Die Suche nach individualisierten Therapien soll verstärkt werden.

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Krebstherapien
11/22/2016

Wieso ein US-Experte "echte Hoffnung" für Krebspatienten sieht

Leiter einer großen US-Kampagne gegen Krebs erwartet bis 2020 deutliche Fortschritte bei der Behandlung.

von Ernst Mauritz, Christa Schimper

"Ich kenne die Vorwürfe, dass wir Patienten falsche Hoffnungen machen. Aber diesen Aussagen widerspreche ich: Wir können vielen echte Hoffnung geben." Greg Simon, 64, ist der verantwortliche politische Direktor für eine der größten US-Forschungsinitiativen in der Ära von Präsident Barack Obama: Der Kampagne "Cancer Moonshot 2020" (in Anlehnung an das US-Weltraumprogramm). Und er war dieser Tage einer der Hauptredner bei einer Tagung der "Personalized Medicine Coalition" (PMC) zum Thema "Personalisierte Medizin" in Boston, USA. Bis 2020 sollen – auch dank dieser Forschungsinitiative – zahlreiche neue, gezielt wirksame Krebsmedikamente zugelassen sein.

Die Forschung soll durch öffentlich und privat finanzierte Studien mit 20.000 Patienten vorangetrieben werden. Initiator ist Noch-Vizepräsident Joseph R. Biden. Ihm ist die Krebsforschung ein persönliches Anliegen: 2015 starb sein Sohn Beau, 46, an einem Gehirntumor.

Kritiker argumentieren unter anderem, dass viele der neuen Therapien die durchschnittliche Lebenszeit der Patienten nur um wenige Monate verlängern, die hohen Behandlungskosten auf Dauer nicht finanzierbar seien und die Effekte für die Patienten zu positiv dargestellt werden. Simon entgegnet: "Auch eine 1000-Meilen-Reise beginnt mit einem Schritt. Wenn wir nicht lernen, wie wir drei oder sechs Monate Lebenszeit dazugewinnen können, werden wir auch nicht lernen, die Lebenszeit deutlich länger auszudehnen."

Und in manchen Fällen könne eine Verlängerung um drei Monate im Vergleich zu bisher ein großer Zeitgewinn sein: " Das heißt aber nicht, dass dies ein Vermögen kosten muss."

Simon – er hat ein Jahr in Wien studiert – ist selbst an Blutkrebs erkrankt, an chronischer lymphatischer Leukämie: "Vor zwanzig Jahren war die Behandlung nicht einfach, heute kann diese Leukämie-Form sehr gut therapiert werden. Sie ist chronisch geworden."

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Bei Hirntumoren, Bauchspeicheldrüsen-, Leber- und auch anderen Krebsarten sei man hingegen erst dabei, etwas zu finden, was das Leben zumindest um einige Zeit verlängert – "und wir beginnen erst jetzt zu verstehen, wie das funktionieren könnte". Simon zum KURIER: "Ich glaube, dass im Jahr 2020 viele heute noch tödliche Krankheiten chronisch sein werden – und viele chronische Krebserkrankungen wie meine wird man wahrscheinlich heilen können."

Eine "Therapie-Armee"

Und Simon begründet seine Zuversicht: "Als 1971 Präsident Richard Nixon die "War on Cancer"-Initiative (Krieg gegen den Krebs-Initiative, Anm.) ausrief, hatten wir überhaupt keine Ahnung, was Krebs eigentlich ist. Damals starteten wir einen Krieg, aber wir hatten keine Armee, keine Waffen, keine Strategie. Heute haben wir eine Armee, aber wir brauchen jemanden, der diese Streitkräfte mobilisiert und zusammenzieht."

Ob auch die künftige US-Regierung der Krebsforschung so einen Stellenwert einräumen wird? Simon: "Es würde zwar alles dafür sprechen, auch auf Regierungsebene das Thema weiter zu verfolgen, aber wichtiger sind der private und der akademische Bereich. Alleine seit Ankündigung der Moonshot-Initiative im Jänner 2016 haben sich 50 bis 60 private Aktionen gebildet – unterstützt von Firmen, Universitäten, Stiftungen. Die US-Krebsgesellschaft hat ihr Forschungsbudget verdoppelt. Alle haben ein Ziel: Doppelt so viel in der halben Zeit zu erreichen."

Simon betont auch die generelle Bedeutung des Lebensstils (der aber nur auf einen Teil der Krebserkrankungen Einfluss hat): "Arianna Huffington (Chefredakteurin der Online-Zeitung The Huffington Post) hat gesagt, wir behandeln unsere Mobiltelefone besser als uns selbst. Wenn der Akku des Smartphones leer ist, laden wir ihn auf. Wenn unser Akku leer ist, machen wir weiter wie bisher und trinken mehr Kaffee. Deshalb: Gehen Sie mit sich selbst so um, wie sie mit ihrem Telefon umgehen."

Der immer tiefere Blick in die Gene

„Wenn Sie Patienten eine Chemotherapie verschreiben, wissen Sie im Vorhinein nicht, bei wem sie am besten wirkt“, sagt Garret Hampton, der bei Roche in San Francisco die Entwicklung von personalisierten Krebstherapien sowie begleitenden Diagnose-Lösungen leitet. „Die meisten unserer neuen Medikamente kommen heute nur mehr in Kombination mit einem Test auf den Markt: Dieser sagt uns, wer von dem Präparat profitiert.“

Roche hat im Vorjahr die Aktienmehrheit an der Biotech-Firma „Foundation Medicine“ in Boston übernommen – und deren Aktivitäten dieser Tage erstmals Journalisten präsentiert. Foundation Medicine bietet Genanalysen von Gewebe- oder Blutproben an – und kann zum Beispiel mit einem Test für Brust- oder Lungenkrebs 315 Gene in einem Durchgang auf krankhafte Veränderungen untersuchen.

Viele Krebs-Untertypen

Die Forscher präsentierten mehrere Patientenbeispiele: Erst durch die umfassenden Gen-Analysen sei man auf erfolgreiche Behandlungsmöglichkeiten gestoßen. Etwa bei einer 32-jährigen Frau namens Kristen, die an fortgeschrittenem Darmkrebs litt. Bei ihr wurde eine Gen-Veränderung entdeckt, die eigentlich typisch für Brustkrebs ist – jetzt wird sie mit einem Medikament behandelt, das für den Einsatz gegen Brustkrebs zugelassen ist. „Und wir sprechen heute auch nicht mehr von Lungenkrebs, sondern von mindestens 14 verschiedenen Typen dieser Erkrankung“, sagt Hampton.

Forschung auch in Wien

Der Ansatz der US-Experten wird auch in Österreich schon verfolgt: So nehmen Patienten mit metastasierten Krebserkrankungen an einer Pilotstudie des Comprehensive Cancer Center (CCC) der MedUni Wien und des Wiener AKH teil. Zellen ihres Tumors werden auf 750 unterschiedliche genetische Merkmale analysiert. Anschließend werden Datenbanken danach durchforstet, ob gegen die entdeckten Veränderungen schon irgendwo ein Medikament eine Wirksamkeit gezeigt hat.