Wissen und Gesundheit
02.09.2017

Warnung vor dubiosen Stammzell-Therapien

Die regenerative Medizin weckt viele Erwartungen – das nützen skrupellose Anbieter oft aus.

Es ist fantastisch: Adulte Stammzellen regenerieren und erneuern den menschlichen Körper. Sie gelten als Wunderzellen, die die Behandlung vieler Krankheiten revolutionieren könnten. Das ist mit großen Erwartungen verknüpft. Derzeit wird weltweit eine Vielzahl experimenteller Behandlungen im Rahmen klinischer Studien erprobt – das ist für Patienten kostenlos und sicher. Aber noch ist die wissenschaftliche Datenbasis unzureichend, es braucht weiterhin Forschung, um die Risiken und Wirkungen zu klären.

Nicht genehmigt

Dennoch steigt die Zahl dubioser Therapien mit solchen Zellen, bei denen Patienten viel Geld abgeknöpft wird. Sie wurden weder genehmigt noch ist deren Wirkung bewiesen. Jetzt will die Food and Drug Administration FDA, die US-amerikanische Gesundheitsbehörde, skrupellosen Stammzellenkliniken das Handwerk legen. Die Agentur berichtete von einer Aktion gegen zwei große Institutionen und einer Biotech-Firma, die mit regenerativer Medizin Geschäfte machen und von der Not der Patienten profitieren wollen. Die Firmen haben Fett aus dem Bauch von Patienten abgesaugt, Stammzellen daraus extrahiert und diese dann gegen diverse Leiden eingesetzt – von Herzkrankheiten über Knieschmerz, Asthma, neurologische Leiden bis hin zu Krebs. Dafür wurden an die 9.000 US-Dollar verlangt. Vergangenen September ist eine 77-Jährige, die an Makula-Degeneration leidet, erblindet, nachdem ihr Stammzellen in beide Augen injiziert wurden.

Lesen Sie bitte unterhalb der Info-Grafik weiter

Dubiose Therapien

Trotzdem es in Europa strengere Regularien gebe, werden auch hier dubiose Behandlungen angeboten. Schicke Webseiten im Internet werben mit Stammzellen als Wunderheilmittel gegen fast alles. Oder für die ewige Jugend. Das ist in einen Stammzell-Tourismus ausgeartet. "Schwerkranken wird Hoffnung gemacht, die auf nichts begründet ist", sagt Univ.-Prof. Heinz Redl vom Ludwig Boltzmann Institut für experimentelle und klinische Traumatologie, einer der weltweit führenden Einrichtungen, die sich mit Geweberegeneration und Gewebezüchtung befasst. Hier wird etwa erforscht, wie Stammzellen (mesenchymale Stammzellen) für die Regeneration von Knorpel eingesetzt werden können.

Gepfuscht wird laut Bundesagentur für Sicherheit im Gesundheitswesen auch in Österreich. Im vergangenen Jahr kam es zum ersten rechtskräftigen Straferkenntnis gegen einen österreichischen Arzt und seine "experimentelle" Behandlung. Er hatte gemeinsam mit ausländischen Kollegen ein Behandlungskonzept mit nicht zugelassenen, zweifelhaften Zelltherapien angeboten. Die Herstellung der Präparate erfolgte in nicht bewilligten, nicht kontrollierten Laboren im Ausland.

Schein-Wirkung

Häufig sind es Schönheitskliniken, die solche Wunderkuren anbieten, "wo etwa Körperfett entnommen und dann im einfachsten Fall irgendwo anders hineingespritzt wird. Etwa ins Daumengelenk, gegen Arthrose. Dabei hat sich gezeigt, dass die Wirkung meist nicht auf die Zelltherapie, sondern einfach auf den Schmier-Effekt zurückzuführen ist. Fälle wie diese gibt es in Privatkliniken, aber auch in Spitälern. Daher haben wir schon entsprechende Anzeigen machen müssen", sagt Christoph Baumgärtel von der AGES Medizinmarktaufsicht.

Der zentrale Punkt: Wenn man Stammzellen entnimmt, dürfen sie nicht manipuliert oder grundlegend in ihrer Funktion verändert werden. "Geschieht das doch, handelt es sich um ein zulassungspflichtiges Arzneimittel – damit ist man im Bereich der ATMP. "Das sind Advanced Therapy Medicinal Products im Bereich Zelltherapeutika, wo umfassende Auflagen erfüllt werden müssen, um eine Zulassung zu bekommen", sagt Baumgärtel. Dies sei aufwendig und teuer, also für Ärzte kaum zu erbringen.

"Deshalb wird oft aus Nichtwissen, manchmal auch ganz bewusst, der gesetzliche Aspekt – heißt: Zulassung sowie Nachweis der Sicherheit und Wirksamkeit – ausgeblendet. Man könnte auch sagen, er wird von manchen Anwendern völlig negiert", so Baumgärtel.

