© Getty Images/Image Source/JPM/Image Source/Getty Images

Wissen Wissenschaft
08/22/2020

Fit statt verwelkt: Welcher Alterungstyp sind Sie?

Aus Blut, Stuhl und 10.343 Genen haben US-Forscher vier Alterungstypen extrahiert. Und festgestellt: Man kann die Art, wie man altert, zum Besseren verändern.

von Susanne Mauthner-Weber

Senile Bettflucht? Fast ist man geneigt, daran zu glauben: Michael Snyder, Jahrgang 1955, beantwortet frühmorgens um exakt 3 Uhr 56 die Interview-Anfrage des KURIER und lacht schallend, wenn man ihn auf sein aktuelles Forschungsinteresse anspricht: „Ja, das Altern ist ein populäres Thema“, sagt er.

Dem Genetiker von der Stanford University School of Medicine ist mit seiner neuesten Forschungsarbeit aber auch ein Coup gelungen: Er hat vier „Ageotypen“ (abgeleitet vom englischen „Age“ = Alter) entdeckt, die bestimmen, wie jemand altert. Dass es sich dabei nicht um Lifestyle-Firlefanz handelt, garantiert Nature Medicine, das renommierte Wissenschaftsmagazin, das die Studie angenommen und dieser Tage veröffentlicht hat.

In dieser Geschichte erfahren Sie,

  • warum Menschen wie reparaturbedüftige Autos funktionieren: Beim einen geht zuerst der Motor kaputt, beim anderen die Bremsen
  • welche alternden Organe Genetiker Snyder den vier Typen zuordnen konnte
  • und ob man das Altern umkehren kann

 

 

„Menschen sind wie Autos. Sie werden insgesamt auch älter, aber beim einen  gibt erst der Motor  den Geist auf, beim anderen  die Bremse.“

Michael Snyder  | Genetiker

Snyder hat Menschen über Jahre beim Altern beobachtet – mikrobiologisch. „Ich bin daran interessiert, was genau im Körper abläuft.“ Er hat also 106 Probanden im Alter von 29 bis 75 Jahren regelmäßig Blut abgenommen, ihre Stuhlproben analysiert, Bakterien aus der Nase angeschaut. So kamen Daten zu 10.343 Genen, 368 Proteinen aus dem Blut, 722 Stoffwechselprodukten und 6.909 Mikroorganismen zusammen – von jeder einzelnen Testperson.

Alter ist auch eine Frage der Zeit. Der Zeit, in der man geboren wird:

  • Die ersten Menschen hatten eine mittlere Lebenserwartung von nur 18 Jahren, und das Durchschnittsalter zur Zeit des römischen Imperiums lag bei etwa 22 Jahren, im Mittelalter bei ungefähr 33 Jahren und um 1900 bei etwa 49 Jahren.
  • In Österreich war die mittlere Lebenserwartung für ein männliches Baby, das 1868 geboren worden war, etwa 33 Jahre; für eines, das 1968 zur Welt kam,  etwa 67 Jahre; für Buben, die 1999 geboren wurden, liegt die mittlere Lebenserwartung bei 74 Jahren. Die mittlere Lebenserwartung für weibliche Babys hat sich in Österreich von 1896 bis 1996  nahezu verdoppelt – auf mehr als 80 Jahre.
  • Die durchschnittliche Lebenserwartung eines heuer geborenen Mädchens beträgt übrigens 84,6 Jahre. Damit sollte es – entgegen seiner männlichen Geburtskollegen mit einer Lebenserwartung von 79,5 Jahren – bereits den Beginn des 22. Jahrhunderts erleben.
  • Die über die Jahrhunderte gestiegene Lebenserwartung des Menschen ist auf die bessere Nahrungsmittelversorgung, die höhere Trinkwasserqualität, das Einführen gewisser Hygienestandards sowie medizinische Errungenschaften (Antibiotika, Impfungen) zurückzuführen.
  • D a s  Alterungsgen gibt es übrigens nicht: Bis zu 7.000 Gene sind an der Alterungsmaschinerie beteiligt, schätzen Forscher. Was sie nicht sagen: Sie haben im Grunde genommen sehr wenig Ahnung, wie sie zusammenspielen, und warum sie uns grau, gebeugt und greise werden lassen. Derzeit schätzt das Gros der Altersforscher, dass  wir möglicherweise bis zu 150 Jahre alt werden können. Im Jahr 2100 könnten Menschen  im Schnitt ihren  120. Geburtstag erreichen.

