Störche riechen auf Entfernung.

© EPA/PHILIPP GUELLAND

Wissen Wissenschaft
06/19/2021

Störche fliegen auf frisches Gras - der Duft zieht sie an

Der Geruchssinn ist bei Tieren besser ausgeprägt als bisher bekannt. Er hilft den Zugvögeln bei der Futtersuche.

Für Bauern ist es ein gewohntes Bild: Beginnen sie mit dem Mähen ihrer Wiesen, erscheinen oft Störche wie aus dem Nichts neben den Traktoren. Die Überflieger leben in den feuchten Gebieten und ernähren sich von Schnecken, Fröschen und kleinen Nagern, die in hohen Wiesen Unterschlupf finden. Werden diese Wiesen gemäht, sind die kleinen Tiere eine leichte Beute. Bisher war nicht bekannt, wie die Vögel die reiche Futterquelle ausfindig machen.

Forscher des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Radolfzell und des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz haben sich bei der Suche nach Erklärungen auf den Geruchssinn verlegt. Sie haben das Verhalten der Vögel erforscht und herausgefunden, dass Adebar durch den Geruch des gemähten Grases angelockt wird. Nur Störche, die sich windabwärts aufhielten und so den Geruch wahrnehmen konnten, reagierten auf das Mähen. Die Wissenschaftler besprühten zudem eine Wiese mit einem Spray aus grünen Blattduftstoffen, die beim Mähen freigesetzt werden. Auch hier erschienen Störche. Dies zeigt, dass die Weißstörche ihren Geruchssinn zur Futtersuche verwenden und lässt vermuten, dass der Geruchssinn auch bei anderen Vögeln eine größere Rolle spielen könnte als bisher gedacht.

Großer Riechkolben im Gehirn

„Man hat einfach angenommen, dass Vögel nicht gut riechen können, weil sie ja keine richtigen Nasen haben“, sagt Martin Wikelski, Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie: „Dabei  haben sie einen sehr großen Riechkolben im Gehirn mit vielen Rezeptormolekülen für Duftstoffe.“ Vögel besitzen also die besten Voraussetzungen für eine feine Nase.

Grüner Blattdurftstoff nach der Mahd auch in Parfums

Wikelski beobachtet seit längerem Störche und erforscht unter anderem deren Zugverhalten. Als er mit seinem Kollegen Jonathan Williams über die rätselhafte Reaktion der Störche auf gemähte Wiesen sprach, hatte dieser eine Idee. Williams beschäftigt sich am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz mit flüchtigen organischen Verbindungen und deren Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. „Meine Vermutung war, dass die Störche auf den intensiven Geruch des frisch geschnittenen Grases reagieren“, erzählt Williams. Dieser typische Geruch wird von sogenannten grünen Blattduftstoffen erzeugt und besteht aus nur drei verschiedenen Molekülen. „Diese  werden zum Beispiel auch Parfums zugesetzt, um ihnen eine frische, „grüne“ Note zu geben“, erklärt Williams.

Duftstoffe locken aus mehr als 600 m Entfernung

Die Forscher wollten nun herausfinden, ob tatsächlich der Geruchssinn die Störche zu frisch gemähten Wiesen führt. Dafür beobachteten sie die Bewegungen der Vögel sowohl vom Flugzeug aus als auch über GPS-Sensoren markierter Tiere. „Wir mussten zuerst ausschließen, dass die Störche den Traktor hören oder den Mähvorgang sehen konnten“, sagt Wikelski. Daher nahmen sie nur Störche in die Beobachtung auf, die mehr als 600 Meter von der gemähten Wiese entfernt waren und keinen direkten Sichtkontakt hatten. Die Forscher achteten auch darauf, dass die Störche nicht durch das Verhalten von Artgenossen oder anderen Vögeln auf den Mähvorgang aufmerksam wurden.

Gras-Exerimente bestätigten Vermutung

Wenn das Mähen begann, flogen nur die Störche zur betreffenden Wiese, die sich windabwärts aufhielten. Die Artgenossen, die sich windaufwärts befanden und dadurch den Grasgeruch nicht wahrnehmen konnten, reagierten nicht. Um zu testen, ob allein der Geruch des geschnittenen Grases die Störche anlockte, wechselten die Forscher zu einer Wiese, die zwei Wochen zuvor gemäht worden war. „Das Gras dieser Wiese war immer noch sehr kurz. Deshalb ist sie für die Störche zur Futtersuche uninteressant“, erklärt Wikelski. Auf dieser Wiese verteilte er mit Kollegen Gras, das kurz zuvor in größere Entfernung gemäht worden war. Kurze Zeit später flogen die ersten Störche ein und suchten in dem gemähten Gras nach Futter.

Luft-Duft lockt die Vögel an

Die Forscher mixten schließlich eine Lösung aus grünen Blattduftstoffen und versprühten sie auf einer Wiese mit kurzem Gras. Die Wiese duftete danach intensiv nach gemähtem Gras und lockte ebenfalls Störche aus der Umgebung an. „Dies belegt, dass Störche über Gerüche in der Luft zu Futterstellen finden“, sagt Williams.

Riechorgan wichtiger als Augen bei Nahrungssuche

Diese Erkenntnis widerspricht der bisherigen Annahme, Störche würden vor allem ihre Augen zur Futtersuche nutzen. Vielmehr verlassen sich die Vögel dabei auf ihren Geruchssinn. „Es gab Störche, die von der anderen Seite des Bodensees über 25 Kilometer zu den gemähten Wiesen geflogen sind“, erzählt Wikelski. Die Forscher vermuten, dass auch bei der Futtersuche anderer Vogelarten der Geruchssinn eine größere Rolle spielen könnte als bisher angenommen. So werden auch regelmäßig Greifvögel wie Bussarde und Rotmilane über frisch gemähten Wiesen beobachtet.

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