Werteforscherin Regina Polak

© Universität Wien/Joseph Krpelan

Wissen
11/01/2020

Expertin: "Wir sind nicht so frei, wie wir glauben"

Welche Werte sind uns wichtig und wollen wir, dass es nach der Pandemie genauso wird wie vorher? Eine Expertin im Gespräch.

von Yvonne Widler

Was ist gut? Was ist böse? Wie handle ich gerecht? „Komplexe Angelegenheit.“ Das antwortet Regina Polak, wenn sie gefragt wird, wie sie den Wertebegriff definiert. Obwohl sie seit 20 Jahren als Werteforscherin tätig ist, fällt ihr die Antwort auf diese Frage keineswegs leicht.

Die Philosophie stehe dem Begriff skeptisch gegenüber. So spreche man dort lieber von Normen, Tugenden oder vom kategorischen Imperativ. „Der Wertebegriff schillert unglaublich, weil er noch keine ethische Orientierung gibt“, sagt Polak.

Natürlich könne man damit auch eine ethische Norm bezeichnen, wie etwa Gerechtigkeit oder Solidarität. Aber auch den Umstand der Freundschaft. „Ein Wert an sich garantiert noch nicht, dass dieser auch ethisch vertretbar ist.“ An den Philosophen Hans Jonas angelehnt, hat sich Polak für eine persönliche Definition entschieden.

Demnach gebe es Erfahrungen, die wir Menschen machen, welche uns so sehr überwältigen oder die so tief verwurzelt sind, dass wir sie für gute Erfahrungen halten. „Aber etwas, das ich für gut befinde, muss eben nicht gut sein.“

Werte brauchen Reflexion

Das zeigt ein Rückblick auf die unterschiedlichen Epochen unserer Geschichte. Auch die Nationalsozialisten hatten Werte: Heimat, Kameradschaft, Vaterlandsliebe. „Wir wissen alle, wo die gelebte Praxis, die sich mit diesen Werten verbunden hat, endete.“

Deswegen sollte jede Wertereflexion auch mit einer ethischen Reflexion einhergehen, denn die Ethik erhebe den Anspruch auf universalisierbare Normen.

Solidarität vor allem anderen

Doch es gibt auch eine politische Komponente bei unseren Werten. Entdeckt wurde sie, als die Europäische Union ihre Verheißungen auf unendlich fortschreitenden Wohlstand nicht mehr einhalten konnte, erklärt Polak und führt die EU-Osterweiterung als Beispiel an.

Zudem gebe es immer eine sozialethische und eine individualethische Sichtweise. In Europa habe sich gesamtgesellschaftlich ein Wertekanon etabliert, der auf Unionsebene ausdrücklich vertraglich verankert wurde. So heißt es in Artikel 2 des Vertrages über die EU:

„... die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet.“

Zu jedem dieser angeführten Werte gibt es eine lange Begriffsgeschichte und ein Ringen darum, was er jeweils bedeutet. Was die Österreicher und Österreicherinnen betrifft, so sei ihnen – im Europavergleich – Solidarität nach Selbsteinschätzung besonders wichtig, vor allem in Bezug auf die eigene Familie und auf das nähere Umfeld. Solidarität in Bezug auf alles außerhalb Österreichs wäre im Vergleich mit anderen europäischen Ländern jedoch ziemlich weit hinten gereiht, erklärt Polak.

Auch interessant: Freiheit wird im europäischen Wertekanon angeführt, Sicherheit nicht. „Wenn wir bei der Wertestudie aber zwischen den beiden Begriffen abfragen, beobachten wir in den letzten 30 Jahren immer wieder spannende Entwicklungen. Da sehen wir schon eine ganz starke Tendenz, der Sicherheit Vorrang zu geben“, sagt Polak.

Starke Prägung in uns

Prinzipiell gebe es bei den unterschiedlichen Ländern große Unterschiede, so würden nordeuropäische Länder eine stärkere Befürwortung von Freiheit anführen, während in den katholischen Ländern die Solidarität einen höheren Stellenwert aufweist. Pointiert gesagt: „Wir sind nicht so frei, wie wir glauben“, meint Polak. Wir seien massiv geprägt durch kulturelle, historische und politische Narrative. „Deshalb ist ethische Bildung so wichtig, um zu reflektieren, ob wir überhaupt möchten, dass diese Faktoren so tief in unserer DNA stecken.“

Auch aktuelle politische Geschehnisse greifen immer wieder in unsere Werte-Konstellationen ein. „Diese Konflikte entstehen allerdings nicht durch einen Mangel an Werten, sondern durch die Beurteilung, wie sie miteinander zusammenhängen.“

Die vorrangige Frage: Wie ordnet man diese Werte in eine Reihenfolge, um in einer konkreten Situation herauszufinden, was zu tun ist? „Das ganze Leben basiert auf solchen Prozessen. Die Ergebnisse äußern sich dann auch in politischen Positionen, und ethische Konzeptionen haben dabei natürlich Priorität. Da gibt es viel Diskurs dazu, aber man kann das in einer demokratischen Gesellschaft nicht vorschreiben. Eine Ideologie ist es dann, wenn ein Teil-Interesse absolut gesetzt wird. Oder wenn die Idee wichtiger ist, als die Wirklichkeit“, sagt Polak.

Das nahe Umfeld

Betrachten wir die individualethische Ebene, zeigt sich eine Konstanz bei der Relevanz von Familie, Freunden und Arbeit. Diese Reihung blieb seit den 1980er-Jahren gleich, jedoch hat sich die Struktur der Familie verändert, wie etwa die Entwicklung hin zu Patchwork-Familien. Oder auch Freunde, die heute zur Familie gezählt werden. Arbeit kann Menschen nun ganz anders erfüllen als früher.

Beziehungen und die Pandemie

„Was Partnerschaften betrifft, so ist Treue für uns immer noch ein ganz zentraler Wert, sie wird jedoch umgedeutet. Früher hieß es, mit einem Partner ein Leben lang. Jetzt leben viele Menschen serielle Monogamie. Treue, solange es gut geht.“ Diesbezüglich sei es durchaus möglich, dass auch Minderheiten-Strömungen, die etwa Monogamie infrage stellen und polyamore Beziehungen leben, nachhaltig unsere Werte verändern.

Als Werteforscherin beobachtet Polak die Geschehnisse rund um die Pandemie sehr genau. „Wir sind jetzt mitten drinnen. Nun kommt noch einmal ein anstrengendes Jahr auf die ganze Welt zu. Da kann unglaublich viel passieren.“ Die Seuchengeschichte lehre, dass die Menschheit fähig sei, aus so einem Ausnahmezustand zu lernen. „Wie etwa nach der Pest. Danach sind Arbeitsrechte entstanden. Es gibt aber auch Negativ-Beispiele, wie die Spanische Grippe, danach kam der Faschismus“, sagt Polak.

Die Frage sei, ob wir uns genügend Raum und Zeit nehmen, um darüber nachzudenken, wohin die Reise nach der Pandemie gehen soll. „Das ist meine eigentliche Sorge. Es wird einiges wieder aufgebaut werden müssen. Wollen wir, dass es so wird wie vorher? Müssen wir unser Leben vielleicht komplett überdenken? Ich sehe hier durchaus Chancen.“

Aber Reflexion trage keine lineare Dynamik in sich. „Alles hängt davon ab, wie die Menschen ihre Denk-Spielräume nutzen. Wenn man sich nicht einbringt, setzen sich die Lautesten mit den meisten Ressourcen durch.“

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