage als 50-Grad-Hitzepol zu Weltruhm. Mittlerweile sind 90 Prozent des Dorfes verbrannt. Binnen 24 Stunden wurden in British Columbia 62 neue Brände entdeckt. Klimaforscher Herbert Formayer weiß, was das bedeutet.

Herbert Formayer
Der  Meteorologe und Klimaforscher von der Universität für Bodenkultur in Wien ist wissenschaftlicher Leiter des Klimaforschungsprogramms „StartClim“ und Vorstandsmitglied des „Climate Change Centre Austria“. Mittlerweile ist er auch gesuchter Interviewpartner für
internationale Medien wie die Süddeutsche Zeitung. Der sagte er zuletzt: „In Kanada  sieht man ähnlich wie bei den Waldbränden in
Australien vor zwei Jahren, dass durch den Klimawandel die Karten neu gemischt werden, wenn es um Extremereignisse geht“

KURIER: Lytton liegt ähnlich hoch wie Wien, auch der Breitengrad ist mit Mitteleuropa vergleichbar; Klimazone, Wälder, Flüsse dort ebenso. Kratzen wir auch bald an den 50 Grad?

Formayer: Über 40 Grad haben wir ja schon gehabt. Wobei unser derzeitiger Rekord kaum höher ist als der aus den 1980er-Jahren. Die Sommer haben sich dagegen in den vergangenen 40 Jahren durchschnittliche um zwei Grad erwärmt. Der Extremwert ist mit 0,6 Grad nicht mitgezogen. Das ist ungewöhnlich und es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch über uns eine Hitzewelle mit deutlich mehr als 40 Grad hereinbricht. Ich denke, 42 Grad wie vor zwei Jahren in Deutschland können jederzeit passieren. Aus meiner Sicht ist das sogar überfällig. Temperaturen jenseits der 45 Grad hätte ich bis vor Kurzem noch für unmöglich gehalten, weil wir Vegetation haben – Wälder und Wiesen, die verdunsten und kühlen ...

... wie auch Kanada ...

Stimmt, da haben wir auch eine Gebirgsregion mit Flüssen und Wäldern. Bis vor Kurzem hätte ich gesagt, dass mehr als 45 Grad weder in Kanada noch bei uns so leicht möglich sind. Wenn sich die außergewöhnliche Wetterlage, die in Kanada derzeit herrscht, aber ebenfalls über Europa einstellt, dann haben wir in Österreich wahrscheinlich auch 45 Grad.

Welche außergewöhnliche Wetterlage sprechen Sie da an?

Ein Hochdruckgebiet, das sich sehr weit von Norden nach Süden erstreckt und nicht vom Fleck rührt. Es hat sich über mehrere Wochen aufgebaut und warme Luft aus den Subtropen nach Norden transportiert. Dazu kommen Föhneffekte, die hinter den Bergen zu extrem trockener Luft führen.

Das kann bei uns auch passieren?

Es hätte ja auch keiner vermutet, dass das in Kanada passiert. Man konnte zuschauen, wie sich der Hitzerekord innerhalb von nur drei Tagen nach oben schraubte. Vor diesem Sommer lag er bei 45 Grad, dann stieg er auf 46,9, dann auf 48 und jetzt halten wir bei 49,6. Innerhalb kürzester Zeit ging der alte Rekord um 4 Grad nach oben. Wenn so etwas bei uns passiert, sind wir auch bei 44 Grad. Wobei es derart extreme Steigerungen normalerweise nicht gibt. Hitzerekorde steigen um ein paar Zehntelgrad an oder anders gesagt: In Österreich verzeichnen wir zwei Grad Erwärmung in den vergangen 40 Jahren. Wen man nun davon ausgeht, dass die Extreme ähnlich ansteigen wie die Mittelwerte, dann müssten wir Rekorde von 41,5 oder 42 Grad haben.

Ist das schon der Klimawandel?

Das wäre ohne Klimawandel nicht wirklich erklärbar. Gerade die aktuellen Sommertemperaturen wären früher unmöglich gewesen. Denken Sie nur an Wien: In der ganzen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hat man hier keine 35 Grad zusammengebracht. Jetzt erleben wir das jedes zweite Jahr.

Wobei wir in Österreich in der glücklichen Lage sind, dass es Berge gibt und der Großteil des Landes wohl glimpflich davon kommt. Oder nicht?

Wenn Sie die reine Fläche nehmen, dann haben Sie recht. Aber wenn Sie die Einwohnerzahlen nehmen, schaut es ganz anders aus. Die meisten Leute wohnen in den Städten. Alle Landeshauptstädte plus Wien finden sich in den Tieflagen und in allen kommen Temperaturen über 35 Grad vor. Wenn wir also darauf schauen, wie viele Menschen betroffen sind, muss man sagen: der Großteil Österreichs.

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