Schutzmaske vor dem Schloß Schönbrunn

© Kurier / Jeff Mangione

Wissen Wissenschaft
03/20/2021

Corona: "Optimistisch, dass bald Erleichterung sichtbar wird"

Superforecaster haben eine Gabe: Ihre Prognosen sind treffsicherer als die von Durchschnittsbürgern. Was sie zur Pandemie und ihrem Ende sagen.

von Susanne Mauthner-Weber, Manuela Eber

Dieser Tage ist Bruno Jahn ausgerückt, um seinen Herbsturlaub in Griechenland zu buchen, „weil ich erwarte, dass dort demnächst alles ausgebucht sein wird. Die Stimmung wird sich wandeln, die Impfzahlen werden im April massiv ansteigen und dann buchen die Leute wie die Weltmeister“, sagt er.

Bruno Jahn lebt in Berlin, ist Islamwissenschafter, Betriebswirt – und ein Superforecaster (Superprognostiker). Seine Vorhersagen sind 60 Prozent genauer als die von Experten und 30 Prozent genauer als die des US-Geheimdienstes. Jahn ist nicht der Einzige. Da sind Bill Flack, Joshua Frankel, Douglas Lorch und gut 200 Weitere. Sie alle können weitaus bessere Prognosen erstellen als die meisten anderen Menschen. Sie wohnen überall auf der Welt, haben unterschiedliche Berufe und Interessen. Das Einzige, was sie verbindet, ist ihre besondere Fähigkeit. Sie gehören zu den zwei Prozent aller Menschen, auf deren Vorhersagen man wirklich etwas geben kann, egal, ob es um politische Konflikte, Wirtschaft und Sport geht.

Oder eben um Pandemien. „Covid-19 war auch für uns Superforecaster das wichtigste Thema des vergangenen Jahres“, sagt Warren Hatch, CEO von Good Judgement.

Total daneben gelegen

Anfangs lagen sie total daneben, gesteht Superprognostiker Jahn. „Wir haben das nicht vorausgesehen! Wir sind natürlich nicht die allwissenden Seher. Als es Anfang 2020 losging, haben wir uns natürlich sofort damit beschäftigt, wie es weitergehen könnte.“ Fragen an die Crowd wurden formuliert, denn Good Judgement basiert auf Schwarmintelligenz. „In Jänner 2020 lag unser pessimistischstes Szenario bei 200.000 Covid-Fällen. Danach wurden die Prognosen besser“, sagt Jahn. „Worin wir wirklich gut waren: Wir haben die Impfstoffentwicklung richtig vorher gesagt.“ (Für Oktober 2020 bis März 2021, Anmerkung) Vielleicht antwortet der Chef-Prognostiker Hatch darum auf die Frage nach Gewinnern der Pandemie mit: „Klar gibt es die - etwa uns, die Superforecaster.“

  • Was die Superprognostiker dazu meinen, wie es mit der Pandemie weitergeht, lesen Sie in dieser Geschichte.

 

Unternehmen, Geheimdienste, ganze Staaten buchen ihre Dienste. Derzeit richte sich der Fokus der Prognostiker darauf, wie hoch das Wirtschaftswachstum 2021 sein wird. „Und ob wir mit dem Impfen bis dahin so weit sein werden, dass eine weitgehende Rückkehr zur Normalität möglich ist“, ergänzt Jahn. Werden wir? „Wir sind ziemlich optimistisch.“ Und der britische Superforecaster Michael Story ergänzt: „Auch wenn es jetzt Risiken durch Virus-Mutationen gibt, denke ich, dass wir die Anpassung rasch genug schaffen werden.“ Die Mehrheit der Superforecaster rechnet übrigens damit, dass die Herdenimmunität im September/Oktober erreicht wird (zumindest in Deutschland, für Österreich gibt es keine Daten). Optimisten gehen gar von August aus.

