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05/11/2012

Wenn der Pillen-Mix zur Gefahr wird

Bei der Einnahme mehrerer Arzneien werden die Wechselwirkungen oft stark unterschätzt, warnt ein Pharmakologe.

von Ernst Mauritz

Die Gefahr ist vielen Patienten nicht bewusst: Wer blutverdünnende Medikamente mit bestimmten rezeptfreien Schmerzmitteln (z. B. Paracetamol oder nicht steroidale Antirheumatika wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen, Diclofenac) in Eigenregie kombiniert, erhöht sein Risiko für lebensgefährliche Blutungen massiv. "Die Kombination von Cumarin (Marcumar) mit einem dieser Schmerzpräparate führt zu einem 13,5-fachen Blutungsrisiko", warnte Freitag der Grazer Pharmakologe Univ.-Prof. Eckhard Beubler, ehem. Vorstand des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie der MedUni Graz.

Johanniskraut

Sehr problematisch kann aber auch die Kombination spezieller Antidepressiva (SSRI – selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer) mit diesen Schmerzmitteln oder blutverdünnenden Präparaten sein. Denn alle diese Präparate hemmen das Aneinanderheften der Blutplättchen, das vor dem Verbluten schützt. In der Kombination kann sich dieser Effekt allerdings um ein Vielfaches verstärken. "Dies gilt auch für Antidepressiva auf der Basis von Johanniskraut." Ginkgopräparate wiederum hemmen den Abbau von Cumarin – das erhöht die Blutungsgefahr im Gehirn.

Aus diesem Grund sind auch bestimmte Magenschutzpräparate (Protonenpumpenhemmer) nicht ungefährlich: Sie verlangsamen den Abbau anderer eingenommener Arzneien um das Zwei- bis Dreifache. "Das kann für Autofahrer in der Früh lebensgefährlich sein, die am Abend ein Schlafmittel genommen haben."

"Die häufigste gefährliche Arzneimittel-Wechselwirkung ist die Blutung", sagt Beubler. Im Rahmen einer schwedischen Studie wurden 1574 Todesfälle genau untersucht. 49 dieser Menschen (3,1 %) sind an unerwünschten Arzneimittelwirkungen gestorben – zum Großteil an Blutungen.

"Viele Menschen glauben, rezeptfreie Arzneimittel sind Zuckerln", sagt Heinrich Burggasser, Präsident der Österreichischen Apothekerkammer. "Wir müssen deshalb den Spagat zwischen Beratung und richtiger Einnahme schaffen." Er fordere die sofortige österreichweite Einführung der eMedikation – dabei werden alle einem Patienten vom Arzt verschriebenen und zusätzlich von ihm rezeptfrei erworbenen Präparate erfasst und auf Wechselwirkungen geprüft). Allerdings müsse das in einem Pilotversuch verwendete System vereinfacht werden.

Für den Präsidenten der Wiener Ärztekammer, Thomas Szekeres, ist es aber – vor allem wegen der mangelnden Benutzerfreundlichkeit – "noch ein langer Weg" bis zu einer österreichweiten Umsetzung.

Fehler im Spital: Wenn Kalzium mit Kalium verwechselt wird

Weil ein Arzt auf einem Vordruck sich in der Zeile geirrt hat, erhielt ein Säugling eine falsche, lebensgefährliche Infusionstherapie . Das Kind überlebte. Aus "Zeitdruck und Überlastung" habe das Vieraugenprinzip nicht gegriffen, berichtet der Arzt im anonymem Fehlerberichtssystem CIRSmedical.

Vor zweieinhalb Jahren wurde dieses System von der Ärztekammer eingerichtet, 192 Meldungen wurden bisher auf der Plattform veröffentlicht. Experten geben in Kommentaren Tipps zur Vermeidung des Fehlers. Verwechslungen von Medikamenten oder falsche Dosierungen sind ein Schwerpunkt. "Ein Klassiker sind Medikamente, bei denen es verschiedene Stärken gibt, die aber nicht einfach voneinander unterschieden werden können", sagt Artur Wechselberger, Vizepräsident der Österr. Ärztekammer. Auch unterschiedliche Medikamente einer Firma würden oft sehr ähnlich aussehen.

"Einem schweren Schaden bei einem Patienten gehen 30 bis 40 geringere Schäden voraus – und diesen wiederum 300 bis 400 Fehler, die keine Folgen für die Patienten haben", sagt Dieter Conen, Präsident der Schweizer Stiftung für Patientensicherheit. "Es gibt also ein großes Potenzial, um Schäden zu verhindern."

"In Mitteleuropa gibt es eine ganz schlechte Fehlerkultur. In England hat ein ähnliches Berichtssystem monatlich 30.000 Meldungen", sagt Patientensicherheitsexperte Univ.-Prof. Norbert Pateisky. Es wäre notwendig, zuerst Systeme zu installieren, mit denen Fehler vermieden werden können: "Dazu benötigt es intensive Schulungen und Teamtrainings. Das Umgehen mit Checklisten etwa muss man lernen."

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