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Wissen Wissenschaft
03/20/2021

Superprognostiker erwartet Pandemie-Ende 2022

"Mutationen werden die Impfung nicht kaputtmachen", sagt der Berufsprognostiker Bruno Jahn.

von Susanne Mauthner-Weber

Der Islamwissenschafter und Superforecaster Bruno Jahn ĂŒber unfaire Impfstoffverteilung, Bildungsdefizite der Generation Corona, Homeoffice, Airbnb und wer sich wie schnell erholen wird.

KURIER: Herr Jahn, die Angst vor Virus-Mutationen geht um. Inwieweit haben die Ihnen bei Ihren Prognosen in die Suppe gespuckt?

Bruno Jahn: Ich persönlich bin sehr optimistisch, dass uns die Mutationen am Ende die Impfung nicht kaputtmachen. MĂŒsste ich es in Wahrscheinlichkeiten ausdrĂŒcken, wĂŒrde ich sagen – zu weit ĂŒber 50 Prozent, eher sogar 80 Prozent – wird die Impfung wirksam genug sein. Vielleicht werden sich trotz der Impfungen die Varianten ausbreiten, aber die VerlĂ€ufe sollten viel milder sein. Menschen werden weiter an Corona sterben, aber ich glaube, diese komplette VerĂ€nderung des ganzen Lebenswandels wird enden. Wir werden die RĂŒckkehr der NormalitĂ€t sehen.

Wie steht es um die HerdenimmunitÀt?

Wann wir die genau erreichen, weiß ich nicht. HerdenimmunitĂ€t ist fĂŒr mich aber gar nicht das entscheidende Kriterium. Vielmehr, dass wir der Pandemie ihren Schrecken nehmen. Das können wir erreichen, wenn alle Menschen ab einem gewissen Alter – etwa alle Über-50-JĂ€hrigen oder zumindest alle Über-60-JĂ€hrigen – geimpft sind. Dann kann man gewisse Maßnahmen nicht mehr rechtfertigen.

Wann kommt das Ende der Pandemie?

In welchen Teilen der Welt? Wir werden in Deutschland und Österreich den Punkt, an dem wir vorsichtig zur NormalitĂ€t zurĂŒckgehen, frĂŒher erreichen, weil die Impfstoffverteilung global nicht fair ist. Auch in Europa ist bei der Impfstoffbeschaffung viel schiefgelaufen, trotzdem werden alle LĂ€nder hier in etwa zeitgleich dasselbe Niveau erreichen. Wir werden also nicht in Deutschland NormalitĂ€t haben, wĂ€hrend europĂ€ische NachbarlĂ€nder nachhinken. Ich glaube auch nicht, dass wir eine riesige europĂ€ische Spaltung haben werden. Wobei sich weite Teile der Welt so benehmen werden, als ob die Pandemie vorbei wĂ€re, wenn sie es global noch gar nicht ist. Ich hoffe, dass wir nicht anmaßend das Ende der Pandemie verkĂŒnden. Es wird letztlich ein Ausschleichen sein. Graduell ĂŒber einen Zeitraum von wahrscheinlich einem Jahr. Bis wirklich die ganze Welt durchgeimpft ist, sind wir weit in 2022 drin, vielleicht im zweiten Halbjahr.

Gerade junge Menschen leiden besonders unter den Pandemie-Folgen. Manch ein Psychologe warnt bereits vor einer verlorenen Generation ...

... das ist gar dramatisch! Ja, jene, die dieses Jahr Matura machen oder als Student in eine neue Stadt kommen, trifft es besonders. Die tun mir schon sehr leid. Ich hoffe aber, dass in der Folge Fragen der Generationengerechtigkeit stĂ€rker besprochen werden; dass es Maßnahmen geben wird, um das auszugleichen und der jungen Generation etwas zurĂŒckzugeben. Darum sollten die Auswirkungen im Bildungswesen nicht so dramatisch werden. Und selbst wenn es bestimmt Defizite gibt: Die lassen sich durchaus aufholen. Außerdem konkurrieren diese jungen Menschen spĂ€ter am Arbeitsmarkt mit Leuten, die auch alle dieses Jahr erlebt haben. Denken sie nur an jene, die den Krieg durchgemacht haben. Es gibt Kohorten-Effekte. Und auch 1968 ist in Frankreich die HĂ€lfte des Schuljahres durch Streik ausgefallen. Die Folge: Viel mehr Menschen haben maturiert, weil man PrĂŒfungen leichter gemacht hat.

Mittlerweile beschĂ€ftigen Sie sich bereits mit Zukunftsfragen: Wer erholt, sich, wer kommt zurĂŒck und wie gut?

Ja, dass die Gastronomie dichtmacht, war uns allen klar. Interessant ist, wie schnell sie zwischen Mai und November wieder gekommen ist. Wissen Sie, wer wirklich miserabel dasteht? Der Bekleidungseinzelhandel. Das hatten wir anfangs gar nicht bedacht. Er ist viel hĂ€rter getroffen, weil die Leute sich daran gewöhnt haben, Klamotten online zu bestellen. Diese Kunden sind viel weniger zurĂŒckgekommen und das wird so bleiben.

Manchen Branchen geht es prĂ€chtig, andere bluten total. In einer Weise, fĂŒr die niemand etwas kann. Da wird man großzĂŒgig ausgleichen mĂŒssen. Man kann nicht einfach nach dem Motto „Jeder ist seines GlĂŒckes Schmied“ rangehen.

Ich glaube auch nicht, dass wir alle nur noch Homeoffice machen werden. Es wird viele Menschen geben, die heilfroh sein werden, wieder ins BĂŒro zurĂŒckzukehren. Homeoffice ist nicht das Ende der Arbeit, sondern das Ende deines Privatlebens. Viele werden sagen, dass sie nur dann Homeoffice machen, wenn ihnen ein Extrazimmer bezahlt wird. Spannend wird auch, welche Form von Tourismus wiederkehrt. Ich glaube, Airbnb wird richtig gut dastehen, denn bis die Leute wieder ein großes Hotel-Buffet wollen, könnte mehr Zeit vergehen.

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