Meinungsfindungsprozesss

Das zeigt: Auch unter den Star-Hellsehern gibt es unterschiedliche Meinungen: „Wir schauen uns divergierende Meinungen von Kollegen an. Und wir profitieren davon, denn wir haben alle keine vollständigen Informationen“, erklärt Hatch den Meinungsfindungsprozess.

Wobei auch Star-Hellseher schon mal richtig danebenliegen. Bill Flack und Joshua Frankel hielten es lange Zeit nicht für möglich, dass Donald Trump es zum US-Präsidentschaftskandidaten schaffen würde. Geschweige denn zum Präsidenten.

Auch Prognostiker Jahn hält mit den Problemen nicht hinter dem Berg: „Die ganze Krise war keine Sternstunde für die Vorstellung, es gäbe Experten, auf die man einfach unkritisch hören könnte. Sogar Menschen mit großartigem Ruf haben sich nicht mit Ruhm bekleckert. Das fing schon bei der WHO an, die vor einem Jahr sagte, man müsse sich wegen Covid überhaupt keine Sorgen machen.“ Den bekannten deutschen Virologen Christian Drosten dagegen schätzt er, weil der stets betont, dass es sich um einen vorläufigen Wissensstand handle. Das sei auch der Kern der Superforecast-Methode: „Immer wieder nachdenken, was man eigentlich wirklich weiß. Und was nicht.“

Alles begann, weil Philip Tetlock, Psychologe und Politikwissenschafter an der University of California, sich darüber ärgerte, dass Trendforscher regelmäßig zu Jahresbeginn irgendetwas behaupten konnten, ohne je überprüft zu werden. Also startete  er vor etwa 30 Jahren damit,  Tausende Vorhersagen, die Experten zu Börsenkursen, Wahlergebnissen, Kriegen und anderen wichtigen Fragen abgaben, auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen.

Geheimdienst wurde neugierig

Mit seinem Forschungsergebnis  rief er den  Geheimdienst auf den Plan.  Der wusste längst, dass  Menschen furchtbar schlecht darin sind, korrekte Vorhersagen zu treffen. Überraschend dabei ist, dass die Qualität der Vorhersage selbst mit steigender Expertise nicht zunimmt. Darum war der Geheimdienst auf der Suche nach Leuten, auf die mehr Verlass war. Tetlock sollte helfen, herauszufinden, welche Menschen Superforecaster sind und warum.

Es war nicht einfach, ausgewiesene Experten für eine solche Überprüfung zu gewinnen. Viele sorgten sich um ihren Ruf, sollte ihre Vorhersagequote nicht gut sein. 284 ließen sich  doch überzeugen, mit der Garantie, anonym zu bleiben: Sie arbeiteten in Thinktanks oder an Universitäten, in Behörden und bei internationalen Organisationen wie dem Weltwährungsfonds oder der Weltbank. Zehn Jahre lang ließ Tetlock sie Fragen beantworten, etwa dazu, ob die US-Wirtschaft weiter wachsen, stagnieren oder in die Rezession rutschen würde. Rund 28.000 Prognosen gaben die Experten insgesamt ab. Tetlock und sein Team überprüften sie alle. Das Ergebnis war desaströs. Im Schnitt hatten die Experten in nur 50 Prozent aller Fälle recht.  „Sie lagen im Schnitt also nur so gut, als hätten sie geraten“, schreibt Tetlock in seinem Buch Superforecasting.

Ging es  in der Vorhersage nur um das kommende Jahr, lagen sie etwas besser. Waren aber die nächsten drei bis fünf Jahre gefragt, sah es schlecht aus. Es schien, als sei dies ein Zeitraum, der für Menschen schier unabsehbar ist.

Nachdem der Psychologe den Geheimdienst-Experten zugesagt hatte, begann er, Teilnehmer  zu rekrutieren, die er das „Good Judgment Project“ nannte. Mehr als  20.000 Menschen hat er von 2011 bis heute  gebeten, etwa 100  Fragen zu beantworten:  Wird ein weiteres EU-Land  ein Referendum über den Austritt aus der EU abhalten? Oder: Wird Nordkorea vor dem 1. Januar 2022 einen Atomsprengsatz zünden?