Heureka-Moment

Das Team verfolgte auch, wie sich diese Daten innerhalb von dreieinhalb Jahren veränderten. Und dann kam der Heureka-Moment. Der Genetiker erkannte: Jeder Mensch hat ein einzigartiges molekularbiologisches Profil. Dieses Profil wandelte sich mit den Jahren auf charakteristische Weise – und das kumulierte in vier Typen. Beim einen waren vor allem Veränderungen des Stoffwechsels zu erkennen, beim nächsten solche des Immunsystems, weiters der Leber- oder der Nierenfunktion. „Menschen sind wie Autos“, vergleicht Snyder. „Wagen werden insgesamt auch älter, aber beim einen gibt zuerst der Motor den Geist auf, beim anderen zuerst die Bremse.“

Bei der Einteilung gehe es aber um viel mehr als um Etikettierung, sagt der Genetiker. Er wolle die biochemischen Alterungsprozesse verstehen, um Menschen länger gesund zu erhalten. So könne jeder die Risikofaktoren eingrenzen, die später höchstwahrscheinlich bei ihm zu gesundheitlichen Problemen führen werden. Und handfeste Anhaltspunkte für individuelle Empfehlungen seien genau das, was in der Altersmedizin bisher fehlte.

Weniger Kohlenhydrate

Stoffwechsel-Alternden rät Snyder zum Beispiel, die Ernährung zu überdenken. Weil im Laufe der Jahre ein bestimmtes Hämoglobin im Blut zunimmt, das in der Regulation des Blutzuckers eine Rolle spielt – ein erhöhtes Risiko für Diabetes mellitus Typ 2 inklusive. „Zu viele Kohlehydrate tun da auch nicht gut“.

Menschen mit einem Immun-Alterstyp hingegen könnten mit zunehmendem Alter höhere Werte bei Entzündungsmarkern ausbrüten und anfälliger für immunbedingte Krankheiten werden. „Entzündungen lassen sich bekämpfen, indem man regelmäßig körperlich aktiv ist“, weiß der Mediziner. Wer zu den Leber-Anfälligen gehört, könnte das Organ öfter als üblich testen lassen, um krankhafte Veränderungen frühzeitig zu erkennen. „Viel Wasser-Trinken ist wiederum besonders für Nieren-Alterer wichtig“, sagt Snyder.

Die gute Nachricht

Tatsächlich änderten einige Studienteilnehmer ihre Lebensweise – stellten ihre Ernährung um, verloren Gewicht oder nahmen Statine (Cholesterinsenker) ein, um ihre Nierenfunktion zu verbessern. „Manche Menschen können den Alterungsprozess umkehren“, sagt der Studienleiter. Man kann das System austricksen, die mikrobiologischen Pfade, entlang derer das Altern abläuft, ändern. Kurz: „Die Art und Weise, wie man altert, zum Besseren verändern.“

Eine Mischung

Der Forscher weiß, wovon er redet, hat er es doch bereits selbst versucht. Als er mit seinen Forschungen begann, „hatte ich ja gehofft, innerlich um vieles jünger zu sein. War ich aber nicht. Ich war über 60 und alterte normal.“ Snyder erkannte: „Ich bin ein Stoffwechsel-, Nieren- und Leber-Alterungstyp, denn es gibt natürlich auch Mischtypen. Nur in Sachen Immunsystem bin ich gut“, erzählt er und begann sofort, Gewichte zu heben.

Normalsterbliche müssen übrigens noch warten, ehe sie wissen, welcher Alterungstyp sie sind. Der Genetiker kann sich aber gut vorstellen, dass die Ageotyp-Marker irgendwann routinemäßig in Gesundenuntersuchungen bestimmt werden.

Übrigens: In seine Studie verirrte sich  auch eine Handvoll Menschen, die während der gesamten Laufzeit eine langsamere Alterungsrate als normal aufwiesen. Wie oder warum ist immer noch ein Rätsel

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.