Kakadu Figaro bewies, dass Vögel Werkzeug herzustellen können.

© Alice Auersperg

Wissen Wissenschaft
12/27/2021

Kreative Überflieger und gefinkelte Werkzeugbauer: So schlau sind Tiere

Die Kognitionsforschung bringt laufend neue Erkenntnisse über "Das rationale Tier". Der Status Quo ist jetzt in einem Buch zusammen gefasst.

von Hedwig Derka

Manchmal sind es Zufallsbeobachtungen, die die Forschung weiter bringen: Nachdem sich Figaro ein Holzstäbchen hergerichtet hatte, um nach einer Erdnuss außerhalb seiner Voliere zu angeln, intensivierten die Wiener Verhaltensbiologen ihre Studien zum Werkzeuggebrauch von Goffinkakadus. Bald konnten sie belegen, dass die kreativen Überflieger ihre Haken aus der Situation heraus herstellten; an den Genen lag es nicht.

Zehn Jahre später mussten Figaros Artgenossen aus zwanzig „Puzzle-Boxen“ die passenden Teile zusammentragen, um einen Leckerbissen zu ergattern. Die gefiederten Probanden in Gefangenschaft waren dabei motivierter als Schlaumeier aus freier Wildbahn.

Laufend werden Studien zu den erstaunlichen Fähigkeiten von Tieren publiziert, ständig wird an den Untersuchungsmethoden gefeilt. Ludwig Huber leitet das Messerli Forschungsinstitut und hat die Erkenntnisse jetzt in seinem Buch „Das rationale Tier“ beschrieben. „Eine kognitionsbiologische Spurensuche“ fasst den Status quo zusammen – für Studierende, Forschende und Interessierte. Der Professor an der VetmedUni Wien gibt – wie im Gespräch mit dem KURIER – verständlich Einblick in das „Sextett tierischer Intelligenz“:

Geistige Luftsprünge einzelner

Werkzeuggebrauch: Bergpapageien in Neuseeland etwa brauchen keine Hilfsmittel. Sie graben mit dem Schnabel nach Pflanzenteilen. Trotzdem: Ein paar von ihnen sind zu „geistigen Luftsprüngen imstande und nützen Werkzeuge“, bringt Huber ein Beispiel aus der Vogelwelt. Das innovative Verhalten weniger Gruppenmitglieder weist auf eine selbstständige Entwicklung hin; artenweiter Werkzeuggebrauch wäre eher ein Beleg für vererbtes Können.

Probleme flexible lösen

Kausalverständnis: Pfiffige Tiere, darunter Affen, Schildkröten und Hunde, durchschauen Zusammenhänge. So verstehen z. B. Orang-Utans die Gesetze der Physik. In einem Experiment holten erwachsene Primaten im Mund drei Mal Wasser, um den Pegel in einem Röhrchen zu heben; nur so gelangten sie an Futter. Ein Jungtier löste die Aufgabe anders – mit Urin. Huber: „Flexibilität ist ebenfalls ein Zeichen von Intelligenz.“

Ähnlich wie der Mensch

In die Zukunft schauen: Schimpansen sind nicht die einzigen Tiere, die planen. Sie heben den Schlüssel zu einer versperrten Futterkiste für einen späteren Zeitpunkt auf. Blauhäher wiederum wissen, dass Würmer ein früheres Ablaufdatum haben als Nüsse, und steuern die entsprechenden Futterdepots rechtzeitig an. „Die Vögel können kurzfristig planen, der Mensch tut es auf ein paar Jahre“, hebt Huber den quantitativen, nicht qualitativen Unterschied hervor.

Erinnerungen verknüpfen

Episodisches Gedächtnis: „Eigene Erinnerungen an ein konkretes Ereignis in der Vergangenheit sind ein heißes Thema“, sagt Huber: „Es braucht Bewusstsein.“ Nachgewiesen ist das unter anderem bei Ratten, Hähern und Hunden. Sie können das Was mit dem Wann und Wo verknüpfen. Die Nager etwa erinnerten sich im Labor nicht nur an verschiedene Gerüche, sie hatten zudem abgespeichert, in welcher Reihenfolge sie diese vorher erschnüffelt hatten.

Wie in der Millionenshow

Metakognition: Im Zweifelsfall die richtigen Entscheidungen treffen, den Wissensstand sicher abrufen: Tauben, Affen und Delphine z. B. verfügen über diese rationale Gabe. „Tiere wählen die Ausstiegsvariante – wie in der Millionenshow“, erklärt Huber. Intelligenzbestien setzen eine Belohnung nicht waghalsig aufs Spiel.

Sensationelle Leistung von Haustieren

Gedankenlesen: Was Kinder ab dem zweiten Lebensjahr zu entwickeln beginnen, können auch manche Tiere. Kolkraben beispielsweise sind in der Lage, sich in andere hineinzuversetzen. Sie erkennen sogar, wenn sie ausgetrickst werden. „Auch Hunde beherrschen diese Königsklasse. Sensationell“, sagt Huber, der das selbst ausgetestet hat. Nicht zuletzt in diesem Fall gibt es große individuelle Unterschiede. Die Interpretation der Ergebnisse bleibt mitunter spekulativ.

Tierschutz

So dreht sich denn die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem rationalen Tier weiter. „Unser zunehmendes Wissen über die kognitiven Fähigkeiten von Tieren sollte unsere Zweifel nähren, ob wir richtig mit ihnen umgehen“, spricht Huber schließlich den Artenschutz an: „Erkenntnis und Moral sollten Hand in Hand gehen.“

Ludwig Huber: „Das rationale Tier. Eine kognitionsbiologische Spurensuche“. Suhrkamp. 672 Seiten. 34 Euro.

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