Jungbrunnen

Ein verlockendes Geschäftsfeld sind Stammzell-Liftings – Verjüngungen mit Stammzellen. Das Angebot ist so unübersichtlich wie groß.

"Das auf eine solide, wissenschaftliche Basis zu stellen, ist in diesem Bereich besonders wichtig", sagt Redl. Er verweist auf Anbieter, die mit Stammzellen schon länger herumspritzen, aber teilweise nicht wissen, was sie tun. Redl selbst arbeitet mit der Wiener Dermatologin Hajnal Kiprov (siehe Zusatzgeschichte) zusammen, weil die ästhetische Medizin für ihn in vielerlei Hinsicht interessant: "Für mich ist die ästhetische Medizin ein schönes Beispiel, um zu sehen, ob man Stammzellen etwa auch bei schlecht heilenden Wunden oder in Trauma-Situationen einsetzen könnte."

Wenige seriöse Experten

In Österreich gebe es allerdings nur eine Handvoll Experten, die mit dem Thema seriös umgehen, vielfach werden arme Patienten ausgenutzt und missbraucht, weshalb sich Redl sorgt, dass Stammzellen in Verruf kommen könnten. Er arbeitet mit klinischen Kollegen mit der AGES Medizinmarktaufsicht an Richtlinien für Ärzte, auf Basis der vorhandenen Gesetze.

Redl und Kiprov sind überzeugt, dass die regenerative Medizin die Medizin der Zukunft ist, auch in der Ästhetik. Gemeinsam wurde die Firma "Liporegena" gegründet, die auf die Gewinnung regenerativer Zellen (Stammzellen, Blutgefäß- und Bindegewebszellen) spezialisiert ist. Interessenten wird künftig auch die Möglichkeit geboten, ihre regenerativen Zellen als eine Art "Bioversicherung" für die Zukunft einzulagern.

Der Trend zur natürlichen Verjüngungskur

„Mit dem Altern kommt es zu einem enormen Verlust an Volumen“, sagt die Wiener Dermatologin Hajnal Kiprov. Gift für das Aussehen seien etwa Abmagerungskuren oder exzessiver Sport im höheren Alter. Der Verlust an Fettgewebe führt zu Falten, auch die Proportionen der Gesichtszüge können sich im Laufe der Jahre verändern. Typisch dafür sind sogenannte „Marionettenfalten“, Falten im Nasolabialbereich oder aber eine verschwommene Kinnlinie.

Dauereffekt

Kiprov ist überzeugt, dass regenerative Zellen aus Fett das Füllmaterial der Zukunft sind, weil es sich dabei um körpereigenes und kein fremdes Material handle. Dieses sogenannte „Regenerative Stammzellen-Lifting“ basiert auf die Idee von Stammzellforschern, wonach Stammzellen bzw. deren freigesetzte regenerative Signalsubstanzen die Körperzellen quasi verjüngen und sie damit neues Gewebe bilden können (siehe den Hauptbericht). Fettgewebe wird in der ästhetischen Medizin schon lange zur Gewebeauffüllung verwendet, allerdings hat dessen Wirkung ein Ablaufdatum, weil das Fett nicht haften bleibe und die Zellen in einem gewissen Ausmaß absterben. Mit regenerativen Zellen angereichert, sei der Dauereffekt eher gewährleistet. Es gibt auch keine Abstoßungsreaktion.

Um diese Methode anzubieten, waren Kiprov die entsprechenden Rahmenbedingungen wichtig – Regularien, Forschung, Weiterentwicklung, Qualität. Daher arbeitet die Dermatologin nach internationalen Qualitätskriterien mit Univ.-Prof. Heinz Redl, Leiter des Austrian Cluster für Tissue Regeneration, zusammen.

Sie erklärt die Vorgehensweise: „Das Fettgewebe ist die beste Quelle für die Gewinnung von Stammzellen, sie werden durch schonende Fettabsaugung gewonnen. Im zweiten Schritt werden die Stammzellen, Endothel (Zellen, die die Blutgefäße auskleiden) und Fibroblasten (Bindegewebszellen) isoliert und nach einem speziellen Verfahren aufkonzentriert“. Diese Zellen werden samt Eigenfett per Injektion wieder an die Haut zurückgegeben.

Das Prozedere

Für das Prozedere reist ein Team von einer Außenstelle in Linz an, die sich der Gewinnung und Erforschung adulter Stammzellen widmet. Das entnommene Fett wird in einem Arbeitsdurchgang, direkt im Behandlungsraum aufbereitet und die regenerativen Zellen steril gewonnen. Der Verjüngungseffekt basiert unter anderem darauf, dass die Stammzellen diverse Stoffe, wie etwa Wachstumsfaktoren produzieren – das fördert die Durchblutung, es entsteht eine eigene Hautmatrix. Das Hautbild wird frischer – Kiprov formuliert es so: „Man wird weicher und schaut nicht mehr so müde aus“.