Wissen
16.03.2018

Schlaflos in Österreich: Das Leben gegen die innere Uhr

Probleme mit dem Schlaf nehmen dramatisch zu. Veränderte Lebensgewohnheiten und Schichtarbeit spielen dabei eine große Rolle.

Gut geschlafen? Laut einer Online-Umfrage zu den Schlafgewohnheiten der Österreicher mehren sich die Schlafprobleme (siehe Grafik). Jeder dritte Befragte klagte über regelmäßige Einschlafstörungen, knapp die Hälfte findet keinen erholsamen Schlaf. Typisch dafür seien innere Unruhe, Grübeln, das Wälzen von Problemen – ein "Nicht-Runterkommen", sagt Studienleiter Stefan Seidel vom Schlaflabor der Uni-Klinik für Neurologie der MedUni Wien/AKH Wien.

"Veränderte Lebensgewohnheiten spielen dabei eine zentrale Rolle", erklärt Brigitte Holzinger vom Institut für Bewusstseins- und Traumforschung.Sie plädiert für einen neuen "Zeit-Sinn". "Wir leben in einer Arbeitswelt, in der viel Leistung gefragt ist und man ständig erreichbar sein soll." Das hat Auswirkungen auf die innere Uhr des Menschen – auch bekannt als zirkadiane Rhythmen des Körpers. Der heutige "Welt-Schlaftag" der "World Sleep Society" ist diesen so wichtigen inneren Rhythmen gewidmet. Im Jahr 2017 wurde für die Entdeckung jener Mechanismen, die diese Uhren steuern, drei US-Chronobiologen der Nobelpreis verliehen. "Alles was lebt, hängt an einer inneren Uhr", sagt Holzinger.

Riskante Schichtarbeit

Besonders bei Schichtarbeitern zeige sich, wie schädlich es sein kann, gegen die innere Uhr zu leben. "Schichtarbeitspläne und der Umgang mit Rhythmen sind in Österreich ein heikles Thema, das geschätzte 18 Prozent der Arbeitnehmer betrifft. Hierzulande seien laut Holzinger vor allem Dreier-Schichten üblich, also Acht-Stunden-Schichten. Dabei wird eine Woche lang früh, eine Woche lang spät und eine Woche lang nachts gearbeitet. "Allerdings braucht die innere Uhr eine Woche bis zwei Wochen, bis sie sich jeweils an einen Rhythmus gewöhnt hat", sagt die Schlaf-Expertin. Die Folgen sind fatal: "In erster Linie ist hier die erhöhte Krebsrate zu nennen, und natürlich Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes sowie Verdauungsprobleme bis hin zu Darmkrebs. Neueste Studien zeigen, dass das "Schlafhormon" Melatonin bei der Regelung der Verdauung ansetzt", sagt Brigitte Holzinger.

"Dabei weiß man heute schon viel über die Chronobiologie des Menschen und könnte diese Pläne danach einrichten, um so den Bedürfnissen der Arbeitnehmer entgegenzukommen. Krankheiten oder sogar Scheidungen wären damit vermeidbar." Denkbar wäre etwa, dass schon beim Einstellungsgespräch mehr auf die individuellen, chronobiologischen Gegebenheiten der Arbeitnehmer geachtet wird. "Das nützt auch dem Unternehmen, da geht es um Fehleranfälligkeit, Leistung und Ausfälle durch Krankheit", so Holzinger. Sie plädiert außerdem erneut für einen späteren Schulbeginn um neun Uhr. Dies würde den chronobiologischen Rhythmen junger Menschen eher entsprechen. Denn Schlafstörungen nehmen auch im Kindes- und Jugendalter zu. "Das geht so weit, dass der Schlaf-Wach-Rhythmus dermaßen gestört ist, dass die Kinder nicht mehr in die Schule gehen können oder wollen", sagt Holzinger. Einer der Hauptursachen sei der "Social Jetlag" – das Verwenden elektronischer Geräte zur Schlafenszeit. Laut der Österreichischen Gesellschaft für Schlafmedizin ist gesunder Schlaf für die Stoffwechselregulation und ein ausgewogenes Wachstum bei Kindern unerlässlich.

Schlaf-Apps: Viele Daten, aber meist wenig Nutzen

Smartphones machen munter, das ist bekannt. Doch gerade Smartphones sind es auch, die vermehrt zur Vermessung des Schlafs genützt werden. "Sleep-Tracker-Apps bieten die Möglichkeit, nicht nur den Schlaf zu registrieren, sondern einige Anwendungen behaupten auch, das Schlafverhalten optimieren zu können", sagt Gerhard Klösch von der Klinik für Neurologie, MedUni Wien/AKH Wien. Programme wie "Sleep Better" oder "Sleep Cycle Alarm Clock" registrieren den Schlaf, messen Aktivitäten und Kalorienverbrauch und setzen dies in Bezug zum Schlafverhalten – sämtliche Daten wären für die Benutzer schließlich ablesbar. Klösch kritisiert allerdings, dass die Rohdaten in den "Clouds" und Datenservern verloren gingen. "Wer hier Zugang hat, und womit diese Daten kombiniert werden – etwa Kauf- und Nutzgewohnheiten der Smartphone-Besitzer – bleibt weitgehend ungeklärt. Hier mangelt es an Transparenz", kritisiert Klösch. Positiv an den Apps sei, dass sie Bewusstsein für das Thema Schlaf schaffen. "Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass ihre Auswertealgorithmen meist nicht klinisch geprüft wurden und das Schlafverhalten nur ungefähr erfasst wird." Diese Applikationen seien daher nicht geeignet, um Schlafstörungen zu erfassen und können zu Falschinformationen führen.