Nur zwei Prozent waren brillant

Als Tetlock die Prognosen der ersten 3.000 Kandidaten analysiert hatte, stellte er fest: Wie in der ersten Studie waren die meisten schlechte Prognostiker. Aber ein paar waren brillant: zwei Prozent setzten sich ab. Nahm man sie zusammen in ein Team, waren ihre Vorhersagen zu 65 Prozent besser als die anderer Teams. Nach dem ersten Jahr wurden die 60 talentiertesten Prognostiker ausgewählt  – und erhielten den Titel „Superforecaster“. Gegen Ende des vierten Jahres waren die Superprognostiker  um mehr als 60 Prozent besser als die anderen Teams und um mehr als  40 Prozent besser als das Geheimdienst-Team, gegen das sie  2011 in einem Prognose-Wettbewerb angetreten waren.

Wie die Star-Hellseher ticken

Womit wir bei der Frage sind, was Bruno Jahn und seine Kollegen zu guten Hellsehern macht. Philip Tetlock, Psychologe an der University of California war es, der die Superforecaster vor etwa 30 Jahren entdeckt hat (siehe Geschichte oben). Er beschreibt sie als überdurchschnittlich intelligent. Für die Trefferquote war es völlig egal, ob sie Optimisten waren oder Pessimisten, ob sie eher liberal waren oder konservativ. Die entscheidende Zutat zum Superprognostiker war nicht, was sie dachten, sondern wie. Allen ist gemeinsam, dass sie ihre eigene Weltsicht gern und oft infrage stellen, sich gut in andere hineindenken und deren Gegenargumente sofort in ihre Prognosen integrieren können.

Bruno Jahn betont, dass auch er bis vor einem Jahr weder Viro-, noch Immuno- und auch nicht Epidemiologe war. „Nein, ich hatte dieses Wissen natürlich nicht. Superforecaster sind nicht auf jedem Gebiet Experten, aber ihre Hauptqualifikation besteht darin, sich in relativ kurzer Zeit, einen Überblick zu verschaffen, was Experten sagen. Ich muss kein Virologe sein, ich muss nur wissen, auf welchen ich höre.“

Astra Zeneca und die Mutationen

Weil Superforecaster außerdem keine Angst davor haben, ihre Meinung zu ändern, stelle auch das Hickhack um Astra Zeneca und andere Impfstoffe sowie das Einbeziehen von Virus-Mutationen kein wirkliches Problem für Prognosen dar, behauptet Jahn. „Die Skepsis gegenüber dem Astra-Zeneca-Impfstoff hat Auswirkungen – aber nur auf den Zeithorizont.“ Es werde deshalb mit der Impfung Wochen, maximal einen Monat, länger dauern. „Aber ich bin trotzdem optimistisch, dass bald Erleichterung sichtbar wird. Und zum Beispiel wieder Urlaub gebucht wird. Anders ausgedrückt: Mein Onkel arbeitet bei der Lufthansa in der Flugabfertigung. Er ist seit einem Jahr in Kurzarbeit. Ich sage voraus, dass er in der zweiten Jahreshälfte wieder sehr viel zu tun haben wird.“

Ende der Pandemie

Bei der Frage nach dem Ende der Pandemie druckst aber sogar CEO Hatch etwas herum. „Was ist das Ende?“, fragt er zurück. „Am besten definiert man es wohl als den Zeitpunkt, wenn es ausreichend Impfstoff gibt. Wenn wir drei Milliarden Menschen geimpft haben, wird die Pandemie vorbei sein. Man könne auch sagen, sobald das Thema aus den Schlagzeilen verschwindet.“

Info

Falls Sie es als erster Österreicher zum Superforecaster bringen wollen, dann schauen Sie doch einmal hier nach: www.gjopen.com/questions

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.